Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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Nr. 8 ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST. \Q/J

TRIUMPHKREUZ DES XIII. JAHRH.

(Mit 1 Abbildung.)

Die Neuerwerbungen waren mannigfacher Art; sie umfaßten alle Gebiete
religiösen Kunstschaffens.

Wenn wir absehen zunächst von der Osnabrücker Kultur- und Kunst-
blüte auf dem Gebiete der Goldschmiedekunst in der Frühzeit romanischen
und in der Spätzeit gotischen Kunstschaffens, so springt vor allem die
starke Vorliebe der Landschaft für gute Plastik in die Augen. Zwei Perioden
der Hochkonjunktur sind da festzulegen: die Zeit um 1300 und die um 1500.
Besonders in der ausgehenden Spätgotik um 1500 haben Domkapitel und
Geistlichkeit miteinander gewetteifert in einem glänzenden Mäzenatentume
guter und bester Kunst, speziell der Plastik.

Als grandioses Beispiel eines gesunden zielbewußten Kunstwillens mag
hier zunächst der fast lebensgroße Gekreuzigte aus Ankum vorgeführt werden.
Er bedeutet den Typus einer neuen Einstellung auf das Zentrum der christ-
lichen Gedankenwelt, auf die Auffassung vom Erlöser. Das Osnabrücker
Kapitelskreuz, aus Goldblech gefertigt, mit Edelsteinen übersät, flimmernd
und schimmernd im Glänze strahlenden Goldes, mystisch verklärt durch
die in kriechendes Goldfiligran gebetteten, in allen Farben funkelnden
Edelsteinen, ist nichts anderes denn ein Sieges-, ein Wahrzeichen der Er-
lösung, ein verklärtes Bild von Golgatha ohne jeden dramatischen Einschlag.
Es hegt mit seinem transzendentalen Glänze außerhalb der Wirkhchkeits-
begriffe, ist ein Mittelding zwischen Welt und Oberwelt1. Das XII. Jahrh.
macht dieses Siegeszeichen zum Träger, zum Throne eines Königs, des
Königs, dem alle leben; am Kreuze hängt ein Herrscher, ein König, oft
mit der Krone auf dem Haupte, ein Held, ein Sieger: dux vitae mortuus
regnat vivus. Wie im Siegesjubel über die Überwindung des Todes breitet
der Heiland seine Arme aus, um leidentkleidet in Osterfreude die Mensch-
heit zu umarmen. - Wie anders der Ankumer Kruzifixus! Wir werden
unter das Kreuz geführt und dort zu Dank und Anbetung auf die Knie
gezwungen. Welch eine exhortatio! Mitleiden, mitdulden! Franziskus und
seine Jünger hatten diese Losung der compassio ausgegeben. Gewiß: das
Ankumer Kreuz trägt noch keinen zerschundenen, unter der Passion zu-
sammengebrochenen Heiland; aber er ist gestorben unter Leiden, gestorben
für uns. Nicht der Christus regnans, der Christus patiens hängt vor uns.
Das Angenageltwerden ist Wirklichkeit geworden, der Heiland steht nicht
mehr vor dem Kreuze, er hängt an ihm, hängt mit der ganzen Last des
kraftlos gewordenen Körpers in den gerissenen Wunden der Hände, die
Last schiebt sich auch auf die schmerzende Nagelstelle der nicht mehr
nebeneinander stehenden, sondern übereinander genagelten Füße. Dem-
entsprechend ist auch der Leidensausdruck des Antlitzes. Selbst das Lenden-
tuch macht die Wandlung mit: Früher, im XII. Jahrh., war es ein schmücken-
des, oft reich verziertes Tuch, jetzt zuckt es in dieser Leinenhülle wie
mitdurchlebter Schmerz. Müde und schlaff wie der Leichnam hängt es

1 S. die Besprechung und Würdigung in Heft 1-3 dieser Zeitschrift.
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