Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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BESPRECHUNGEN.

zu diesem stünde wie das Thema zur Variation. Gehört es nicht aber zum Wesen
des Gefühls, daß hintergründig »man selbst« mitgefühlt wird; was etwa bei der
Erkenntnis nicht der Fall ist, die gehaltlich auch von den anderen durch subjektive
Motive sich unterscheiden mag, die aber nicht als hintergründigen Gegenstand den
Erkennenden selbst hat. Was bedeutet »ideales Fühlen«? Wird in ihm das jeweilige
Ich zum reinen Ich?

Zweitens: Wenn Utitz einen Akt als den dem Kunstwerk eigentlich entsprechen-
den annimmt, weicht er dem Problem der Identität des Kunstwerks aus. Die Sixtina
bedarf heute nicht nur eines anderen Aktes, um im Gefühl voll erlebt zu werden,
sondern sie ist heute eine andere als etwa zur Zeit ihrer Entstehung. Kunstwerke
sind historische Gegenstände. Das Problem der Geschichtlichkeit ist aber von Utitz
nur insofern berührt, als er sich wendet gegen eine Ästhetik, deren Kriterien
einer Epoche entnommen sind. Schließlich wird durch die Konzentrierung auf den
Begriff der Gestalt das Schöne, dessen Ungeeignetheit als methodischer Ausgang
zwar erschöpfend begründet wird, in seiner eigentümlichen kategorialen Struktur
nicht aufgeklärt.

Die drei letzten Vorträge beschäftigen sich nun thematisch mit dem, was der
Titel ankündigt: dem Künstler. Da Vortrag 1, 2, 4 in dieser Zeitschrift selbst er-
schienen, erwähne ich nur noch den dritten, der in aller Schärfe sich wendet gegen
eine Kritik von Kunstwerken vom gesundheitlichen Zustand des Künstlers aus. In
äußerst glücklicher Weise wird die zu trauriger Popularität gelangte, zum großen
Teil auf das Konto der Psychoanalyse zu setzende Frage: ob künstlerisches Schaffen
an sich gesund sei oder krank, umgebogen zu der: »wie wirkt Geisteskrankheit auf
künstlerisches Schaffen?« Und zwar war diese Umbiegung möglich, weil Utitz nicht
ausging von irgendeinem heimlich untergelegten »Normalsein« des Menschen über-
haupt, auf Grund dessen man nun ohne weiteres einen ganz bestimmten Typus
»Mensch« als anormal oder krank fixieren und seine Werke als »nichts als« deuten
könnte, sondern weil im Zentrum aller seiner Untersuchungen steht »der künstle-
rische Gestaltungsvorgang selbst«.

Hamburg. Günther Stern.

Betty Heimann, Über den Geschmack. 477 S. Verlag Walter de Gruyter
& Co. Berlin u. Leipzig 1924.

Wie im Sprachgebrauch des Alltags, so verbindet man auch in der Geschichte
der neueren Ästhetik mit »Geschmack« keinen eindeutigen und scharfen Begriff.
Kant hat darunter allgemein »das Vermögen der Beurteilung des Schönen« (Kr. d.
Urteilskraft § 1) verstanden und in diesem Sinne zieht sich der Begriff durch seine
ganze Kritik der ästhetischen Urteilskraft hindurch. Hegel dagegen versteht unter
Geschmack ausschließlich den sogenannten »guten Geschmack«; jeder umfassendere
Gebrauch des Wortes ist ihm zu unbestimmt und zu abstrakt. Und auch von dem
»guten Geschmack« hält er nicht allzu viel. Er ist »nur auf die äußerliche Ober-
fläche, um welche die Empfindungen herspielen, angewiesen«. »Wo große Leiden-
schaften und Bewegungen einer tiefen Seele sich auftun, handelt es sich nicht mehr
um die feinern Unterschiede des Geschmacks und seine Kleinigkeitskrämerei«
(Ästhetik I, 45 f.). Der hervorragendste Ästhetiker der Hegeischen Schule, Fr. Th.
Vischer, widmet dem Geschmack deshalb auch von den beinahe tausend Paragraphen
seines Werkes bloß einen einzigen und erklärt ausdrücklich: »Geschmack und Schön-
heitssinn ist zweierlei« (Ästhetik § 79). Als aber im letzten Drittel des 19. Jahrhun-
derts die metaphysisch-spekulative Methode in der Ästhetik durch die psychologische
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