Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 5.1910

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Besprechungen.

Leonard Nelson, Über das sogenannte Erkenntnisproblem. 8°. 427 S.
(Sonderabdruck aus den »Abhandlungen der Friesschen Schule«, Bd. II, 4. Heft.)
Göttingen, Vandenhoeck und Ruprecht, 1908.
Es ist vielleicht bisweilen ein Vorteil, wenn eine Denkweise, die sich ein ge-
wisses historisches Übergewicht errungen hat, wieder einmal vollständig in Frage
gestellt wird, namentlich, wenn dieses Unternehmen mit einem großen Aufwände
von Scharfsinn und historischen Ausblicken geschieht, und wenn dieser Angriff aus
emem Lager kommt, das sich prinzipiell wenigstens teilweise mit den Voraus-
setzungen eben dieser Denkweise berührt. Denn solch ein Feind im eigenen Lager
(zum mindesten topographisch geredet) kann immerhin mit Angriffen auf Dinge
aufmerksam machen, die noch einer Befestigung bedürfen, die in irgend einem
^'nne »faul« geworden sind, und kann jedenfalls zur Klärung bestimmter Punkte
anregen, wenn auch in anderen vielleicht Verwirrung damit geschaffen wird. In
diesem Sinne ist es möglich, das Buch Nelsons »Über das sogenannte Erkenntnis-
Probleme zu begrüßen, wenn auch ein erkenntnistheoretisches Werk, das die Un-
möglichkeit der Erkenntnistheorie zum Hauptthema hat und in einer Kritik Kants
"Od seiner Fortbilder Kants wesentliche Errungenschaften dem Geiste nach zu igno-
rieren scheint, von vornherein als Ganzes abgelehnt werden muß.

Trotzdem hier vor allem von den Konsequenzen die Rede sein soll, die Nelson
auf wenigen Seiten für die Kantische Ästhetik zieht, so sind doch diese kurzen,
aber schwerwiegenden Ausführungen nicht verständlich, wenn wir nicht den all-
gemeinen Standpunkt Nelsons in Betrachtung ziehen, und das bedeutet, bei dem
Paradoxalen und differenzierten Charakter seiner Denkweise, ein gutes Stück
■Arbeit, trotz anscheinender »Flüchtigkeit«, mit der hier dieses Thema nur behandelt
werden kann.

Nelson zählt zu den Anhängern der Friesschen Schule. Er will die Streitig-

'ten zwischen der Methode des Transzendentalismus und des Psychologismus

enden, indem er auf eine beiden gemeinsame Voraussetzung zurückgeht, — diese

steht in der erkenntnistheoretischen Richtung des Philosophierens. Die Unmög-

enkeit der Erkenntnistheorie darzulegen, ist daher sein Bemühen. Als eine Art

rsatz wird uns eine Anthropologie im Sinne von Fries geboten. »Die Prinzipien

er Erkenntnis a priori müssen sich . . . aus den Beschaffenheiten des Gemütes als

es erkennenden Subjektes allein unmittelbar und vollständig erklären und ableiten

ssen«, zitiert er. Das soll aber kein Psychologismus sein; das Verhältnis der

sychologie zur Philosophie sei durch die »Unterscheidung von Inhalt und Gegen-

and der Kritik« nach Fries klar. In der Tat wird gegen die psychologische Auf-

Sllng apriorischer Begriffe polemisiert. Aber betrachten wir die Methode,

ach der Nelson im ganzen Werk verfährt, und mit der er die Denker von Kant

s zu Rickert und Husserl — abtut. Jedesmal ist er in seiner Untersuchung be-

t> die »sei es ausdrücklich oder stillschweigend angenommenen Voraussetzungen

zergliedern und die diesen zugrunde liegenden psychologischen Annahmen auf-
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