Zeitschrift für christliche Kunst — 34.1921

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ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST. Nr. 6/7

übereinstimmend den ausgereiften Stil des Meisters zeigen. Vergleicht man
unsere Kreuzigung mit dem späteren Kreuzigungsbild des Meisters von
Meßkirch in der Galerie zu Donaueschingen, so lassen sich, sofern man von
den nicht nur zeitlich bedingten Stilunterschieden absieht, gewisse verwandte
Züge namentlich in der Gestalt der Maria feststellen. Als solche sind zu
nennen: das Statuarische im Aufbau und Umriß dieser Figur, das Zügige
der rundrückigen Falten mit den breiten, glatten Flächenbahnen dazwischen,
ferner die Anordnung der doppelten Hülle über dem Haupt, die zwar dem
Stich Dürers motivisch entspricht, bei dem Unteralpfener Gemälde aber doch
eher im Sinne des Donaueschinger Bildes gehalten ist, wobei der Schleier
mehr hervortritt. Vor allem aber besteht eine gewisse Ähnlichkeit in dem
Gesicht der Gottesmutter mit der langgestreckten Nase und dem geschwun-
genen Mund. In den schrägen, geschlitzten Augen freilich gibt der Meß-
kircher seine eigene Note. Die Gefühlsstimmung des Ausdrucks entstammt
in beiden Fällen augenscheinlich der gleichen seelischen Atmosphäre. Bei
Johannes sind die Anklänge weniger deutlich. Auf dem Donaueschinger Bilde
wirkt der großzügige Faltenwurf des Mantels mit seinen breiten Lichtbahnen,
den knitterigen Brechungen und Stauungen und den welligen Säumen mehr
im Sinne des Dürerschen Kupferstichs, von dem er vielleicht auch angeregt
wurde, als die Faltenbehandlung auf dem Unteralpfener Bilde. Dagegen
sind bei diesem in ähnlicher Art die Lichter auf dem Haupthaar in kurvigen
hellen Linien gegeben. Für die schwere, rassige Auffassung des Christus-
körpers, wie sie der Meßkircher liebt, kann der Akt auf dem Unteralpfener
Bilde kaum als jugendliche Vorstufe angesehen werden, eher ließe sich dies
für das Haupt des Heilands annehmen. Eine gewisse Verwandtschaft zwischen
beiden Werken erklärt sich wohl unschwer daraus, daß beide Meister aus
der Formenanschauung Dürers heraus ihre Werke schufen,;! der Meßkircher
durch die Schultradition des Franken Schaeufelein vermittelt, unser Anonymus
mehr im Sinne der schwäbischen Meister umgedeutet. Der malerische Vor-
trag der weißleuchtenden Folie des Marienmantels erinnert von fern an die
Maiweise des Meisters von Meßkirch, aber die koloristische Gesamthaltung
des Bildes vermag doch keineswegs an dessen seltene koloristische Vorzüge
heranzureichen. Das Ausschlaggebende bleibt die starke, durchaus persönliche
Eigenart der Stilsprache des Meßkircher Meisters, die sich gewiß auch in
einem Jugendwerk durchgesetzt hätte. So bleiben wir bezüglich der Her-
kunft des Meisters der Kreuzigung von Unteralpfen auf die obigen Ver-
mutungen angewiesen.

Freiburg i. Br. Joseph Gramm.

3 Auf den Flügelbildern mit der ölbergszene in der Donaueschinger Galerie hat der
Meister von Meßkirch die Gestalten des Heilandes und des schlafenden Petrus der Kleinen
Passion Dürers (B. 4) entlehnt. Bei der Gefangennahme ebenda entnahm er die Gruppe
mit Petrus und Malchus dem folgenden Blatte der Dürerschen Passion (B. 5).
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