Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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Nr. 1-3__________ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST.____________19

DREI UNBEKANNTE RHEINISCHE

MADONNEN.

(Mit 3 Abbildungen.)

1. Aus Königsfeld auf den Höhen in dem südlichen Winkel zwischen Ahr und
Rhein stammt die Madonna Abb. 1. Sie ist 65 cm hoch, besteht aus Nußbaum-
holz und hat bis auf ganz geringe Reste in den Faltentiefen die Polychromie voll-
ständig verloren. Die Figur ist stark ausgehöhlt. Sie ist etwas ängstlich und un-
beholfen aus dem Material geschnitten. Der Kreidegrund wird die heutigen
Unebenheiten der Oberfläche einmal ausgeglichen haben.

Königsfeld gehörte ursprünglich zum Bistum Köln und hat in romanischer Zeit
einige Bedeutung gehabt. Aus gotischer Zeit sind heute noch die Hauptteile
seines feinen Kirchleins erhalten. In der Nachbarschaft von Königsfeld liegen
Remagen, Sinzig und Breisig, die heute noch bedeutsame Werke romanischer und
frühgotischer Kunst aufweisen. Von diesem Kulturbereich wird auch Königsfeld
beeinflußt worden sein. Die Madonna ist neben einer Altarmensa der letzte
Rest der Kirchenausstattung aus romanischer Zeit. Ein guter romanischer Tauf-
stein aus Lavabasalt wurde noch in letzter Zeit beim Neubau der Kirche zerstört.

Die Madonna ist kein Stück erster Ordnung, aber immerhin ein Bildwerk
von Kraft und Ausdruck, das bei dem geringen Denkmälerbestande aus romanischer
Zeit und der Gewißheit seiner Herkunft Bedeutung hat. Mutter und Kind
tragen Kronen, von denen der untere Reifen noch erhalten ist. Blattartige Ver-
zierungen wuchsen aus dem Reif einmal hervor. Davon sind heute nur noch
Zapfenreste vorhanden. Der rechte Arm des Kindes, der wchl segnend erhoben
war, ist abgebrochen. Seme linke Hand und die rechte der Mutter Gottes haben
ursprünglich Zepter gehalten. Unter dem Gürtel der Mutter befindet sich ein
unregelmäßiger Ausschnitt, dessen Ursprünghchkeit nicht sicher ist, der aber
möglicherweise den Zweck gehabt hat, dort Reliquien sichtbar werden zu lassen.

In ihrer starken Frontahtät wirkt die Madonna älter als sie tatsächlich ist.
Fußstellung, Sitz des Jesuskindes, Faltengebung usw. entsprechen dem rheinischen
Typ um 1200. Dieses an einer Kulturperipherie stehende Werk gehört der ersten
Hälfte des XIII. Jahrh. an.

2. Die Madonna Abb. 2 stammt ebenfalls aus rheinischem Besitz. Der vordere
Teil der Knie fehlt, unterhalb der Knie ist das Stück abgesägt. Die übrigen
Beschädigungen sind aus der Abbildung ohne weiteres zu erkennen. Der Torso
ist 67 cm hoch und aus Lindenholz. Kreidegrund und Polychromie sind an den
meisten Stellen nicht mehr vorhanden. Das Werk gehört in den Kreis der köl-
nischen Sitzmadonnen aus der zweiten Hälfte des XIV. Jahrh. Lübbecke und
Lüthgen haben in ihren Arbeiten über die Kölner bzw. niederrheinische Plastik
die meisten erwähnt. Als gutes und besonders großes Stück wäre dazu noch die
Ahrtormadonna in Ahrweiler zu nennen. Das hier zum ersten Male veröffentlichte
Bildwerk gehört auch zu den besten der ganzen Gruppe; es steht der von Lüthgen
Taf. XVII, 4 veröffentlichten Madonna vor allem nahe. Ihre weiche Körperlich-
keit nähert sich bereits der Friesentormadonna des Schnütgenmuseums und den
kölnischen Rehquienbüsten um 1400. Der Madonnentorso ist daher in das letzte
Viertel des XIV. Jahrh. zu setzen. Von allen mir bekannten Werken derselben
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