Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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Nr. 12

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST.

183

Korpus ist besetzt mit den Wappenschilden des Herzogshauses und der Stadt.
Ein reicher, durchbrochener Laubstab zieht sich unten um die Brüstung und das
geschwungene Treppengeländer. Ähnlich behandeltes Laubwerk kehrt an den
Konsolen und Baldachinen in den Brüstungsfeldern wieder. Der plastische
Schmuck weicht mehrfach von dem sonst üblichen ab. Das mittlere, durch einen
reicheren Baldachin betonte Feld zeigt eine Gruppe der Anna-Selbdritt, zu beiden
Seiten schließen sich je zwei sitzende Kirchenväter an, wobei das Relief des Augu-
stinus auf den oberen Teil der Treppenbrüstung versetzt ist. Ein fünftes schmaleres
Feld zeigt Christus mit der Dornenkrone. Kulturgeschichtlich interessant in der
Beziehung auf den für Sachsen damals so wichtigen Erzbau ist die am Aufgang der
Treppenbrüstung in Relief angebrachte Darstellung eines Bergmanns, der mit
Hammer und Schlägel im festen
Gestein arbeitet.

Die gleiche naiv-realistische
Wiedergabe alltäglicher Szenen
zeigt die Tulpenkanzel im Dom
zu Freiberg1'1, vor allem in den
beiden auf den Meister und sei-
nen Gesellen gedeuteten Figuren,
deren erstere am Fuße der Kanzel
sitzt, während die andere in un-
bequemer, etwas gesuchter Stel-
lung den Treppenaufgang stützt.
In dem barocken, in dreimali-
ger Einschnürung aufsteigenden
Kelch und dem aus naturalisti-
schen Baumstämmen gefügten
Treppenbau kommt die vor allem
für die sächsische Spätgotik be-
zeichnende Vorliebe für vege-
tabile Umbildung von struktiven
und dekorativ füllenden Gliedern
zum Ausdruck. Es ist ein voll-
ständiges Abweichen von allen

bisher als Typus geprägten Formen. Nur in der Einflechtung
in die Kelchbrüstung hält sich der Meister an die Tradition,
der ganze phantastische 3,90 m hohe Bau gegen 1480.

Die an der Kanzel in Annaberg in einem schmalen Seitenfelc Ei-
gewöhnliche Darstellung Christi mit der Dornenkrone, seine Wund e-^
ist bei der Kanzel in der Nikolaikirche zu Leipzig in die Mitte d EL
treten; zu beiden Seiten schließen sich die ebenfalls stehend« =_»
Kirchenväter an133. Das für die sächsischen Kanzeln charakten E

Abb. 17

des Königreichs Sachsen:

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Amtshauptman I

131 Vgl. Kunstdenkmäler
S.34ff., Taf.VI.

132 Christus mit Zepter und Dornenkrone findet sich noch an der Brüst E_
der Neustädter Kirche zu Eschwege im Bezirk Kassel.

133 Abb.: Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen: Stadt Leipzig, S -

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