Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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Nr. 10/1

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST.

157

PFLANZENDARSTELLUNGEN

IN DER DEUTSCHEN KUNST DES XIV. UND XV. JAHRH.,
IHRE FORM UND IHRE BEDEUTUNG.

(Mit 13 Abbildungen.)

Um aus dem Willen zur Form den Willen zum Inhalt abzuleiten, sind
oft formal scheinbar unwesentliche Dinge von inhaltlich großer Be-
deutung. Das Ornament wird Primäres, wenn es enthüllt ist, wird
mit Träger von Handlung und Idee. Bisher war kein Licht geworfen auf
Wesen und Bedeutung pflanzlicher Darstellungen der Bilder des XIV. und
XV. Jahrh.; nur ihre dekorative Bedeutung innerhalb der Landschaft gegen-
über der isolierten Aktivität der Menschen wurde behandelt, wie in den
ausgezeichneten Werken von Kämmerer1, Rosen2 und Brandt3. Pflanzen-
darstellungen sind willkommene Beispiele des Übergangs von den traditio-
nellen Formen des Mittelalters zu dem beginnenden Naturalismus der
Renaissance, kulturell betrachtet: zu der einsetzenden Naturbetrachtung,
der systematischen Beschäftigung mit der Kräuterkunde.

Da bei der Untersuchung der Pflanzenformen des späten Mittelalters
Elemente auftraten, die sich der neuen Gesinnung nicht organisch einfügten
und fraglos älterer Natur waren, da auch die Quellen zur Pflanzensymbolik
altchristlicher und älterer Zeit entstammten, schien ein Zurückgehen auf das
frühe Mittelalter unerläßlich. Einleitend sollen darum in kurzen Zügen die
Pflanzentypen des frühen Mittelalters und ihre Formwandlungen erwähnt
werden.

Der Dualismus zwischen Abstraktion und Einfühlung, zv/ischen Stili-
sierung und Naturnachahmung kommt nirgendwo so zur Geltung wie in der
Pflanzendarstellung. Kein anderes organisches Wesen eignet sich so zur
Stilisierung wie sie: Stiel und Blätter folgen willig in ihrer Bewegung der
Hand des Künstlers; die Blüte ist schon durch ihre Zentralität und Sym-
metrie zum Ornament bestimmt. Wir werden im folgenden sehen, wie
selbst der Baum sich der Willkür des Künstlers fügen muß.

In der illusionistischen Malerei der Spätantike werden Bäume nur
als helle und dunkle Flecke rein malerisch in die Landschaft gesetzt, kleine
Pflanzen höchstens durch ein paar Pinselstriche - Blumen und Gras - an-
gedeutet. Während die Malereien und Mosaiken der frühchristlichen
Zeit sich noch an diese Darstellungsweise anlehnen, entsteht in den Reliefs
der Sarkophage ein ganz neuer Stil. Zu der Asketik der Darstellungsmittel,
bedingt durch die Forderungen des Inhaltlichen, wo Darstellungsobjekt zum
Symbol wird, kommt hier hinzu, daß die Technik der Steinplastik eo lspo
zu einer scharfen Wiedergabe und genauen Durchmodellierung führt. So
entsteht ein Bild, das nicht wie das spätantike einen Naturausschnitt gibt,

1 Kämmerer, „Die Landschaft in der deutschen Kunst bis zum Tode Albrecht
Dürers". Leipziger Dissertation 1886.

2 Rosen, „Die Natur in der Kunst". Leipzig 1903.

3 Brandt, „Die Anfänge der deutschen Landschaftsmalerei im XIV. und XV. Jahrh.".
Straßburg 1912.
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