Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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296 BESPRECHUNGEN.

den Komplex der Erscheinungen, ohne sie auf ihre verschiedenen Wirkungs-
komponenten hin zu analysieren. Er gelangt deshalb nicht selten zu Teilwahr-
heiten, die unter diesen individuellen Bedingungen sich als richtig bewähren können,
unter jenen wieder nicht. Dazu gehört seine Theorie von der absoluten Ge-
schlossenheit der Platzwand, wodurch, wie Brinckmann dargetan hat, jede
Wirkung für das weitere Stadtganze unmöglich gemacht wird. Eine ebenso indi-
viduell durchaus bedingte Teilvvahrheit ist der Satz von dem Freihalten der Platz-
mitte. Hauptsächlich aber verfehlt erscheint dem reineren architektonischen Gefühl
die Tendenz der »malerischen Bildwirkung« im Städtebau, der Vorzug von engen,
krummen Straßen und des asymmetrischen Prinzips der Gruppierung der Gotik.
Diese Art des Städtebaus mag dem Mittelalter konform gewesen sein, unser Raum-
sinn ist von viel großzügigerer Gesinnung: »Die gerade Linie und der rechte Winkel
bleiben die vornehmsten Elemente der Architektur und auch die gerade breite
Straße wie der regelmäßige Architekturplatz werden ihren Wert im Städtebau be-
halten. Sie bilden Kern und Rückgrat der Stadt, die monumentalste Gestaltung des
Raumes. Der Gegensatz zwischen solchen Straßen und den unregelmäßigen Quar-
tieren gibt einer Stadt erst Gliederung, Steigerung, Rhythmus,« schreibt Brinckmann.

Es ist zu wünschen, daß neben dem »klassischen« Buch über den Städtebau
Camillo Sittes auch die in höherem Grade architektonische Schrift von Brinckmann
als die notwendige Ergänzung eine möglichst weite Verbreitung findet.

Straßburg i. E.

Fritz Hoeber.

Ernst Weber, Die Technik des Wandtafelzeichnens. Mit 6 Illustra-
tionen im Text und 40 Tafeln. Leipzig und Berlin 1909, B. G. Teubner. VIII
u. 56 S. 6 M.

Verfasser, ein Lehrer in München, hat das vorliegende Werk aus Liebe zur
Natur und zur Jugend geschrieben. Während heute vielfach die manuelle Tätigkeit
überschätzt wird, möchte Weber die Schüler mehr zu lebensvollem Erfassen
angeleitet sehen, indem ihnen nicht fertige Forschungsergebnisse, sondern mehr
Rohprodukte, die zur Selbsttätigkeit anregen, geboten werden. Er versteht darunter:
Leben, das zu lebendigem Fühlen und Streben, zum Mitleben anreizt. Da sich
jedoch Wirklichkeitserlebnisse in der Schule nur in äußerst seltenen Fällen unter-
richtlich verwerten lassen, so kommt für den Lehrer mehr die Welt des Scheins in
Betracht. Der Lehrer muß Künstler sein; er muß es verstehen, seinen Schülern
räumlich und zeitlich entfernte Dinge zum Erlebnis werden zu lassen, natürlich
mit geschickter Verwertung der eigenen Erfahrungen der Schüler. Am leichtesten
gelingt dies durch das Ausdrucksmittel der bildlichen Darstellung, da sie
die jugendliche Aufmerksamkeit am leichtesten zu fesseln vermag.

Mehr als Fertiges reizt Werdendes. Daher zeige man den Kindern nicht Wand-
bilder, die mit Stoff überfüllt sind, man lasse einfache, klare Bildchen vor den Augen
der Schüler entstehen. Da in den Schulen aller Kulturstaaten schwarze Wandtafeln
sind, so zeichne man auf diesen mit weißer oder gar bunter Kreide.

Die Wandtafeln mit ihrem schieferfarbigen Grunde ergeben jedoch bei Be-
nutzung der weißen Kreide Bilder, die gleichsam Negative von Bleistiftzeichnungen
auf weißem Papier sind. Bei bloßen Umrißzeichnungen stört das nicht sonderlich;
denn der schwarze Kontur ist ebensosehr Abstraktion wie der weiße. Will man
jedoch plastische, schattierte Bilder liefern, dann darf man nicht mit der Kreide
schattieren, sondern muß Lichter aufsetzen. Und damit ist der Grundzug einer
Technik des Wandtafelzeichnens gegeben. Als verschiedene Darstellungsweisen
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