Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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Nr. 9 ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST. 123

DIE KANZEL

IN IHRER ARCHÄOLOGISCHEN UND KÜNSTLERISCHEN

ENTWICKLUNG IN DEUTSCHLAND

BIS ZUM ENDE DER GOTIK.

(Mit 1 7 Abbildungen.)

Eine Kirchenausstattung im heutigen Sinne und Umfange kannte das
Mittelalter nicht. Viele von den Stücken, die heute den weitesten
Raum in den Kirchen einnehmen und die uns als wesentlich und
unentbehrlich erscheinen, kommen erst im späten Mittelalter auf oder finden
jedenfalls erst jetzt größere Verbreitung. Dies gilt vor allem von den Kirchen-
bänken, Kanzeln, Beichtstühlen und Orgeln. Vollentwickelte Kanzeln gibt
es in Deutschland erst seit dem XV. Jahrh. Da jedoch die Predigt zu allen
Zeiten von der Kirche gepflegt wurde, erhebt sich die Frage, wo seit der
Verbreitung monumentaler Kirchen in Deutschland, also seit der Karolinger-
zeit, gepredigt worden ist. Zum Verständnis der Entwicklung müssen wir
kurz auf den altchristlichen Ambon eingehen1.

In den ersten christlichen Jahrhunderten war die Predigt fast ausschließ-
lich Sache des Bischofs, der seinen Platz auf der in der Mitte des Apsis-
rundes stehenden cathedra hatte. Von hier hielt er auch zunächst die Predigt,
während die Verlesung der Schrift durch einen Lektor geschah, der an den
Schranken stand, die das Presbytenum gegen das Gemeindehaus abtrennen.
Hier wurde für diese Lesungen schon früh ein besonderes Podium errichtet,
für das wir bald den Namen Ambon finden. Bei zunehmender Größe der
Kirchen und vor allem, seitdem die Altäre mit Ziborien überbaut und durch
Vorhänge abgeschlossen wurden, war eine Predigt von der hinter dem Altar
stehenden cathedra aus nicht mehr möglich. Der Bischof bestieg jetzt meist
den zu Schriftlesungen bestimmten Ambon, da er sich von hier aus der
Gemeinde am besten verständlich machen konnte. Für Chrysostomus und
Augustinus, also schon für die zweite Hälfte des IV. Jahrh., ist uns dies
ausdrücklich bezeugt. In der Folgezeit wurde der Gebrauch des Ambons
für die Predigt allgemein.

Die Stellung der Ambonen war verschieden, je nachdem die Kirche nur
einen Ambon besaß oder zwei, getrennt für Evangelium und Epistel. Im
ersteren häufigeren Falle lag der Ambon in der Mittelachse der Kirche,
vom Chor aus ein Stück ins Langhaus vorgeschoben. Das berühmteste
Beispiel dieser Art ist der Ambon der Sophienkirche in Konstantinopel.
Bei der Anlage zweier Ambonen waren diese mit den seitlichen Schranken
der schola cantorum verbunden, lagen also auch hier im Gemeindehaus.

1 H. Holtzinger: Die altchristliche Architektur. Stuttgart 1889. S. 169. Fr. X.
Kraus: Realenzyklopädie der christlichen Altertümer I, 43. Ders.: Geschichte der christ-
lichen Kunst I, 379. H. Otte: Handbuch der kirchlichen Kunstarchäologie I, 294.
R. de Fleury: La messe. Paris 1883—89. Band III. Barraud: Notice sur les chaires
a precher. Bulletin Monumental, tom. XXXVI. Paris 1870. S. 5 und 113. Cabrol:
Dictio.maire d'archeologie chretienne et de liturgie. Paris 1907. 1,1 S. 1330 ff. mit Angabe
weiterer Literatur.
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