Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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Hier war eine volkeinigende und zugleich w eltwerbende Parole
erreichbar, der Krieg mußte mit den Massen geführt werden. Und 'NIassen
in aller Welt waren sozialistisch gesinnt. In Deutschland am stärksten.
Zugleich war Deutschland sozialistisch am weitesten voraus. (Denken Sie
als ein Beispiel daran, daß England heute über die Verstaatlichung der
Eisenbahnen verhandelt, die wir seit Iahrzehnten haben!) Es konnte also
gleichzeitig mit starken demokratischen und sozialen Resormen im eignen
Volk die Parole der sozialen Besreiung gegen die englische Parole des
manchesterlichen Liberalismus ausgespielt werden. Das hätte dem Volke
das Gefühl verstärkt ünd erhalten, daß es in diesem Kriege seine Sache
verteidige, und es hätte der Welt die Gewißheit aufdämmern lassen, daß
mit der gewaltsamen Unterdrückung des deutschen Volkes eine der stärksten
Entwicklungskräfte ausgelöscht werde.

Dazu kam, daß wir ja eigentlich die kolonialarmen Vorkämpfer gegen
oie kolonialkapitalistischen Völker waren. And zugleich die Vorkämpfer
nationaler Freiheit gegen die englische Weltherrschast.

Diese zweite Möglichkeit wurde beiseite gelassen. Keiner unsrer
eigentlichen Trümpfe wurde ausgespielt.

Ansre politisch Entscheidenden 'sahen a,uch uns Deutsche nur als ein
Volk, das zum Imperialismus drängte, wie die andern. Was hatten
wir vor ihnen voraus? Wir suchten geradezu Lngstlich nach dem tieferen
Sinn dieses Krieges, einem Sinn, der uns recht gab. Wer aber diesen
tieferen Sinn klar am Tage liegen sah uud auf ihn hinwies, gegen den
wandten sich die politisch Entscheidenden bis zum Verketzern.

Uud in Lie beginnenden Zweifel schlugen die „positiven Kriegsziele"
geradezu verheerend ein. Die Haßrede kam in die Beleuchtung, daß man
durch sie äußerlich und künstlich eine Einigung schaffen wolle, die man
versäumt hatte, durch Freiheiten und Reformen von innen her zu
schaffen.

Es waren eben uicht die wirklich vorwärtsführenden, die wrrklich posi-
tiven Kräfte in unserm Volke, auf die man sich gestützt hatte. Die posi-
tiven vorwärtsführenden Kräfte in uns waren die Gefühle und Ideen
der Menschheitssolidarität und der Menschheitsorganisation. Was bei
andern Völkern als geistreicher Gedanke einzelner vorkam, das war ja
bei uns seit langem den Tatsachen nach schon Leitidee. Ls ist ganz
charakteristisch, wie stark im Befreiungsaufstand vor hundert Iahren die
Vaterlandsliebe sich mit dieser Menschheitsidee verschmelzen mußte, um
wirksam zu werden. Aud wie stark der internationale Sozialismus, dieser
Tatenfang der Menschheitorganisation, als der betont deutsche Beitrag
zur modernen Weltgeschichte gelten kann, das liegt klar, es wird auch
vom Feinde so empfunden.

Hätten wir bei diesen unseren eigentlichen Kräften eingesetzt, so wäre
damit allein der Krieg gewiß noch nicht gewonnen, aber jedenfalls: die
innere Einigkeit wäre gesichert worden.

Mir scheint alio, der Lauf der Dinge habe die tzaßrede nicht nur als
ein untaugliches Mittel für uns erwiesen, sondern sie sogar als im be-
sondern Sinn mitschuldig am Auseinanderfallen des Volkes bloßgestellt.

Lassen Sie mich aber zum Schluß noch ausdrücken, weshalb ich glaubte
sageu zu dürfen, daß ich „glücklicher Weise" Ihrer Deutung nicht bei-
zustimmen brauche. Es mag damit zugleich ausgedrückt werden, was eine
solche rückblickende Selbstprüfung für uns noch für Wert haben kann.
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