Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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Nr. 10/11 ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST. \Ö5

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Silhouettenbäumen, die besonders beliebt sind als Vertreter des Waldes.
Kurze, leicht geschwungene Stämme tragen die Kronen, deren Rand von
härchenartigen Strichen belebt wird. Auf dunklem Grund liegen nicht mehr
schuppenartig übereinander wie im XIII. Jahrh., sondern dekorativ in die Fläche
geordnet, Blätter von Lanzett-, Eichen- oder Fliederblattform (Abb. 1 2). Je
weiter die Ausbildung des Rankenbaumes fortschreitet, desto unbedeutender
und verkrüppelter werden diese Erbstücke des frühen Mittelalters (Abb. 1 3).
Nur in der Bewegung drückt sich der Stil einer neuen Epoche aus: Die zier-
lichen Pilz- und Rosettenbäume der Glasgemälde in Königsfelden ordnen sich
in ihrer Bewegung ganz dem Dreipaßornament unter23; die kleinen Kronen
der Silhouettenbäumchen auf den Deckengemälden des Klosters „Wien-
hausen bei Zelle", die zum Teil durch Kleeblätter an langen Stielen, zum
Teil ganz ornamental mit schwarzen Zickzacklinien, von weißen und roten
Vertikalstreifen durchkreuzt, gefüllt sind, hängen wie gesenkte Köpfe hinab
(Darstellung der Versuchungen Christi).

Der Zug zum Empfindsamen äußert sich auch in den kleineren Pflänz-
chen. Vom Rasen heben sich die einzelnen Grashalme und Kleeblätter
(gras unde kle!) und krokusartige Blüten in gleichen Abständen ab. Minnig-
hch neigen die Blumen ihre Köpfchen. Ihre Blüten, im allgemeinen noch
unkenntlich, hängen mit ihren Halbkreis- und Sternformen eng mit dem
Ornament der Teppichhintergründe und der Bordüren von Wandmalereien

zusammen. Fortsetzung folgt.)

Köln. Elisabeth Moses.

ALLEGORIEN DER REFORMATIONSZEIT.

(Mit 2 Abbildungen.)

I.

Die religiöse Tiefe und Schwungkraft, die die Kunst gegen Ende des
Mittelalters verloren hatte, brachte das Kampfgetümmel der Refor-
mation nicht zurück. Das Herz wurde durch den Verstand, die reli-
giöse Begeisterung durch das religiöse Interesse und die schöpferische Mystik
durch die allegorische Gestaltung abgelöst. In Predigten und Schriften
wimmelte es damals von Allegorien, und auch die bildende Kunst brachte
allegorische Darstellungen in unübersehbarer Zahl hervor. Am bekanntesten
ist hier wohl Dürers Christlicher Ritter (Ritter, Tod und Teufel), der uns
heute wie ein Vorbild für die kommenden Kampftage des Glaubens erscheint.
Die allegorische Darstellung ist von Anfang an auch m dem Streiten hüben
und drüben als Kampfmittel angewandt worden. Ich bringe hier einen Holz-
schnitt an die Öffentlichkeit, der eine solche Kampfallegorie enthält (Abb. 1).
Er gehört nach Nürnberg in den Einflußkreis Albrecht Dürers, wenn er auch
sicher nicht unmittelbar aus der Hand dieses Meisters hervorgegangen ist.
Es handelt sich um eine im Schnitt etwas trockene, stilistisch nicht gerade

23 Burg er, Handbuch der Kunstwissenschaft, Die deutsche Malerei, Bd. II. Berlin-
Neubabelsberg. S. 321, Abb. 399.

24 Borrmann, a. a. 0., Taf. VII und VIII.
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