Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST.

Nr. 8

Linken hält er die Erdkugel mit dem charakteristischen hohen dünnbalkigen
Kreuze. Der Kopf zeugt von einem gesunden, etwas spießbürgerlichen
Realismus.

Die Hauptfigur ist umrahmt durch vier Jungfrauen, die sich durch die
begleitenden Symbole: Schwert und Rad, Palme und Lamm, Drache, Turm
und Schwert als die virgines capitales: Katharina, Agnes, Margareta und
Barbara kennzeichnen. Mit einer an Miniaturmalerei heranreichenden Fein-
heit sind die Inkarnate der Märtyrer-Jungfrauen behandelt. Reich mit
Perlen gezierte Kronen und Diademe, in schwerem Faltenwurf niederfallende
Hermelinmäntel, wie sie den Stickerinnen auf niederländischen Gemälden
immer wieder vor Augen gestanden haben, schmücken die Bildwerke, und
lassen in ihren schönen Linien selbst über die aufdringliche Art hinweg-
sehen, in der die Nimben, Mäntel und Symbole mit vergoldeten Silber-
drähten überspannt sind1. Abgesehen von diesem die Gesamtwirkung kaum
beeinträchtigendem Mangel stellt die Kasel dem künstlerischen Können und
dem Empfinden unserer Altvordern ein glänzendes Zeugnis aus und fand auf
der Ausstellung für christliche Kunst in Köln hervorragende Beachtung.

Die Kasel steht vorläufig einsam im Inventar der Paramentik um 1 500.
Direkte Parallelen anzugeben ist unmöglich. Dennoch: der Eigenarten sind
genug vorhanden, um für ihre Herkunft genügend sichere Schlüsse ziehen
zu können. Schon die Salvatorfigur bedeutet allein genug, um die Zuwei-
sung an den niederländischen Einflußkreis vorzunehmen. Das malerische,
etwas spielende Dekorationselement, sowie die Figurenzeichnung sprechen
ebenfalls für die Niederlande. Sollten wir bestimmte Anhaltspunkte angeben
sollen, so würden wir eine gewisse Beziehung zu den Plastiken, die wir mit
dem Namen „Emmericher Schule" zu belegen pflegen, angeben, wenngleich
letztere zumeist auf die breite Postierung des Körpers verzichten, im Gegen-
teil einen gewissen Parallelismus pflegen. Die Behandlung der Köpfchen
aber spricht um so mehr für solche Beziehungen, wenngleich wir sie auch
in der holländischen Kunst der südlichen Zuidersee finden. Auch der Fundort,
die holländische Grenze des Emslandes, spricht dafür.

Osnabrück. D o 1 f e n.

ROMANISCHER APOSTELBALKEN.

(Mit 2 Abbildungen.)

7V uch Fundberichte können für die Kunstgeschichte von Interesse sein.
/ \ Als der Verfasser vor 20 Jahren einmal in Iburg auf dem Kirchen-
jL V. Speicher war, sah er den hier abgebildeten köstlichen Balken, der
Länge nach zersägt, als Pfosten einer Türe dienen in einer spanischen Wand.
Vielfacher Tüncheauftrag ließ nur schwach die darunterliegende Musterung
erkennen. Der Balken befindet sich jetzt im Diözesanmuseum zu Osna-
brück. Die Länge des Balkens beträgt 2,43 m, die Breite 21 cm. Die Maße
verdoppelt ergeben die genaue Spannweite des Chores der Schloßkirche

1 Vgl. Zeitschrift für christliche Kunst, Bd. VI.
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