Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST. Nr

RELIQUIAR
AUS DEM OSNABRÜCKER DOMSCHATZ.

(Mit 1 Abbildung.)

Schriever hat in seinem „Dom zu Osnabrück" (S. 45 ff.) dem hier ab-
gebildeten Reliquiar eine beinahe groteske Besprechung gewidmet, die
in ihren kunsthistorischen Teilen völlig unzulänglich, in ihren mystischen
Erklärungsversuchen aber geradezu phantastisch ist1. Man kommt diesem
komplizierten Behälter nur mit ruhiger objektiver Beurteilung näher.

In der Hauptsache haben wir drei Reliquiare veschiedener Zeiten
und Bestimmung, sowie als vierten Teil einen mit Bergkristallknauf ver-
sehenen Fuß vor uns.

Der Fuß mit seinen Löwenpranken und den im Laubgewinde verschlungenen
Tiergestalten besteht aus vergoldeter Bronze und zeigt große Übereinstimmung
mit zwei Leuchtern in der Domkirche zu Fritzlar2. Osnabrück ist im be-
ginnenden XII. Jahrhundert ein bedeutsamer Abnehmer der damals unter
des Rogerus von Helmwardshausen Leitung arbeitenden benediktinischen
Klosterwerkstätten gewesen, die wir am besten um Abdinghoff-Paderborn
gruppieren. Das Domkapitel scheint damals ebenso gebefreudig wie künst-
lerisch einsichtig gewesen zu sein; anderenfalls könnte der Domschatz nicht
so ungewöhnlich viele und hervorragende Stücke jener Zeit noch heute
bewahren.

Der Fuß gehört, wie bereits gesagt, der ersten Hälfte des XII. Jahr-
hunderts an und steht unter dem Einfluß der Rogerusschule. Der Berg-
kristall ist einem anderen Gegenstande entnommen, die Stütze auf dem Fuß-
rande ist nicht für ihn, sondern augenscheinlich für eine Metallhülse ge-
fertigt. Auf diesem Fuße ruht ein gesondertes Reliquiar ganz eigenartiger
Form: Eine Platte, ringsum mit steindurchsetztem Filigran rahmenartig ein-
gefaßt, trägt eine auf den Kopf gestellte Bergkristallschale mit Sternschhff
auf dem Boden. Unter dieser Schale steht, aus vergoldetem Silber geschnitten,
eine winzige Taube, die in ihrem Schnabel ein Kreuzchen in Form eines
Miniaturreliquiars trägt, vermutlich mit Splittern vom hl. Kreuz. Heute
verschließen zwei gekreuzte Metallbänder, welche die Platte mit dem Fuß
verbinden, ein Falltürchen im Boden der Platte, das früher ermöglichte,
das Täubchen unter der Bergkristallschale herauszunehmen. Die Schale
läßt eine zeitliche Bestimmung nicht zu, da ihre Ornamentik auch über ihre
Herkunft aus dem Orient oder aus Deutschland keinen Aufschluß gibt.
Der Filigranrand der Platte mit den in der Mitte gehobenen Kreisschnörkeln
des gekörnten Drahtes weist auf Hildesheim, speziell auf den Godehardi-
Kelch hin und ist um 1200 entstanden.

Ein Wort ist von diesem eigenartigen, einmal als solches allein benutzten
Reliquiar auch vom hturgiegeschichtlichen Standpunkte zu sprechen. Wir
haben es zweifellos mit einer bedeutsamen Reliquie zu tun, höchst wahr-
scheinlich mit einer Kreuzpartikel. Darauf weist die Taube als Trägerin

1 Schriever, Der Dom zu Osnabrück. Osnabrück 1901.

2 S. Creutz, Kunstgeschichte der edlen Metalle. Stuttgart 1909. S. 156
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