Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

Page: 232
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart_kulturwart32_4/0263
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
unzweifelhaft und anerkanntermaßen dem Weltbild des Spinoza, des vom
Zeitlichen gereinigten Chriftentums, des Platon, um drei recht verschiedene
zu nennen? Ich zweifle nicht, daß man aus den spinozistischen, christli-
chen, platonischen Schriften je einige Äußerungen nachweisen wird, welche
sich angesichts neuerer Forschungen nicht gut „halten" lassen; man streiche
sie, oder besser: man erwähne das im Kommentar, wenn's nötig ist. Aber
man wird angesichts der lebenden Platoniker, Christen und Spinozisten von
Rang, die alle die heutige exakte Forschung doch wenigstens ungefähr
kennen, nicht sagen wollen, deren Weltbilder seien unbefriedigend, weil nicht
im Einklang mit diesen Forschungen. Es zeigt sich: die Lbene exakter
Forschung und die Ebene der Weltbild-Erzeugung schneiden sich nur wenig.
Will man aber, daß der Philosoph von den Ergebnissen der Forschung aus -
gehe und hat man sich über deren Umfang geeinigt, so entsteht die Frage,
ob das heute noch „technisch" möglich ist. Bis Einer diese Lrgebnisse ge-
schluckt hat, dürfte er ein Greis sein; so lange dauerl es gewiß, wenn er
es gründlich nimmt. Trotzdem, der Versuch wird gemacht. Der jüngste ist
enthalten in William Sterns vortrefflichem, wirklich äußerst lesens-
wertem Werk „Person und Sache", einer systematischen Philosophie des
„Personalismus" (bisher zwei Bände, I. A. Barth, Leipzig), die ich bei
dieser Gelegenheit den Kunstwartlesern empfehlen möchte. Es zeigt sich
indes, daß man nicht wohl von den Lrgebnissen moderner Forschnng aus-
gehen und dabei volkstümlich bleiben kann. Denn diese Lrgebnisse
sind keine handlichen Wahrheiten einfacher Fügung, sondern ihrerseits
schon Geisteserzeugnisse von höchstem Rang. So bleibt die Aufgabe, die
Menzer einer volkstümlichen Philosophie stellt, unlösbar. Wesen der Welt
und Bestimmung des Menschen sind durch exakte Forschung niemand klarer
geworden als vorher, und der Ausgang von den Ergebnissen der Forschung
sührt wenrl nicht ins Gebiet der Widersprüche, dann sicher in die Nicht-
Volkstümlichkeit, es sei denn, daß man alle Probleme bis zur Unkennt-
lichkeit vereinfache und alle Lösungen ebenso. Volkstümlich kann von dem,
was man noch immer unter Philosophie begreift, zweierlei werden: die
Weisheit und das Weltbild dieses oder jenes Denkers, beides nur unter
sehr bestimmten psychologischen Voraussetzungen, denen nur eine kleine
Minderheit der Itngebildeten genügt.

Ist das aber ein großer Iammer? Ich glaube nicht. And zwar weil
ich die Folgen einer etwaigen Vervolkstümlichung der Philosophie nicht
überblicken zu können meine. Zum Beispiel möchte ich Menzern gegenüber
bemerken, daß auch philosophisch hoch Gebildete sich gar nicht selten einem
kategorischen „Dn sollst" unterwerfen, daß auch sie gelegentlich kleine und
große Fragen „ungenügend" beantworten, gerade weil sie so hoch gebildet
sind. Doch dies nebenbei — es ist diese Angelegenheit Glaubens- oder
Schätzungssache. Am Schluß seiner Bemerkungen sucht nun aber Menzer
auch noch den Inhalt der volkstümlichen Philosophie abzugrenzen. Er
verspricht sich vom aufsteigenden Sozialismus eine Philosophie, die weder
pessimistisch noch individualistisch sein wird, noch von einer transzenden-
talen Äberwelt her das irdische Leben betrachtet. Möglich, daß es so
kommt. Aber mit dem Sozialismus wird das wenig zu tun haben. Wie
R. F. Schmidt jüngst wieder einmal'zeigte („Sozialismus und Indivi-
dualität", Heidelberg (9(9), reicht die Aufgabe des Sozialismus nicht eigent-
lich ins Geistige; ob da seine Wirkung so einfach sein wird, daß wir heute
schon den Inhalt einer Philosophie des sozialistischen Zeitalters erkennen?

232
loading ...