Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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der für „seines Anrtes Lhre", ein Verkünder der Liebe, und eben darum den
Alltäglichen ein hoffärtiger Querulant, den Tod wagt und findet, in dieses
leichte Stück ist das Schicksal tausend edler Menschen eingefangen, uud es klingt
tief und dunkel davon. Auch Selma Lagerlöfs „Unsichtbare Bande"
gehören zu dem, wovon wir nie genug und nie zuviel bekommen. Da ist eine
Geschichte von einem Totschläger, der mit einem unschuldig Verfolgten zu-
sammcn im Waldgebirge ein elendes Verbanntendasein führt. Zuerst hat der
gewaltige Mann das seelische Abergewicht über den knabenhaften Anschuldigen.
Dann erfährt dieser die Geschichte jenes Totschlags und zugleich leitet der
Andere ihn sanft und nachdrücklich hin auf christliches Denken und Fühlen.
So aber erzieht er ihn zum entschiedenen Richter seiner Tat. Zuletzt, ge-
martert von Zweifeln urrd Angst, verrät der Iunge den Alten; aber noch bevor
die Häscher kommen, erschlägt er den geliebten Freund mit eigner hand. Das
ist eine der großen, bei kleinem Amfang monumentalen, erschütternden Erfin--
dungen, deren Selma Lagerlöf mächtig ist. Daneben liebt sie den Spuk oder
wenigstens den Halbspuk. In der Erzählung „Das Hüncngrab" wirkt Unheim-
liches, „Abernatürliches" entscheidend. Wie bei allen derartigen Stücken dieser
Dichterin darf man sich bei diesem wundern, daß dieses ästhetisch so gefährliche
Element sie so sehr lockt: ohne Spuk wäre die Erzählung ihr, gerade ihr, viel-
leicht zu klarerer und tieferer Wirkung gediehen. Indes, sehen wir von allen
andern ab — bloß um des „Nestkückens" willens wird der Band seine treuen
Freunde und Freundinnen finden. Stammt diese Erzählung von einem jungen
Mädchcn, das nach viel Herzschmerzen statt des hoffärtigen, oberflächlichen Neffen
schließlich den echtstarken, gütigen Onkel heiratet, etwa ursprünglich von einer
»Kränzchen"- oder „Herzblättchen"-Mitarbeiterin ab, so bedeutet dies doch nur
so viel: auch aus ungutem Samen entsprießt wohl eine süße Blume. And dieses
Reis hat ein Sonnenschein belebt und ein Wind umschmeichelt, die aus echtem
Dichterland kamen!

Ernst Didring ist nicht allzu, bekannt geworden, trotz eines früheren
Bühnenerfolges. Mit seinem Buch „Pioniere" stellt er sich in die Reihe jener
mit Natur und Technik vertrauten schwedischen Realisten, die in dem nordischen
Ingenieurland eine kleine Litcratur für sich geschaffen haben. Das Thema:
Tunnelbau und Eisenbahnbau im höchstcn Norden. Zähestes Ringen der körpcr-
lichen und geistigen Kraft einer Handvoll Menschen mit Hitze und Frost, In-
sektenplage, Einsamkcit, Schneesturm, Lawine, Steinschlag, Grauen und Tod.
Erzählt ohne jedes Pathos, sehr sachlich, trotzdem spannend und packend, mit
gutem Blick für Dingliches, Natürliches, Menschliches. Das Ganze kein Roman,
sondern eine Folge von ausgeführten Einzelbildern. Lehrreiche und tüchtige
„Lektüre" für einen Winterabend.

Auf den Eisenbahnhof-Auslagen findet man neben vielem Schund häufig
auch S. Fischers Romanbibliothek, die unter den Sammlungen dieser Preis-
lage wohl im ganzen das Wertvollste und Gediegenste bringt. Wer sich von
einer spannenden und lustigen, mit allen Mittcln ciner sehr reifen Technik
gearbeiteten, hochmodernen Gesellschaftserzählung eine oder zwci Stunden ver-
treiben lassen will, greife zu dem Bändchen, das Henning Bergers Ro°
man „Die andere Seite" enthält.

Zum Schluß eine Neu-Ausgabe. Gibt es eigentlich noch Freunde und
Leser der „Märchen und Geschichten" Hans Andersens? Dieser sanften,
weltfernen, von einem Hauch der altmodischen Süße übergossenen Erzählungcn,
wo die Sonnenstrahlen „segenbringcnde Töchter der Sonne" genannt werden
und die freundlichen Haustiere dem Lescr alles erzählen, was er noch nicht
erraten hat, wo Tieftrauriges und Springlustiges in einen Ton idealischer
Phantasie zusammenklingen, diese Wärchen vom standhaften Zinnsoldaten, von
den Galoschen des Glücks, von Hans Andersens, des reinsten und kindlichsten
Nordländers Iugend? Wenn solche Freunde noch leben, so mögen sie nach
der Ausgabe greifen, die jetzt schon zum zweitenmal in reizvollstem Buch-
gewand erschienen ist, von Paul Ernst besorgt und von Eharlotte Lhristine
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