Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

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BESPRECHUNGEN.

Charles Lalo, Esthetique. Paris, Alcan. 106 S.

Eine recht brauchbare Übersicht über Probleme, Methoden und Lösungen der
neueren Ästhetik. Lalo selbst sieht das Hauptproblem in der Frage, ob die Ästhetik
ihr eigentliches Gebiet im Kunstschönen oder dem Naturschönen habe, was er
selbst dahin beantwortet, daß die Ästhetik eine Philosophie der Kunst, der Kritik
und der Kunstgeschichte sei, während das Naturschöne nur soweit in ihr Gebiet
falle, als es in die Kunst eingegangen sei.

Nach einer Übersicht über die Methoden behandelt Lalo ausführlicher die
psychologische und später die soziologische Ästhetik. Unter den Problemen
der ersteren werden das Verhältnis von Kunst und Leben, weiter Kunstschaffen
und Kunstgenuß, und die unreflektierten und reflektierten Formen diskutiert. Als
ästhetische Kategorien gelten: die drei der erreichten Harmonie: Schönheit,
Großartigkeit, Anmut; die drei der gesuchten Harmonie: Erhabenes, Tragik,
Dramatik; der verlorenen Harmonie: das Geistreiche, das Komische, das Lächer-
liche, Definitionen, über deren Richtigkeit man streiten kann.

Berlin-Halensee.

Richard Müller-Freienfels.

Charles Lalo, La beaute et Vinstinct sexuel. Paris 1922, E. Flammarion.

Dies kleine Buch des bereits mit mehreren Schriften über Ästhetik hervor
getretenen Verfassers ist ein Teil einer größeren Arbeit, greift aber jedenfalls ein
gegenwärtig sehr aktuelles Problem auf, das es in gründlicher Auseinandersetzung
mit der Literatur, auch der deutschen, erörtert. Er bespricht die verschiedenen Ver-
suche, die Ästhetik auf der Geschlechtsliebe aufzubauen, zunächst die biologistischen,
die auf Pflanzen- und Tierleben zurückgreifen, dann die neueren psychologistischen,
wobei besonders Nietzsche und Freud diskutiert werden, allerdings mit Ablehnung
der pansexualistischen These, die gerade darum, weil sie alles aus einem Punkte
erklären will, schließlich nichts mehr erklärt. Erotik und Ästhetik sind zweierlei,
schließt Lalo besonders nach einer Analyse des Häßlichen; man muß ihre Be-
ziehungen gewiß studieren, aber mit sorgfältiger Scheidung des Wesens beider Ge-
biete. — Der zweite Teil des Buches ist soziologisch orientiert und untersucht be-
sonders die Beziehungen zwischen Kunst und Moral, speziell im Hinblick auf die
Sexualmoral. Denn man hat der Kunst den Vorwurf der Unmoralität gerade wegen
ihrer Vorliebe für sexuelle Motive gemacht. Lalo verzichtet auf eine absolute Lösung,
sondern beschränkt sich darauf, einige der komplizierten Beziehungen zwischen
Moral und Kunst aufzudecken. Er unterscheidet verschiedene Typen künstlerischer
Betätigung. — Das Buch Lalos empfiehlt sich durch eine verständige und sachlich
abwägende Betrachtung der Probleme, ohne den Anspruch zu erheben, eine ganz
neue Theorie einzuführen.

Berlin-Halensee. Richard Müller-Freienfels.

Paul Bekker, Wagner. Das Leben im Werke. Deutsche Verlagsanstalt Stutt-
gart, Berlin und Leipzig, 1924. XII u. 588 S.

Wo immer man in der reichen Wagnerliteratur Umschau hält, — es scheint,
daß eine objektive Würdigung des Phänomens Wagner bisher unmöglich war.

Die Ausdrucksmittel des Wagnerschen Kunstwerkes stammen aus allen Gebieten
geistigen Lebens, gestalten sich aber in ihrer Vereinigung durch den Künstlerwillen
zu etwas ganz Neuem, das ihrer Sphäre nicht mehr angehört. Jede Kritik, die aus
diesen Einzelgebieten des Geisteslebens stammt, sei es aus der Literatur, der Musik,
der Welt des Dramas oder der Oper, der Philosophie, der Ästhetik oder der Ethik,
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