Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Haßpolitik?*

1. Die Rede

ist also eingetreten, was der größte Pessimist — nnd ich war
/ einer — sich nicht so furchtbar vorgestellt haben kann. Ist aber das,
^ ^was unsre Feinde uns angetan haben und noch antun werden, seit
Iahren von ihnen mit vollster Deutlichkeit angekündigt worden, so daß wir
nur über die für uns bestehende Möglichkeit, sie daran zu hindern, opti- oder
pessimistisch denken konnten — so übersteigt der innere Zusammenbruch
alles, was mir oder semandem, dessen Auffassung ich kenne, je für möglich
erschien. Es liegt einem bleischwer in allen Gliedern, und die einzige
Hoffnung klammert sich daran, daß die Dinge in der Weltgeschichte immer
anders kommen, als man sich vom Gesichtspunkt der Gegenwart aus vor--
stellt, dieses andre aber jetzt nur noch ein besseres oder doch weniger schlimmes
sein kann. Nun, ich erlebe es nicht. Ich bitte meine Katzenjammerstimmung,
und daß ich Sie damit behellige, zu entschuldigen; aber ich komme je
länger, desto weniger darüber hinweg, wie ich Ihnen schon früher schrieb,
daß unser Rnglück der fehlende Haß gegen die Feinde gewesen ist, der
unsere Lnergie im Kampf gestählt haben würde, wie er die andere Seite
gegen uns mächtig gestärkt hat; und der vielleicht es verhindert hätte, daß
das gesamte immanente HaßbeLürfnis breiter Volksschichten sich endlich in
so entsetzlicher Weise gegen die eigenen Volksgenossen gewandt hat.

Ich möchte den vielleicht schon einmal von mir zitierten Ausspruch der
„Times" auf Grund eigener Beobachtungen bei unsern Exverbündeten so
abwandeln: Haß erzeugt Gewalttaten, Gewalt erzeugt Furcht, Furcht er--
zeugt Achtung, Achtung erzeugt Zuneigung. Darnach handelnd hat die
Entente dort nicht nur unsern Verbündeten gegenüber Erfolge erzielt. Ich
habe nämlich dort mehrere Wochen ententistischer Herrschaft miterlebt und
von neuem die Konsequenz, Einhelligkcit und brutale Rücksichtslosigkeit be--
wundern gelernt, mit der unsre Feinde das einmal gesetzte Ziel verfolgen...

2. Die Gegenrede

^ch kann Ihnen leider — oder vielmehr: ich brauche Ihnen glücklicher-
- - - Oweise — heute so wenig wie damals in der Lehre vom Haß als Waffe
beizustimmen.

* Vgl. Zweites Dezemberheft W6.


2. Augustheft tdtS (XXXII, 22)
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