Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 21.1927

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ERNST CASSIRER.

sind wir über die Abstraktion der »bloß« sinnlichen Empfindung, wie
sie der dogmatische Sensualismus nimmt, prinzipiell hinaus. Denn der
sinnliche Inhalt steht jetzt, um mit Spinoza zu sprechen, nicht mehr
gleich einem stummen Bild auf einer Tafel vor uns: sondern unmittel-
bar in seinem objektiven Dasein und in seinem objektiven So-Sein
gibt er uns Kunde von einem inneren Leben, das durch ihn hindurch-
scheint. Diese Transparenz des Sinnlichen ist es, die jeder ästhetischen
Anschauung als solcher innewohnt; aber sie ist keineswegs auf das
Gebiet des Ästhetischen beschränkt, sondern sie gibt sich nicht minder
in jedem Laut der Sprache, in allen Elementargestalten des Mythos zu
erkennen. Wir fragen hier nicht nach der Möglichkeit dieses Zusammen-
hangs; wir versuchen nicht zu erkennen, .in welchen, sei es metaphy-
sischer, sei es psychologischen Grundbestimmungen es gegründet
ist, daß ein sinnlich-Äußerliches in sich die Kraft besitzt, in dieser
Weise ein »innerliches« Sein in sich auszudrücken und es uns unmittel-
bar zu offenbaren. Die Antworten, die man auf diese Frage versucht hat,
verkennen entweder das Problem, um das es sich hier handelt, indem
sie ihm einen fremden Sachverhalt — etwa den logischen Sachverhalt
eines Analogieschlusses — unterschieben oder sie schaffen im günstig-
sten Fall nur eine andere Bezeichnung für dasselbe, indem sie etwa
von einer symbolischen »Einfühlung« des Inneren in das Äußere sprechen.
So problematisch indes sich alle Theorien über das Urphänomen des
AusdriLcks, je tiefer man ihnen nachdenkt, erweisen — so klar und be-
stimmt steht es selbst, als Phänomen, vor uns. Auf der anderen Seite
aber lehrt schon ein Blick auf die Sprache, und insbesondere auf den
sprachlichen Satz, der, mit größerem Rechte als das Wort, als das
eigentliche sprachliche Elementargebilde bezeichnet werden kann, daß
die Sprache in diesem ersten Kreise, in dem Kreise des Ausdrucks,
nicht stehen bleibt, sondern daß sie ihn überschreiten, daß sie ihn not-
wendig transzendieren muß, wenn sie die ihr eigentümliche Aufgabe
erfüllen will. Denn in jedem Satz ist stets eine bestimmte Setzung
enthalten: und diese zielt auf einen objektiven Sachverhalt hin, den die
Sprache in irgend einer Weise festhalten und beschreiben will. Hier sind
es nicht mehr bloße Zuständlichkeiten im Sprechenden, die durch
die Rede vermittelt werden sollen — sondern hier wird eine Beziehung
im Sein ausgesagt, die »an sich« bestehen soll und die in diesem
ihrem Bestand für jedes empfindende anschauende oder denkende
Subjekt in gleicher Weise als auffindbar und feststellbar gedacht wird.
Das »Ist« der Kopula ist die reinste und prägnanteste Ausprägung
für diese neue Dimension der Sprache, die man — mit einem Terminus,
den Bühler im Anschluß an Husserl eingeführt hat — als ihre Dar-
stellungsfunktion bezeichnen kann. Aber über diese Funktion der Dar-
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