Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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284 BESPRECHUNGEN.

Einbildung, wenn das deutsche Gemüt den andern als etwas Einziges, Unübertreff-
liches vorgehalten wird? Hinterm Berg wohnen auch noch Leute; sie behandeln
ihre Kinder und Frauen gewiß nicht schlechter als wir, und werden geradeso senti-
mental wie wir, wenn der Mond scheint, machen auch Gedichte und freuen sich
an Blumen, Wald, Wiesen und Feld; ihre Prosa ist besser und ihre Verse sind im
Durchschnitt nicht schlechter als unsere, aber im Umgang sind sie bescheidner.
Wie wäre es, wenn die Herrn von der deutschen Kultur sich auch ein wenig der
Manieren annehmen wollten? Manieren gehören doch auch zur Kultur, und sie
sind nicht unwichtig für die Stellung, die jemand schließlich im Leben einnimmt;
ein so ernster und »deutscher« Gelehrter wie Rudolf v. Ihering hat in seinem Buch
vom Zweck im Recht dieses kompromittierende Gebiet betreten.

Nun, Definitionen von Begriffen stimmen nicht immer mit den Tatsachen und
Programme nicht immer mit den Taten überein. In netten, kleinen Aufsätzchen
tauschen die Werdandibündler ihre Meinungen über die Dinge aus, die ihnen ge-
fallen und die ihnen nicht gefallen, und es wird ja viel, aber doch nicht alles bloß
am »deutschen Gemüt« gemessen. Die Zeitschrift ist übrigens sehr schön aus-
gestattet.

Wien. L. Gors.

Schaffen und Schauen. Ein Führer ins Leben. 2. Des Menschen Sein und
Werden. 1909, Leipzig u. Berlin, B. G. Teubner. 8°. 395 S.

Dies für die deutsche Jugend bestimmte Werk enthält in seinem zweiten Bande
mehrere Abschnitte, die auch für die Leser unserer Zeitschrift Interesse haben. Da
ist ein Kapitel »Des Menschen Seele-, von Karl Vorländer bearbeitet, da finden wir
Erörterungen über »Die Entwicklung der geistigen Kultur«, »Die Wissenschaft und
ihre Pflege*, »Die Geisteswissenschaften«, alle drei von Thaddäus Zielinski verfaßt,
ferner einen Abschnitt »Die Philosophie« (von Emil Fuchs) und endlich einen Ab-
schnitt »Die Kunst« (von Richard Bürkner). Diese Teile berühren sämtlich unser
Gebiet. Es ist nun unterhaltend, zu sehen, wie verschiedenartig z. B. der Begriff
der Ästhetik aufgefaßt wird: der eine Autor legt den Nachdruck auf darwinistische
Gedanken, der andere faßt Ästhetik als Normwissenschaft, der dritte versteht sie
im Sinne idealistischer Lebensaufhöhung. Doch im ganzen sind die Darlegungen
recht hübsch. Es wird Wichtiges und Gutes in leicht verständlicher und würdiger
Form mitgeteilt. Auch der Abschnitt über Kunst ist ganz zweckentsprechend, ob-
wohl an einigen Stellen zu eng mit bestimmten Lehren verknüpft. Die Literatur-
angaben, die Herr Giesecke-Teubner zusammengestellt hat, scheinen mir nicht immer
glücklich gewählt, auch wenn ich von der begreiflichen Vorliebe für Veröffent-
lichungen des Teubnerschen Verlags absehen will; allerdings kann die dem Heraus-
geber obliegende Aufgabe: für weite Gebiete nur ganz wenige Werke zu nennen,
überhaupt nicht so gelöst werden, daß allgemeine Zustimmung erfolgt.

Berlin.

____________ Max Dessoir.

Artur Kutscher, Die Kunst und unser Leben. München 1909, Max Steine-
bach, Buch- und Kunstverlag, kl. 8°. 47 S.
Die »Abteilung für Weltanschauung und Religionswissenschaft« der Münchener
freien Studentenschaft hat sich entschlossen, die bedeutenderen der an ihren Vereins-
abenden gehaltenen Vorträge in einer Sammlung herauszugeben, deren erste Ver-
öffentlichung die vorliegende Schrift bildet. Wenn ein so schwieriges und weites
Gebiet zum Thema eines Vortrages erwählt wird, muß man Verzicht leisten auf
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