Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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>unsre Welt dem Untergang verfallen? Manche glauben es. Sie
weisen darauf hin, daß alle Kulturen altern. Auch die nun schon so grei-
^Isenhaften Abendlandkulturen müßten mit Naturnotwendigkeit altern
und sterben. Mit Naturnotwendigkeit? Was heißt das? da doch die
menschlichen Träger der Kulturen immer wieder ebenso jung geboren werden
als jemals am Anfang der Tage? Handelt es sich um einen geheimnis--
vollen Säft, der sich allmählich entmischt? Oder worum sonst?

Die Ideen, die eine Kultur begründen, sind meist fruchtbar genug, um
für lange Zeiten neue Ideale aus sich loszulösen. Das Leben der Ideale
nennen wir Begeisterung, und es ist eine Goethesche Erkenntnis, daß Be-
geisterung sich nicht künstlich frisch halten läßt. Ist sie aber eingetrocknet,
so ist das Ideal Phrase; und geben nun die Grundideen keine neuen
Ideale her, so wird die ganze Kultur Phrase, unter deren Deckung der
ideenlose Materialismus sein Wesen treibt.

Eine Weile lang werden noch durch Verfeinerung, Abschattung, Tei-
lung und Auterscheidung immer neue Anreize in den alten Ideen entdeckt.
Bei Lichte gesehen sind es mehr Reize als Anreize. Ein verwirrender Reich-
tum von Einzelfällen, die »auch etwas für sich haben" oder „außerordent-
lich interessant" sind, aber die keinen Menschen durchschlagen wie ein großer
Pulsschlag vom Wirbel bis zur Zehe, so daß er sozusagen nichts mehr
sieht außer ihnen. Oder wo es solche Ideale noch gibt, da scheinen sie rein
zerstörender Natur. Das heute so viele umtreibende Ideal, tabula rasa zu
machen, damit Neues wachse, ist das vernichtendste Nrteil, das über unsre
Kultur ausgesprochen werden konnte. Ienes andre Ideal aber, das einzige,
das noch aufbauende Kraft in sich zu haben scheint, jenes unter dem Eis
brütende Feuer, das Ideal der unbedingten Vernünftigkeit, ist in Wirklich-
keit doch nichts als ein endgültiger Verzicht. Diese Vernünftigkeit ist ja
doch die Absage an das Schöpferische, der Wille, sich bis in die Finger-
spitzen einzuleben in diesen geistigen Atemkreis, der uns umgibt. Der
Entschluß, alles irrationale Drüberhinaus abzulehnen und nur noch zu
rechnen — „Rationalismus"; ratio heißt ja Verstand und Rechnung zu-
gleich.

Natürlich, auf diesem Wege kann noch viel geschehen, ehe die letzte Mög-
lichkeit erschöpft ist. Aber die Kulturen sterben nicht, wenn ihre Möglich-
keiten, sondern wenn ihre treibenden Kräfte erschöpft sind, und das ge-
schieht lange vor der Erschöpfung der Möglichkeiten.

2. Septemberheft ryis (XXXII, 2<0

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