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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt (61) — 1919 (September bis Dezember)

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https://doi.org/10.11588/diglit.3728#0016
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Ksterteichische Vorgösehte gegen unsers ergeire
Triwve su HEe geruten, wie sas rn der uns ver-
biindeten ÄVnioe wiederholt der F-all wnr.

Die Disziplinaraüsbildusrg des östetteichi-
schen SoLdaten war höchst mangelhaft, aber es
soÜ nicht verkannt werden, daß die Mühe, die
fich die deutschen Führer um die Hebung der
Lsterreichifchen Ausbildungsverhältnisse gege-
ben haben, von einigem Erfolg begleitet war.
Die Ersatztruppentöile waren sehr schlecht.
Lies Lag an der Führerauswahl, da auf ülle
EleNrente zurückgegrisfen werden mußte, die
überhaupt nur in Frage kamen. Die meisten
diefer Hörren hatten nun keine Ahnung voN
deN AnforderungöN moderner Kriegführung.
Dementfprechend war auch der Ersatz schlecht.
Bemerkbar machte sich überall das Fehlen
eines alten gedienten und erfahrenen Unter-
offizier-Korps. So waren die österreichischen
Truppen der russischen Ueberlegenheit nicht
gSwachsen. Ueberall, wo es galt. energisch
Stand zu halten, mußten Deutsche aufgestellt
werden. Wo das nicht geschllh, brach die öster-
reichische Armee zusammen wie die vierte öster-
reichische Armee vor der Brusiilow-Offenstoe.
So hat diese Armee eine große Mitschuld an
unserem Zusammenbruch, aber es ist lächer-
lich, zu behaupten, fie sei der unseren ebenbür-
tig gewesen. Mit einer Arnree, in der keine
MannesZucht herrscht, sind keiNe Erfolge zu
erzielen, am allerwenigsten über dann, wenn
die Völker noch vollkommen unkultiviert sind,
wie das in Oesterreich-Ungarn doch noch viel-
fach ber Fall war. s.

Liman von Sanders Schtcksale

Miarschäll üvmcm von Sanders ist, wle kberichtet,
aus der Gefan-senschaft nüch Borlin suriickMkebrt.
Uobev seine GefangenschM machte der Marschall
einem Mtavboiter der .Zossvschen Zeitung" fol-
gende Ängaben:

Mit elnoin Transvort von 120 Ossisieren rrnd
1800 Mmn baibe er zu Anfang des Acchres die
Tüukei verkasien. Jn Eibraltar, wo der Damv-
ker -unachst Z2 Mochen liegen blisb, fei ein en^-
lischer Seeoffisrer aN Vord gekommen Und hade
ihn im Anstrag des Eouiverneurs von Mbraltar
Lobeten, mit ihm an Land zu kommen. Än Land
sei ein englischer Arnileefuhror aüf ihU sugejreten
und baibe ibn sum Kriegsgesangenen der
englvschen Äegierung erklcirt. Dex enörgische
Hrvtest des Mwkschalls uiid sein Hinwois, dah
er jetzt nach vier Monaten WastenstiÜstand unmög-
lich zum Kriegsgcstrngenen gemacht werden könne,
blveb fruchtlos. Er wurde zunächst in eine
Kasematte seLracht, in der er, strenge bewacht,
zweieinhalb Mpnate Lubringen muhte, ohne dah
es ibm gÄans, den EruNd seiner Devhastung und
Gvsangensetzung zu ersahren. Das DrückenLfte sei
ftü' ihn gewescn, datz et n iemals den Gr-und
seiner Gefangennaibme und' die gegen ilhn erhobe-
nen Beschuldigungen erfabreu habe. Wuf iseine
dauernden Proiefte', und als e? energisch verkangte,
vor eiin Snvlisches Kriegsgericht göstellt ru werden,
wurde ihm von deN Englandern Mitgetevlt, das
ei'igliische war ostioe wisie setbst nicht, warum er ge-
fansen gesetzt roerde, wolle absr nochmals die
sranzösische Regiemng um Muskunst angchen. Am
16. Augüst sei ihm nritgejeilt worden, datz el <rm
nächlsten Tage nach Döutschland abretsen
köiine. Die Rctilse vön Malta Nach Denedig haibe
er als East der englischen Ädmiralität auif edn<m
Krüegsschiff surnckgelegt, wo er an Bovd nrit allen
Ehttzi, bühandelt worden sei. Much in Benedig fe
er iU jeder Wedse kortekt llufgenommen woideti.

Auf di-s Ftage, wann die im Orient gafangen-
sehaltenen Soldateii voraussichtlich zurtickksbren
kLitiien, erwiderte dsr MarschaÜ:

,Ln Mälta ist man der Ansicht, dah matr mtt der
NücksenLung der Orientgefäiigeneiv nicht allzulange
wehr sögern wird, jedoch ist zu bedenken, daH noch
immer etne grotze Frachtraumnot HSrrscht. Es
könne nicht schavf genug betotnk werden, wie trai:
rig die Üage gerade der Örientgef-ange^
nen sei, unter denen fich auch erne MMge von
OftastikanSrn befande. Diclss Loute sind schon be-
reits fünf Jahre in Eefaiigenschaft, viale von
ibnen habsn sest zehn Jahveni die Hebmat nicht
gesahen. Sie Ihaben ihr HaL» und Eut verloren,
find deprimiert und durch das Örientklim-a zel,
nrüvbt. Derlangt DeutschkrNd seine Gefangenen
zur'ück. so möge es zuerst dte Örrs'ntgefcn-
genen energisch zurückfordern."

- Einer ÄZtreM-Preh-Meldung zufolge wtrd sich
Generäk, Li'man von Sanders wegen der Ävme-
niör- und Syrier-Massakres zu ver--
untworten Haiben. Jn «iner Ilnterredung, d'e
MarschaÜ Lrman von Sanders nrit einevr Bsrtre-
. ter der P. Z. hatte^eMärte er, dah alle Behauv-
tungen von seiner Mitschuld an dSn Mrmenier-
Masiakres erlog«n und böswillig erfun-
den seieii. JnbeHUg auf den Zusammenbruch an
dvr Palästinafront erklärt-e dcr Marschall,
diesor sei auff das sänzliche Versagen drr rcch-
ten Flügelgruvve der 8. türkischen ÄriM« zurückzu-
stihron. DeutschS Truvven hätten dvrt nicht ge-
stmidon'.

Die Zekstöruttg deutscher Luslschisfe

Dto Nachrichten von dcr Zeistörung deutscher, ln
England befindlicher Lustschiste sind d.-chin zu er
gänzen, daß eimil'ge dieser Lustsch'.fffo b-reits in den
lotzten Tagen des Krieges wegen Detricbsstoffs.
mailgel abmontiert werden muhten. Diese Lust-
schitic stnd jcdoch amTage vonScava-Flow
von d:utlsch!en Seeleutcn zcrstört worden.

Der engl.-russische Geheimvertrag

mit der Negterung Lianosow enthält fol-
gende Vervflicht ungen Englands:

1. Mit allen Mittolit die Rogi«runü Lvanosaw
im KamvfS gegen den Dol,cheavismus und ibeson-
ders in ihren Bomühungen zur Bcffetzung von P o-
tersburg zu unterstützen. 2. Jhr Mumtton und
mode-rno Krffegsmittel wie Tanks, Aerovlane usrd.
-u siellen. Ebenso jede Unterstützung stir die von
der Regvetung Lianosow anveavorchenen Soldäten;
3. einetz Druck auf Deutfchland aUstzUÜben,
um die NekrUtierung der rusitschcn Kriegsgesange-
nen iN Deutschland zu erleichtern; 4. dro von dcr
büljchowististlien Herrschaft heinrgSsuchteii Rsgionen
zu vervstegen. Zu dieffem Zrveck wtrd elne von
ettter gSMdschlen englisch--rusiifchen Kommisiion rkoch
festz.us«tzende Anzachl von Echiffen zur ausschlieh-
lichen Verstigung deS kusifchen ErnabrmrgKmt«'
msters fichor gestelll; 6. nach dem Stunz des Bol-
schvrvismus der Regierung eitten Svezialkr'dtt bra
zur Höhe oon 1 Milliakde Nubel zum Ankauf vott
Mafchinen und Nobstofffcn stir die Mederb^stel-
lung der rusiiffchen Jndustrle einzuramnchr. Die
Einzelheiten bleiben einor gcmischten englifch-rust
sischen Kotnmission vorbshalten.

Nuhland seffnerseits vervflichtet stch.
1. alle Hcffonderen Jnteresien Englcrnds im Bal -
tikum <rnAu«rkannen; 2. dem Baltiku-M EeleSoiv»
heit zur Ausfflibung setnss Selbfftbestimnvungsrcchts
zu gaben; 3. offstsiell irach dem Fall von Peters-
burg stitt DesiNtoresie in der oorfischen Frage M
erklären; 4. alls Schuld-n Ver «Hinaligsn Rsgke-
rungen anzuerLenneN; 8. auf jeden bsssrvers bs-
deutenden Eimkauf in Deutschlasild tzu ver«
zichten, ffolang^ mit Englattd auf Gkltttd des äb-
goschloffsc-nen Kredits nsch Liefferungsvsrttäge be-
stellen; 6. alle Veriräge anzlleLkenmn, vte swischen
Ensland auf der etnen Sttte und Koltschak-
Denikin auff der attderen Seits abgcffchlosien
wurden. 7. eiive demokratffschs Negicrung o mu-
setzen, dte fich auff das gleiche Mahlrecht und auf
diS MeichberechtigUNg allet Biirger vdr den Gs-
sehen siützt.

Dto Nachrichtenstelle Ves Genstr Bkattes be.
merkt, däh alle zwischen England und Kolsichak>
Denffki'w abgeffchlosienen Derträge vorläuffig geheim
seien. Man verstchert jedoch, dah es sich um be-
sondere Vergünstigungen bandelt, d'e
ENgland 1>m Kaukasus ünd ln den Pe tro-
LelllNg^bietenl eingeräumt worden seien.

» * *

Msag dem im Einzalnen sein, wie ilhm woüe, die
Art, wis die engkvsche Kreuzsvinne vhte Md».m
übevall hittziebt, hat was Grotzarttges in sich. Das
Netz zu zerteihcn, sind wir nicht mehr lmstande,
DeutschlaNd mar^der letzte aussichtsre'che Kamrller
gegen die enslijche AZeltherrschait, abcr die Wllt
von Feinden hat ibn gefällt. Wie Unendl ch sich
die Ententegenossen Englam1:s damit solhfft' gefchci-
digt haben, werden sie wohl Lald erkennen.

sanMküUgskäbenS «rhoibsn. War es «hÄnials nur
^ffne Pvaxis der katholüschen Kirche und ihrer Die-
ner, intolerant gegen Andorsdenlkende zu sein, so
wivd in unisern Versammlungen dieiffe klerikale Jn->
tolevans hcute bei weitem iiberboten, und dicffer,
UnduilLIsamkeit MndeffsdenAender gesemiber bedie-
nen fich in Werkslait und Versammlmvg gerade
diejenffgen am meisten, die daS Mort Freihefft in
Nieffenlettern. auff ihre Fahne gcffchriebeir haben.
Mte eofahrene Arheiterfführer, dia in -hrem Loben
nichts anderes getan, als den stolzen Bau ührcr
Organksation aufgerichtet und stir die kuljurells
Hebung ihrcr Bcruffssenosien gewffrkt babett, wer-
den heuto behandolt, wie ehemallge SchärfmacheU
mlhli-übige Aubeiter zll bebaNdeln vslegken, S e,
an deren ÖrgLnisationstätigkeffk Man^nichks aus-
ffetzon kamm,-werLr'n aufs Pflastcr gewdrstn, wevl
fle Nicht hundsfföttisch 'genug sind, mit den^gegen-
revolutioivären Elementen der Gegenwairt zu
schreien und zu toiben,., Als stnef SckMlda wnd
es für ewig- Zettett gelten müsiem, dah in V r
Arbeiterbewogung jemals eine solche Unduldsam-
keit und rohe Sitt«nmerwilderung Platz gLelffom.
konnte.

Wir können Ltese Klage vollkümmen verste-
hen, nur sollte Las Vlatt fich nicht über etne
Zeiterscheinung aufregen, an deren Entwick-
lung es selbst mitgearbeitet hat. Wer hat
denn früher den Arbeitern am meisten g7,
fchmeichekt, auch wo es am wenigsten ang -
bracht war? Der Klasienhaß und die Un.
duldsamkeit flnd am meiften durch den V-r-
wärts geschürt worden, nach desien Schilderun-
gen die oberett Klasien steks eine fittenlose,
verwilderte Gesellschast waren. Jetzt laut t
die Melodie ündets, Die MenschenkenNtniS
des Vorwärts und feiner Leute hat fich in den
letzten zehn MonateN offenbar recht ausgie-
big erweitert.

Die Sühne für die Ermordung
^Manheims

Dte von einigen BlättSrn gcbrachte Mitteilung,
dah dve doutsche Nogierung die von der ffranzö-
sischen gefforderte Butze oon 1 MvlliüN Ma,rk
itt Gold für die Töttvivg des SevgoanteN MlanH lm
bereffts ttlegt habs, ist dahin zu oerstohett. datz d e
dcut-sche Regtorumg nach wis vor an iihrcm Rcchts-
ftandvunkte fclstbält, wonach nttrn ffvamtzöstffchersetts
nrcht bc-rechtist ffei, di« Städt Berlin für das be-
dauerliche Vonckommnis bastbar ru machett. Von
deutffcher vviväter Seite ist nun, Um dffesen
Zwvschenfall a>Us dSr Welt su fchafffen uttb die Rei-
bungsatmosvbäre mit Fvänkre'ich zu beseitigsn, 1
Million Mcrrk zur Derfügung gestellt wordeN, da-
mit di«se Summ« dem internüt'ivnlLlen Roten
^reuz rur bsliebigen Veiiwenduttg übeuwiesen
werden kaittr.

IDer Kampf mtt den BolscheLvtsten

Hämbukg,^2. Sevt. Dem HaNtburger Fremden-
blatt wird aus Kovenhagen gemeldet: Das hie-
fige EizteÜe lttaulschs Pressebüro 1«M
mit: Auf der Front segen dto Bos'chswisteN tst bte
Rct« Armee zui Hluftösllng gebrächt wor-
den. Die Bolscherolsten wütden IttnriNgl und bte-
ten Litauen den Friedsn an. Das libvusicho Heer
rückt gegen Wrlna oor und lläbert fich dex vst-
nischim Grenge.

Stockholm, 2. Scvt. Nach Mjoskamer Nachrichten
babon die Bolschewisten dlls schwedische Kon-
sulat in MloskaU^ in deiN Mllionenwertö unter-
gelbracht waven. gevlündeit. Jm Kon'mlat
beffindet, sich auch eine Filiale dek NatioNalktMt.
Lünk. die llbev mHrere Millionen Dollars tn
BcrVMittÄN uttd WertvnVieteN vökfügt.

Die Eisenbahnerforderllngen'

Eine vpn vielon Tauffenden rm Zirkus Busch be.
suchts Versammlümg der Eisenbahner nahm.
otue Etttffchliehung an, in der festgestelli wicd, datz
die iwcvhgebenden Korverschaften die Focderungen
dcr Eiffeivöaihnor Lcsonders als bercchtigt crnerkcn-
nen und den fefften Willen haben, den Eilsanbah.
nern zu helffen. Die Versammlung hältz nach rov-
vor an den Fovderungen fest und eewcvrtcrt. dah die
mahgebenden Körp'rschasten mch ilhren W Üen in
die Tat umsetzen. Zur Kohlenoersorgung
ffut Hausbramd und Jndustrie steht die Veistrmm-
lung auff dem Standvunkt, dah sie die Vercmtwor-
tung ivicht auff fich nehmen kann und will. dio ent-
steht, wenn d':e Schuld des Zustrmmenbruches auf
die Eis"'nbahner fallen würde. Mtt dcnn Bvwtthr-
sein, dah das Proleiariat in erster Linie die giöhke
Not zu tvagen und erdm-lden bätte, bält es die B7r-
santtnlung für ihve Pffl'.cht, aus aller Kvaft die
Fertrgsdellung von Lokomotwen und Magen KU bc«
treiben, vorausgesetzt, dab die EiseEÄhnvevwal«
tung dis Gewäihr dastir leistet, den BsdiMstieten
das Mitbestimmungsvecht oinHuräumen
urd tatsächlich bestrebt ist, alles Äaramzuffotz'N, um
den guten Millen der Bediensteten zu untcrsüützett.
Die Bersammlung sprach fich ferner gegen jede Art
von Akkordarbeit aus und bekundete, dah sie
das, was sie stiiher an Attordarbeit leis-rn nmhte,
znkunstig aus steier Ueberseiigung und aus Pfl cht-
gestchl tun will zur Eesundung des ganzen Wirt-
schastslebens.

Diefe Entschliehung söll dor vreutz'fschin Lamdes-
vcrstvimnlung, der Natioivalverffammluna und dem
Eisenbabnminister'rum unterbrottet werden.

Die Spiralbohrer der „Freiheit"

Zn der Anzeigenrubrik der unabbänsigSn Frei-
k>«Ir .FLerkzeugo und Maschinen" finLen fich in
eitt-r eittstgen NuvMer noben oiner verein-
zelten Nachsrage nach El ktromotoren nffcht went-
ger als 16 Anzeigen, tn denen Soiral- und Schnell»
bohrer sesucht weiden. Svlkülbohrer stnd brffännt-
lrch crlls b^önders wertoollem Stahl herscstellt und
entsvrcchend tsuer; auherdem ilst LekaNttt,
diofo lcffcht zu verborgenden Wevkzeuge in> d«n
NkiaschffttenffabrEen zahlreich gcstohlen werden. Da
MN die Fabrikleitungen dio Frs-heit schwerstch
üffs Markt für Vobrer benutzen, so sHen dstse An-
zeigM in dsm unabhättg!g"n Blatl offsanbar von
Leuton aus, dffe die kostbaren Werkzouae auff il-
legitlmsm Woge erwerbett wollen und stch
nicht scheuen, durch Inserate sum DiobsMbl anzu-
reizen.

gcmgcm uNd einen unrechtnvähigen Eswinn eiM».
stcckt hätten.

Der Münchener Geiselmsrd-
Prozeh

Deutsches Neich

Zeichen' der Zeit

Der Vorwärts wendet sich mit klagender
Kebärde gegen die V e r w i l d e r ü n g,
die in der A r b e i t e r k l a s s e Platz gegrif-
fen hat, und besondeis gegen die IlnduldsaM-
keit, die der Arbeiter gegen alle bezeigt, die
nicht zu seiner Klasse gehören:

Wer die Arbeffterklasso in ihrcin jäbrzcbntelan-
gen KcilMpff um oine höhere Kultur verffolgt und
daraus Vorgleiche zieht mit unserör hcutigen Zcfft,
wivd stch des Eittdrucks nicht erwchrett 'köttiie'n, dah
ünter eittem Teil der heutigen VersaMmluttgsbe-
stlchov 0111« stavke Verwilderung Platz gegriffen
hat. Mvs in ffvüheren Iahren als eins Schande
' gaLt, wird haute zum obersten Eesetz des Ver-

Versammlungsbesuch als „Arbeit"

Neulich erffuhr dio L-itu'ng d«s ElU'blamven-
wsrffos der SiemensWeite, dah drei lder Partei dor
Uttcsbhänglgn attgcchörende Arbeiterräte döm
Lohnbüro wöchdtttffich Aufstellunsen übcr 60 bio 68
Arbeitsstunden einreichten. dis beza-blt wurden,
obwohl dle Airbeitszeit sür alle Aivgest.lltev des
Werkes auf Stunden wöch'ntlich ffestgesetzr
war^ Die drei Arbcüterräte lietzen sich nümlich
iede' Uob-erstundo mfft 3,30 M. be-ahlen. «vhstltcn
also wochentlich im Durchschnitt annähernd 50 M
mehr als dto iibrigett Arbetter. Jn de« Unter-
suchung erfflärten die drei A^be'iterräte. dah ste
den Besuch dor Ver sa mm l unigett nach
Diettstschluh. sowie sonstigo Tätigkeit „im Jn>
tsresis der Arbetterschaft" äls Dionst b'tvachtct.n
und dafllr vott der Firma Bezablung verlangten.
Jnfolgedesien übergch die Lefftung des Werkcs die
Lobnffchiabungs->Angelegettheit dem ZenivalM bei-
tctrüt und dieffer fällto die Entschöidung. dah hier
eitts uttrechtmähige Vereicherung vor-
liöge, ettthöb diiese Arbeiterräte ihres Postcns und
zwattg sie, in einer ösfentlichen Veöscrmnvlung di«-
Erklärung chgugcben', datz ste Lohnschttbungen be-

Unter großem Andrange des Publikums be-
gannen am 1. Septeniber oor dem Münchencr
Volksgenchts die auf zehn Tage berechn?ten Ver-
K"dlungen in den Prozeß gegen hen Sparka-
klstenfuhrer und früheren Stadtiommandantsn von
Ncünchen, Zr.tz Seidl aus Chemintz und 15 Ee-
nossen wegen der Ermordung und V.vstümmeiur-ä
der bedaueri'swerten zehn Geiseln der Münchener>
Aprilräteregierung. Auf der Anklagehank sitzen
ueben Seidl 15 Ängellagte. Alle' werden beschul-
d'igt, and zwar Seidl und Schickelh^er ats Nä-
deissührer, an der Ermordung und Verstümme-
lung der ungiücklichen Ge.seln teilge-.ommen zü
haben. Nach deäi Eutachten der zu der heutigen
V>.rl)andluiig geladenen medizinischen^Sachver-
ständigen liegt bei jämtlichen Opfrrn nvchi nur
Mord, sandern üuch Mißhanvlung und
Verstümmelung vor. So zeigt ^ne Leiche
am linkrtt Arm emen explosioartvgen Durchschuh
und oine Zertrümmerung des Kaisers. Diese Vex-
lstzuttgen weisen nach der gerichksärztlich.n Zest-
steltuttg nichl den Lharatter von Gervehrschuhver-
letzungen auf, sondern sind wohl durch Handgra-
naten oder ähnliche Waffen verursacht worden.
D.e Anklage stellt fcfft, daß hie -ehn ermordeteii
Eeisetn mehrsre Tage und Nächte lang in vem
Keller des Lu'tpoldghMnasiüms festgehalten
wurden. S>e lagen in dem tlsinen Raum auf dem
nackten, kalten Steinboden, während es von den
Wänden herniedertropste. Anfangs hatten sie ein
KerMllcht, dann erschien Levien in dem Eelah,
ördttete die FortNahme des Lichtes an unh unter-
sagte die Gewährung jeder Erleichlerung. da es
stch doch nicht mehr lohne! Die Bande solle bis
zu ihrer Erschießung sich mitWasier u. Brot begnü-
genl Ueberhaupt hatten d e Geiseln den Eindruck,
daß die grausame Vehandlung auf Leoien und
Leoine zurückzuführen war, die allerdings in Leu->
ten wie Hausmann unjd besondc-rs Seidl nur. all-
zu willige Werkzeuge gefunden hatten. Die Eei-
sekn wurden fortgeffetzt mil SchiMpfworten, wie
Bluthunde, Schweinebattve, Lelegt und in rohester
Meise alle paar Stunden auf die Notwendigkeit
einer baldigeu Erschießung hingewiefen. Weib-
liche Angehörige von Geiseln, die es unternom-
men hatten, den Eefangenen Esien ins Luitpold-
Eymnasium zu bvingen, wurden von Seidl unter
Schmähungen ins Eesicht geschlagen. Die Eeiseln
durften ihrett Kerker nicht oerlassett, zut Befriedi-
gung ihrer Notdurft stattd ihnen ein dort aufge-
stellter Kübel zur Verfügung.

Unter den zur Verhandlung vorgeladenen Zeu-
gen besinden sich zahlreiche Verwandte der er-
mordeten Geiseln. fernek Offiziere und Soldaten
der Reichswehr. Mitgliedtt der inzwischett aufge-
lösten Roten Garde und zahlreiche Personen, die
ebenfalls öals Geiseln vorübergehend in Haft
waren. Das Volksgcricht setzt sich aus drei or-
dentlichen und vier tn Zivilkletdung erschienenen
Volksrichtern zusammen. Die Angeklagten werden
von je zwoi Eendarmen und zwei Soldaten der
Reichswehr bewacht.' Sio machen fast durchweg
einen wenig günstigen Eindruck. Eine Anzahl von
ihnen ist wegett Zuhälterei, EinLruchdiebstabls,
Widerstands gegen die Staatsgewalt, Betrugs,
Wildcrns, Tierquälerei usw. angetlagt. er-
sten Teil 'der Vevhandlung benimmt fich Seidl
sehr herausfordernd und lacht mehrere Male hoh-
nisch auf. als die einzelnen Morvtaten an den
Eeisoln zur Verhandlung gelangen. Bei seiner
persönlichen Vernehmuttg wird er jedoch zusehends
tleinlauter. Neben ihm interesiiert vor allem sein
Unterkommandant der iZmmermann Schickel-

hüfer, eine echte Münchenex Vorstadttype. ohne
.sche

Kragen mit schmutztger Wäsche uttd einem ausge-
sprochenenAlkoholikergeficht. Nach dem Zeugen-
aufruf begründet Staatsanwalt Hoffmcmn die
Anklage. Er schildert das Schicksal der einzelnen
Gerseln, die fast durchweg aus anderen Stävten
stammett. Die Ängeklagten haben die Geiseln roh
und gemein behandelt. Die Erschietzung der Eei-
keln fand aus nächster Nähe statt. Wenn eines
der Opfer noch Lebenszeichen gab, so scho^ irgend
ein Rohling noch einmal.

Der erste Verhandlungstäg wurde ganz von

" idl

->em Verhör des HauptangeHagten Seidl in
Anspruch genommen. Se-dl war Mitglied der
Kommunistischen Partel. Er erklärt, er habe eine
rein polttische Tütigtett ausgeübt und sei an die
Bcffehle des Oberkommandos, des Vollzugsrates
und der Stadttommandantur gebunden gewesen.
Lr bestveitet Äerhaftungen und Festnahme von
Personen oon fich aus angeordnet zu haben. Wer
d e Verhaftung der fpäter als Eetscln erschosienen
Mitglieder her Thulegesellschaft hefohlen habe, sei
ihm nicht bekannt. Seidl bestreitet auf Vorhalten
des Vorsitzenden hin, fich den Verhasteten gegen-
übcr brutal benommen zu haben. Besondere.Räu-
me für ^die Veemahruna der Gefangenen hätten
nicht bestanden. Einmal habe er von Egelhofer
den Befehl bekommen, die Gefangenen im Keller
des Eymnastums unterzubringen. Er habe sich go-
gen diesett Aufenthaltsort' ausgesprochen unv auch
in einer Nack)t veranlaßt, daß fie ins Wachzimmer
gesührt wurden. um sich erwärmen zu können. Der
Lorsitzende zeigt den Angetlagten und den acht
Derteidigern eine Aufnahme des Kellers, die von
der-Ungehcuerl chkeit des vier Meier langen, vier
Metcr breiten und 1,75 Müter hohen. von dem
Tageslicht völlig abgefchlossenen Lockies teffne an-
nähernde Vorstellung^gabe. Nechtsanwalt Lieb-
knecht erwidert, er tönne versichern. datz dies
eln Palüst sei gegen die Raume. in denen nach
den Ianuarunruhen die Schutzhaftgefangenen und
politischen Häflffttge unorgebracht worden sefen.
Seidl glaubt, Egelhofer habe den Befehl gege-
bcn, die Leute der Thulegesellschaft in den Keller
zu stecken. Zm übrigen verlegte sich Seidl stark
aufs Leugneu. Jedes dritte Wort lautcte: Davon
weiß ich nichts! Er will sogar nicht wisien. wo
der Platz ist an welchem die Eeiseln crschosse.ii
worden stnd Auch an das ihm zur Last gclegte
brutüle Verhalt'en gegen verschiedene Verhaftete
will er sich in keiner Weise erinnern tönnen. Zu
einer kleinen erregten Auseinandersetzung kam es
itti Laufe der Vcrnehmung zwischen dem Vor-
sitzeudcn Ustd dem Verte diger Liebknecht. der wie-
derholt in das Verhör eingrcifen wollte. sodaß
'ihm zuletzt von dem Vorsitzcnden eine Ordnungs-
strafe angedroht wurde.


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