Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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Nr. 10/11 ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST. 139

DIE KANZEL

IN IHRER ARCHÄOLOGISCHEN UND KÜNSTLERISCHEN

ENTWICKLUNG IN DEUTSCHLAND

BIS ZUM ENDE DER GOTIK.

(Mit I 7 Abbildungen.)

(Fortsetzung.)

Die Errichtung selbständiger Kanzeln im Schiri der Kirche setzt nörd-
lich der Alpen ein im Beginn des XV. Jahrh. Losgelöst von strenger
architektonischer oder liturgischer Bindung, tritt die Kanzel jetzt
gleichberechtigt neben das andere Mobiliar der Kirche und prägt die für
ihren Zweck geeignete Form. Eine so einschneidende Neuerung ist nur aus
der geistigen Entwicklung heraus zu erklären. Das XV. Jahrh. zeigt auf
dem Gebiete der Kunst und des Geisteslebens einen mächtigen Aufschwung,
der das Jahrhundert hindurch anhält und in den ersten Jahrzehnten des
XVI. Jahrh. seinen Höhepunkt findet. Es steigt das Verlangen des Volkes
nach Teilnahme an der geistigen und künstlerischen Entwicklung, so daß
man fast von einem Bildungshunger des XV. Jahrh. sprechen kann.

Nachdem die wohltätige Wirkung der Bettelmönche auf dem Gebiete
des Predigtwesens im Laufe des XIV. Jahrh. allmählich nachgelassen hatte,
steigt die Wertschätzung der Predigt jetzt ungeheuer. Man erkennt ihre
große Bedeutung für die Belehrung des Volkes. Die Kirche wendet der
Predigt in verstärktem Maße ihre Aufmerksamkeit zu und weist die Bischöfe
und Pfarrer wiederholt auf den großen Nutzen guter Predigten hin. Anderer-
seits finden wir immer wieder die Mahnung an das Volk, häufig zur Predigt
zu kommen, nicht vor Ende der Predigt die Kirche zu verlassen, Kinder,
Knechte und Mägde zur Predigt zu schicken. Die Müßigen werden mit
Bann und Exkommunikation bedroht, und in den zahlreichen Beichtspiegeln
der Zeit wird das Versäumen der Predigt als schwere Schuld bezeichnet.
Auch die große Auflagezahl der Predigtsammlungen und Exempelbücher
aus der Zeit bis 1500 spricht für eifrige Betätigung der Prediger. Im all-
gemeinen wurde im XV. und Beginn des XVI. Jahrh. mindestens an allen
Sonn- und den zahlreichen Feiertagen gepredigt, zu besonderen Zeiten häufig
auch täglich und an manchen Orten überhaupt regelmäßig an bestimmten
Wochentagen. Bedenken wir die verhältnismäßig große Zahl von Kirchen
und Kapellen im ausgehenden Mittelalter, so wurde damals mehr gepredigt
als heute52.

Erklärt diese hohe Wertschätzung der Predigt ohne weiteres das Ver-
langen nach einem besonderen Predigtstuhl in möglichster Nähe der Zu-
hörer, so bot die äußere Veranlassung für die Errichtung mancher Monu-
mentalkanzel die Fundation einer eigenen Predigerstelle an der betreffenden
Kirche, z. B. im Straßburger Münster. Die Einrichtung von Prädikaturen
findet sich vereinzelt seit der zweiten Hälfte des XIV. Jahrh., doch datiert

52 J. Geffcken: Der Bilderkatechismus des XV. Jahrh. Leipzig 1855. Janßen:
Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters. 20. Aufl. I, 39 ff.
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