Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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Nr. 12 ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST. \J\

DIE KANZEL

IN IHRER ARCHÄOLOGISCHEN UND KÜNSTLERISCHEN

ENTWICKLUNG IN DEUTSCHLAND

BIS ZUM ENDE DER GOTIK.

(Mit 17 Abbildungen.)

(Sdiluli.)

Die vorangegangene Beschreibung können wir ohne weiteres auf die Kanzel
in St. Goar anwenden. Unwesentliche Abweichungen zeigt die Basis des
Fußes und vor allem der Übergang zur Brüstung, außerdem sind die
Maße etwas größer. Der Gesamtcharakter in Aufbau und Verzierung ist dagegen
ganz der gleiche, oft bis in kleinste Einzelheiten hinein. Diese weitgehende Über-
einstimmung läßt sich nur dadurch erklären, daß beide Stücke aus derselben
Werkstatt stammen. Sein Bildnis hat uns der Meister selbst überliefert. In der
Ecknische der Kanzel sitzt — als Gegenstück zum Hieronymus in Moselweiß —
der Patron der Kirche St. Goarus mit Kirchenmodell und Kelch. Zu seinen
Füßen kniet in der bei Stifterreliefs üblichen Haltung mit gefalteten Händen der
Meister, an dessen linker Seite eine Tasche hängt, aus der ein Stab oder Zirkel
herausragt. Sein Zeichen ist auf einem neben ihm stehenden Schilde angebracht.
Beide Kanzeln stammen aus dem Ende des XV. Jahrh. und sind ganz mit reicher
Bemalung überzogen, die jedoch nur bei der Kanzel in St. Goar alt ist. Die
Ausführung der Reliefs ist handwerksmäßig. Die Schönheit der Stücke hegt in
ihrer straffen, harmonischen Gliederung.

Das Motiv der Nischen in Verbindung mit Maßwerk fand der Meister bereits
vorgebildet an der Kanzel von St. Wendel aus dem Jahre 1462"5. Die Kielbogen,
deren oberer Rand mit Laubkrabben besetzt ist und in eine Kreuzblume ausläuft,
sind breiter und niedriger, da sie schon kurz über der Fußplatte ansetzen. Die
Nischen unter den Bogen sind von Wappen gefüllt, unter ihnen auch das von einem
Kardinalshut gekrönte Wappen des berühmten Gelehrten, Kardinals und Pre-
digers Nikolaus von Cusa, der wahrscheinlich die Kanzel stiftete. (Sein Wappen:
der Krebs, nach seinem eigentlichen Namen Chryfftz.) Fialen an den Ecken des
aus dem Sechseck gebildeten Korpus rahmen den oberen Teil der Felder ein, der
mit zwei einfachen Spitzblenden verziert ist. Ungewöhnlich ist das kräftige, im
unteren Teil mit einem Laubstab verzierte, stark ausladende Abschlußgesims. Ab-
weichend ist auch die Bildung des Fußes. Auf eine einfache Basis setzt eine ge-
drehte Säule auf, deren Übergang zum Korpus von einem mit Maßwerk verzierten
offenen Kielbogenkranz umzogen ist96.

96 Abb.: O 11 e: a. a. 0., I, 298. — Chr. W. Schmidt: Baudenkmale des Mittelalters
in Trier, Trier 1836, III, 8. Die St. Wendeler Kanzel ist die älteste sicher datierte Stein-
kanzel nach der Landshuter.

6 Von den drei in Belgien erhaltenen gotischen Kanzeln: aus Alsemberg, jetzt im
Musee des antiauites zu Brüssel, in Nieuport (verändert) und in Roucourt, alle drei aus Holz,
zeigen die von Alsemberg und Roucourt Beziehungen zu den rheinischen Typen. Die Kanzel
von Roucourt (Abb.: Revue de l'art chretien, 1903, S. 152), aus dem Anfang des XVI. Jahrh.
stammend, hat eine mit den rheinischen.Steinkanzeln verwandte Nischengliederung mit Kreuz-
blumen, Fialen und Maßwerk. Die sehr hohen, flachbogig geschlossenen Nischen sind mit
einer Reliefkomposition gefüllt. — Die dem Ende des XV. Jahrh. angehönge Kanzel aus
Alsemberg (Abb.: Reusens: Elements d'archeologie chretienne, 1878, II, 297) vereinigt
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