Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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BESPRECHUNGEN.

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den, wie es die Bekenntnisse zeigen, lassen das Neue, das Christlich-Mittelalterliche
und Unantike erkennen.

Hans Lietzmann berichtet über einen im April 1917 an der Porta Maggiore in
Rom neu entdeckten, noch schwer deutbaren Kultraum. A. Dören zeigt, wie sich
das Bild der Fortuna charakteristisch wandelt vom Altertum zum Mittelalter und
wieder zur Renaissance: Aus der Glücksgöttin mit dem Füllhorn und der Kugel,
dem Steuer und der Schiffsprora wird der »Dämon der Wandelbarkeit aller irdischen
Güter« mit dem einzig gebliebenen Attribut des sich drehenden, auf und ab steigen-
den Schicksalsrades, der als Warnungs-, Abschreckungs- und Strafsymbol in den
gewaltigen Erziehungsapparat der Kirche eingebaut ist, bis dann in der Renaissance
der Glaube an den eigenen »Glücksstern« die alte Fortunavorstellung mit ihren
verheißungsvollen Symbolen wieder auftreten läßt. Percy Ernst Schramm verfolgt
das Herrscherbild in der Kunst des frühen Mittelalters (bis zur Zeit Gregors VII.)
von der individualisierenden Porträtkunst der Spätantike zu der mittelalterlichen Dar-
stellung, die den Herrscher nicht mehr in Beziehung zu einer mitgemeinten Um-
gebung, sondern in bedeutsame Beziehung zum — als Untertan gedachten — Be-
schauer setzt, die nicht mehr seine Person, sondern seinen Herrscherberuf kundtun
will, nicht selten als ausgesprochenes politisches Dokument gedacht.

Dem ersten wie dem zweiten Band sind recht gute Illustrationen beigegeben.

Gießen.

Ernst von Aster.

Lehrbuch der experimentellen Psychologie von Joseph Fröbes S. J.
Zwei Bände. 2. u. 3. umgearbeitete Auflage. Freiburg i. B. 1923, Herder u. Co.
G. m. b. H., Verlagsbuchhandlung.

Der Verfasser dieses weit verbreiteten Werkes, ein Schüler von G. E. Müller,
schließt sich der in den älteren Handbüchern herrschenden Anordnung an: das
Aufbauprinzip seiner Psychologie ist das der gleich bleibenden und verbindungs-
fähigen Empfindungen. Er folgt ferner der in größeren Lehrbüchern üblichen Dar-
stellungsart, die auf stetig fließenden Vortrag und bewußte Durchbildung aller
Einzelheiten verzichtet. So ist ein Werk entstanden, das nicht eigentlich zum Lesen
einlädt, das aber mit Nutzen zum Nachschlagen und Lernen verwendet werden
kann. Für uns kommen vornehmlich zwei Abschnitte in Betracht: derjenige, der die
schöpferische Phantasie zum Gegenstande hat, und ein zweiter, der die ästhetischen
Gefühle behandelt. An jenem ersten Abschnitt ist wohl das Bemerkenswerteste, daß
Fröbes, unter dem Einfluß anderer Psychologen, die künstlerische Phantasie sehr
stark der allgemeinen produktiven Intelligenz nähert. Indem er die Frage aufwirft:
wie wird etwas Neues geschaffen?, gerät er an eine Vielheit von Antworten, aus
denen er selber etwas Neues zu schaffen nicht unternimmt. Doch soll damit kein
ernsterer Tadel ausgesprochen sein, denn es ist natürlich ein schweres Ding, das
Entstehen eines Neuen zu erklären, da das Erklären eben in der Rückführung auf
das Alte besteht und dem Neuen sein Gepräge raubt. Was dann über Inspiration
und Erfindung gesagt, besser: zusammengestellt wird, führt uns nicht weiter; da-
gegen ist in dem Kapitel über die Entwicklung der schöpferischen Phantasie eine
gute Auswahl aus der älteren Literatur getroffen (die Schriften der letzten Jahre,
auch der Jahre, die dem Erscheinen des Bandes vorausgehen, sind leider nicht be-
rücksichtigt). Was über den Zusammenhang der genialen Begabung mit der Patho-
logie gesagt wird, ist sehr wenig und ganz unzureichend. Der Verfasser hat sich
wohl durch den Wunsch nach Vollständigkeit dazu verleiten lassen, diesen Gegen-
stand, der in der Tat nicht mit ein paar Zeilen abzutun ist, wenigstens in der Kürze
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