Kunstwart und Kulturwart — 32,4.1919

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lich Paquet beobachtet — vier Augcn
sehen mehr als zwei. Und Vorst blicktc
aus hellen Augen, nnchtern und scharf,
als guter Kenncr und Bcobachter des
Landes und seiner Sitte, anf die un--
erhörten Begebenheitcu. Wohl nicht
Augenzeugen, aber gut unterrichtet sind
Gawronsky („Die Bilanz des Bol-
schcwismus", P. Cassirer, Berlin (9(9),
ein glänzender Schriftsteller und äutzcrst
fanatischer Hasser der Bolschewikcn, und
W. Kossowskh „Das bolschcwistische
Regime in Rußland" (W. Trösch, Ol-
ten i. d. Schweiz), auch ein Gegner,
aber maßvoller als Gawronsky. Will
man ein Äbriges tun, so nehme man
noch A. Luthers Kompilation „Eiir
Iahr Bolschewismus" (Verl. W. Klink-
hardt, Leipzig (9(9) hinzu, dic viel
bringt, aber etwas kleinlich ist. Äber-
haupt, die drei zuletzt genannten sind
Zendenzschriften, als solche in ihrer Art
berechtigt, für den Erkenntnissuchcnden
aber mit Vorsicht zu benutzen.

Kaplun-Kogan hat in Tcub-
ners Verlag (Leipzig (9(9) eine Samm-
lung von übersehten Zeitungsausschnit-
ten herausgegeben, die aus dcm bol-
schewistischen Ruszland stammen. Das
ist natürlich sehr verdienstvoll. Abcr
es konnte nur eine Auswahl sein, man
bekommt das Auffälligste aus vier Zci-
tungen, nicht den Alltag. Immcrhin,
für geübte Leser wichtig. („Nussisches
Wirtschaftslebcn seit der Herrschaft der
Bolschewiki nach russischen Zcitungen.")

Endlich — nach den genannten zu
lesen — Paquet, Der Geist der rus-
sischcu Revolution (K. Wolff, Lcipzig
(9(9). Viele wissen noch nicht, was sich
eigcntlich (9(?/(8 ereignet hat, von der
Höhe eines Iahrhunderte übcrblickenden
Standpunktes her gesehcn. Darauf
weist (außer Sombart) nur Paquet hin.
Nicht als blinder Bcwunderer, aber aus
dem Miterlebnis der größten gesell-
schaftlichen Bewegung seit dcr Völker-
wanderung heraus. Nicht als rück-
wärtsblickendcr Kritiker, sondern zu-
gleich als vorsichtiger Zergliederer, als
weitausschauender Menschheitkenner
und als erschütterter Mensch. Man
kann anders denken, fühlcn, urteilen
als cr, öffentlich hat bishcr keiner Tie-
feres, Bedeutenderes, Ernsteres gesagt
als er. Ein „Höre, Europa!" ist diese
Schrift.

Außer den gcnannten haben wir an
fünfundzwanzig kleinere Schriften über
Bolschewismus gelesen. Keine davon ist
nenncnswert. Wir möchten glauben,
daß eine wichtige uns nicht entgan-
gen ist. E. H.

Zeitungen als QuellenderInformation
er Zeitungsleser nimmt sein Blatt
zur Hand. Anter dicken Äberschrif-
ten starren ihm allerhand Nachrichten
mehr oder minder beunruhigenden In-
haltes entgegen. Er liest: »Der Frie-
densvertrag vernichtet Deutschland«,
»Einmütige Protestkuudgebungen in
ganz Deutschland«, »Der Friedensver-
trag ist unerfüllbar, daher unannehm-
bar«, »Zum Streik der Eisenbahner«,
»Großer Verkehrsstreik in Berlin«, und
so geht das weiter von einem Tage
zum anderen. Schwere Sorgen legen
sich auf das Herz des Lesers. Im lo-
kaleu Teil und unter Vermischtes nicht
weniger aufregende Nachrichten! Raub-
morde, Eiubrüche, Äberfälle, Plünde-
rung von Lebensmittelgeschäften nsw.
Das Herz wird dem Leser immer schwe-
rer. So geht das nun alle Tage. Der
Leser möchte fast an der Zukunft ver-
zweifeln. Sorgenvoll wendet sich sein
Blick dem Handelsteil der Zeitung zu.
Diesen Pflcgt er sonst fast nie zu lesen,
da er wenig davon versteht. Aber jetzt
als Besitzer einiger tausend Mark
Kriegsanleihe hat er auch für diesen
Teil Interesse gefaßt. Fast fürchtet er
sich vor dem, was ihm da noch gesagt
werden könntc. Sicher sind die Kurse
für die Kriegsanleihen bei all den
schrecklichen Nachrichten fürchtcrlich ge°
fallen. Im Geiste ist der Leser schon
überzeugt, daß er seine Kriegsanleihen
bestenfalls noch zum Tapeziercn seincr
Wände gebrauchen könnte. And was
liest er nun: »Die Grundstimmung der
Börse war fest«, »Es wird bestimmt mit
dem Abschluß des Fricdensvertrages ge-
rechnet«, »Trotz des Eisenbahnerstreiks
verkehrte auch heute die Börse in fester
Haltung«, »Kriegsanleihen zogen weiter
an und stellten sich auf PO^/z, haben
somit innerhalb weniger Tage fast scchs
Prozent gewonnen«, »Hapag uud Nord-
deutscher Llohd über Pari«, »Deutsch-
Australische Dampfschisfahrtgesellschaft
um (S Prozent gestiegen«, »Man beur-
teilt die Wirkungen dcs bevorstehcnden

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