Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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Nr. 8

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST.

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Man beachte doch solche scheinb

aren

Äuße

tränenschwer in Zipfeln nied
henkelten und Zufälligkeiten; sie sind nie bedeutungslos, sie sprechen alle
die gleiche Sprache, und die ist hier gestimmt auf qualvolles Leiden und
Sterben. Dem Künstler hat hier nichts mehr ferngelegen als die Wiedergabe
eines natürlichen menschlichen Körpers, wie ein solcher aussehen mag,
nachdem er mehrere Tage grausamsten Leidens durchgekostet hat; er hat
hier einfach in verblüffender Abkürzung und Typisierung die Wirkung des
Leidens dargestellt. Alles Nebensächliche ist umgangen und zurückgedrängt,
in großen übersichtlichen Andeutungen ist hier alles gesagt. Vergebens
sucht man an diesem Körper eine sklavische Durcharbeitung nach dem
Modell. Welch' eine Wandlung gegenüber der straffen Geistigkeit der roma-
nischen Zeit liegt in dem Ankumer Christus zutage! Als neue bestimmende
Macht ist das Gefühl in die Kunst der Kirche eingetreten. Es erwachte
mit der Liebe zur Natur, mit dem Erwachen des Bewußtseins im Menschen,
in seiner Seele etwas überaus Wertvolles zu besitzen, dessen Regungen sich
stellen unmittelbar neben die schlichten dogmatischen Leitsätze der Reli-
gion, sich mit ihnen verschmelzen, ihre Auswirkung dem Temperament der
Persönlichkeit unterwerfen. Hier ist nicht nur mehr Symbol des Leidens,
hier ist Leiden selbst in keimender Entwickelung der Vorstellung und Nach-
bildung gegeben. Hier wirken das überlieferte Empfinden für Hoheit und
Größe, für Monumentalität aus der romanischen Epoche und lebendig-
machende Verinnerlichung unter dem Einflüsse tiefen Miterlebens neben-
einander. Eine latente Erregung steckt in dem Korpus, Hoheit hält ihre
Ausbrüche noch nieder. Große kubische Körperformen liegen klar geschie-
den nebeneinander und machen diesen Kruzifixus zu einem seltenen und
bedeutsamen Beispiel stärker werdenden freiplastischen Empfindens im
XIII. Jahrh. Er ist entstanden in der Zeit von etwa 1260-1280. Witte.

SPÄTGOTISCHE KASEL
NIEDERLÄNDISCHER HERKUNFT.

(Mit 2 Abbildungen.)

E* in lehrreiches Beispiel, welche hervorragend künstlerischen Werte un-
\ beachtet in den Winkeln der Sakristeien und Pfarrhäuser schlummern,
„/bietet die neueste Erwerbung der Paramenten-Sammlung des Diözesan-
museums zu Osnabrück. Ein herrlicher Scharlachsammet venetianischen Ur-
sprungs bildet den Umstoff für ein Bortenkreuz, das für die Stickkunst des
beginnenden XVI. Jahrh. in mehrfacher Hinsicht sehr beachtenswert ist.
Der Umstoff, den unsymmetrisch verteilte, großlappige Rosenmuster beleben,
ist sehr gestückt und verrät, daß das Gewand wiederholt „restauriert"
worden ist. Das Kaselkreuz, das von einer handgewirkten Borte aus ver-
goldetem Silberdraht eingefaßt ist, besteht aus einer 18 cm breiten roten
Seidenbahn, auf die fünf Figuren appliziert sind. Oval gestellte Rasengründe,
die durch zierliche rote, gelbe und blaue Blümchen belebt sind, geben
sämtlichen Figuren einen einheitlichen Untergrund. Die Stickerei des Unter-
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