Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 20.1926

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BESPRECHUNGEN.

alle Möglichkeiten symmetrischer Ornamentierung der Flächen: im Flechtband längs
der Achse symmetrisch gelagert, im Tierwirbel vom Mittelpunkt aus radiär-symme-
trisch gerichtet und zuletzt in der stark durchgeistigten letzten symmetrischen Form,
der umgekehrten Symmetrie, in abgeschlossene in sich vollendete Muster gebannt.

Eine dritte Phase der nordgermanischen Eisenzeit bringt den Verfall der ge-
wonnenen Ornamentik. Die Bänder zerfasern und zerfallen, die schön geregelten,
symmetrisch begründeten Zusammenhänge lösen sich auf, Bruchstücke gesetzlicher
Formen und Äußerlichkeiten einer nicht mehr verstandenen Ordnung sind über die
Flächen verstreut. In gerahmte Teilfelder wird das haltlose Ornament zu einer mecha-
nischen Festigung eingefangen.

Es war im Rahmen des Referats nicht möglich, der inhaltreichen Arbeit Schel-
temas gerecht zu werden. Nur in einer gewissen Vereinfachung ließ sich ein Über-
blick über das theoretisch Geleistete vermitteln. Unerwähnt blieben auch die im
Verlauf der ganzen Abhandlung durchgeführten historischen Erörterungen und die
kritische Stellungnahme zur Fachliteratur.

Als Erzeugnis des starken Willens, aus Werken der bildenden Kunst gedank-
liche Gesetze ihres Werdens zu abstrahieren, ist Scheltemas Werk seiner Wirkung
auf Wissenschaft und Kunst sicher.

Münster i. W. Magda Heilbronn.

Wilhelm Pinder, Mittelalterliche Plastik Würzburgs. 2. Aufl. Leipzig,
Verlag von Kabitzsch.

Es ist erstaunlich, wie die Ideen dieses Werkes, welche, zum erstenmal 1911 kühn
und klar ausgesprochen, einen bedeutenden Umschwung der kunsthistorischen Anschau-
ungen hervorgerufen haben, heute bereits vom allgemeinen Urteil aufgesogen sind.

Das Werk konzentriert sich rein kunsthistorisch auf die örtliche Entwicklung
der Würzburger Plastik aus dem Ende des 13. bis in die Frühzeit des 15. Jahr-
hunderts. Es bietet einen gründlichen Einblick in die zwar lokale, aber beständig
fließende, drängende Vorwärtsbewegung dieser für die deutsche Plastik bedeutsamen
Zeit. Die merkwürdige Entwicklung der Plastik des 14. Jahrhunderts erweist sich
als keine Erschöpfung, kein Ende, sondern als eine Umlagerung, eine Verschiebung
der Basis unserer Aufnahmefähigkeit. Kein »Verfall«, kein »Nicht-mehr-können«,
sondern ein »Richtungswechsel«, ein »Nicht-mehr-wollen«. Die bedeutende Plastik
des 13. Jahrhunderts beruht so gut wie die Antike auf starkem Körpergefühl. Reims,
Bamberg, Naumburg — die Krone mittelalterlicher Plastik — arbeiten mit dem
plastischen Kontraste, und zwar mit einem dreifachen: dem Kontraste innerhalb des
Körpers, zwischen Körper und Gewand und innerhalb des Gewandes. Ganz anders
das 14. Jahrhundert: die Stilwandlung, die von der Straßburger Westfassade ange-
bahnt wird, gibt zuerst in einer Etappe eine Verschleierung der Kontraste. Die Ge-
wandung wird dicht, umwickelt die Figur; schöne und elegant geschwungene Linien
»ziehen eine Art von Spinngewebe um sie herum«.

Hieraus bildet sich eine neue Einheit. Vernichtung der Kontraste führt zu einem
Unterdrücken der organischen, sinnlich pulsierenden Körperform, zu einem linearen
Formenstil — aber nicht geometrisch gebunden wie der des 12. Jahrhunderts, son-
dern »kalligraphisch bewegt«. Die entscheidende Kunst, welche jetzt der Plastik
als Hintergrund dient, ist nicht mehr die Architektur: es ist schon eine wirkliche
Flächenkunst. Aber noch nicht — wie um 1400 — die Malerei engeren Sinnes,
sondern erst noch die Zeichnung. Vorzüglich ist von Pinder der Begriff eines
»schriftartigen Schwunges« in diesen Plastiken gekennzeichnet, der — wie der Abend-
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