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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt (61) — 1919 (September bis Dezember)

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https://doi.org/10.11588/diglit.3728#0099
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Donnerstag, den 18. September 1919

Badische post — Nr. 217

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MM Endpunkt Nlllh M!k

Der Fall Remhard

ist bis ru e'mem gowissen Ende -gediehen: es war
n'chts mit den Boschuldigungen nnd dex Denum-
zr.vnt iist als ein zicinlich üdler Miensch entlavvt
wordön. Trotz dep b-is zu seiner Ncde ungeklärten
Lage scheute sich Philipp Sche.denrann nicht, in
Kassel eine Philippika gcgcn Reinhardt und Noste
zu halten, auf die Noste in Dresden sehr goschickt
geant-wortet hat, Scheidemann schxine ön ddr
Schwoiz. die Dorgänge in der Hsi'inat nicht begris-
fon zu hcvbrn. Hier hätte NoSke weiter aueholen
und behaupten könncn, dah andsre Echeidemänner,
die dauermd in Deut'schlllmd gewesen sind. sich noch
viel schlimm-er benobmen, als dhr Fühvcr. Sie vor-
gessen d>ie Leistungen des Obevsten Reinhavdts,
vergessen, datz er sie aus schweren iStunden be-
fre'ite, vergeffen, datz er und kein anderer es war.
der die Atüvz-Unruhen ni.Iderschlug und die Negie-
rwng a>us ihver Notlage befreite. Um so mehr
hätto gerade Scheidemann Erund. dein Oh rst n
Neinhard' ein Dankblatt zu schreiiben: denn es jst
in politischen Krers-en kein Geheimnis gewcisen, datz
er in den MÄrztagen täglich mit dem Gedanken
umging. die Kommunistsn würden die Obeihand
behalton und i'hn sum Rücktritt zwingen. Er hatte
sich sagar schon in soin Schicksal g.'fundcn und s-ann
darüiber nach, wie or sich,-' wenn die Stunde k.rm,
da die Unabhängigen und Kommunisten die Re
gierung übernehmen würdezi, ani deisten und sicher-
sten >aus dem Staube machrn konnte. Mdevstind
zu lersten wagte er nicht, er batte sich sang seft
und unerbittlich, sogar zum Schrecken sein-er Mni,
sterkollegen eingerodet, der Kommunismvs müffe
kommen, Datz er n'icht kom, verdankten wir dem
Mut und der Aufopserung Reinhards. Sch 'idsmann
bat cigentlich seinen Rett-er schnell vcrgeffen. Und
inair muh es Noske nachsagen, da» er. d-er !n den
Mlsärztagrn schon Sch.''idemanns Unkenrufen er-t-
schicden gegenü'bertrat, dem Manne der Trt ein
befferes AndcNken bcwahrt hat. Er fand für
Rei.iha.d, den Sche-iidemann aufs Schaffott sch'ckcä:
wollte, warme Worte und hat stch damit als ein
.(wenigstens ein b'.ffel) obiektiver Manu erwi stn.

Freilich: es war Noske nicht schwer, Schevde-
mann gründlich dio Wrhrheit zll sagen. denn iir-
»wischsn! hat sich herau.'gestcllt.- datz ein gewiffer
Ncuendorf, der gegen den a>erdien!en Ob>-.-
sten schweres Belastungsmateria.l veröffentlich!
batte, eins sechr, sehr z w e i f>e l h a f te Ver-
gangenheit aufzuweisen bat.

Bvvliner Blätter wissen über die en fanrosen
Herrn fi^g?We Angaben zu machen:

Dreser Gc-org Neuendorf ist gar kein „Offizier-
stellvertreter". sondern cin gantz grwöhnlicher Ser-
geant und ein d e g r ad i e r t ev obendrein. Der
Mann wuvde am 16. April 1918 degradiert, w.'il
» er wegen Urkundenfälschung, Hehlere-i und Unter-
schlagung zu sechs Monaten GcfäNMis verurteili
wordisn war! Man wüiide fehlgehen. in dex An-
nahme, dak dies die einzige Strafe des Helden
ist, der die Strrn besitzt, mit Obeüst Reinhard zu
eincm Maffengang anzutreten. Schon vor dem
Kvieg hat Neuendorf eine v'.rlmomatige Gefängnis-
ftrafe roeigen Unterschlagung Lei einer Priivatf'.rma
(Kratzert in Heidelberg. Schviftltg.) erlitten.
Es ist ein Jndividünm, das sich mit Hilfe ge-
fälschter Papiere die Stellung eines. Orfbriev-
ftelloertrcters und Zugsührers im Neichswchrrcgi-
ment Nr. 29 erschlichen und dort eiur söhr ü'b^e
Rolle gespielt hat. Es besteht -der begründcte Ver-
dacht, d'ak dicser Mann sich ladiglich zu dem Zweck
in däe Reichswshr eingc.schmuggelt bat. um dort
eine Spitzeltätigkeit auszuüben. Er hat es
verstanden, die Kameraden zu betören. so datz sie

ihn sogar zmn Vevtrauensmann bei der Brigade
wählten! Als die untevwühlende und hmterhäl-
tige Tätigkeit des Neuendorf zu arg wurde, hat
man ihn an di>e Luft setzt. Soin Artikel im Bor-
w.ärts ijst -also nichts als der Racheakt eines H'm-
ausgeschmissenen.

Diüse Mlitteilungenl scheinen die Regiemng
daim endlich üewogen zu haben, energisch einzu-
greifcn und dem Skandal ein Ende zu nrachen. Sis
läs;t dnrch MDV. das Ergebnis der Ermittelun-
gen mitteilen, aus denen heroorgeht, dak hier ein
ganz erbärmlicher Handel mit der Ehre
eines wackeren M> annes getrichen worden ist.
!Sämtviche Bchchuldigungen habcn sich als aänzl'ch
u n wah r erwiesen. Wie stehen nun aber solchs
Blätter dc^die, wie der „Vorwärts" oder vor al-
lem die „F rankf. Zeitun g", auf das einseitilge
Zeugnis diescs Svihjcktes hin gegen Noiirhatd! los-
gs. .icrte. Die verbiffenen Fanallrker in der do-
niokratischen und sorialdemokratischen Presse laffen
licber diese lctzte Schuhurehr unsercx inncren Ovd-
nung schwächen, weim uur die Sünde wider den
ropuhlikanischsn Geist gehörig bc-straft wird.

Ein Abschiedsgesttch Neinhardts?

Zum Fall Reinhardt wird noch mitgeteilt, datz
Ncmhavdt vor e'miger Zeit se'm Abschiedsgesi ch
eingerdicht ha'be, das ihm aber von Nohke nicht
bcwilligt worden sei. Die Frage, ob der in Sa-
chen Neinhardt genannte Neuendorf mit dem be-
straften Nouendorf identr.ch ssi, soll nech nicht ein.
wandfroi entschieden fein. da Neuendorf behaup-
tel, nicht vocbelstrast ru lsein.

Der Bildersturm in den Schulen

Der bcEannts Erla» des preutz. Kultusministers
Hänijch^ der die Entfernung von Mahrzeichen der
alten Staatshoheit aws den Schvlen anordnete, hat
zu einem wahren Sturm geführt. der de,r M!der-
stürmen des 16. Iab.chunderbs nrcht nachgibt. Alle
Wahrzeichrn ber deut.chen Goschichte, alle Bikder
aus dex Ruhmzeit Äsx deutschen Entwicklung und
der Blütezeit deutscher Kultur wrden von .M chi-
elfrigen Händon" cbenso von den Mändon und
.Podeston herllntergc.issen, wie die grokeir'Männer,
die im Wclttrieg durch ihre ge.waltigen Lcibstun-
gcn hervorsetreten smd und Staunen. aber auch
Bewunderung und Anerkeünung srlbst de>r Feinde
errungen baben. wie. Hindenbrg, aber auch Wcddi-
gen und Baslcke. Vevständlich wäve ja dreser
Sturm, wcim man daoor zurück geschreckt wäre,
Bilder von Friedirich drm Groken, dem Fve'cherrn
von Stein und Biclma.ck, neben denm eines Fvitz
Ebcrt und Häni)ch zu dulden, dcnn dann wärs es
diesen ,,Kör'fe>l" in dcr Gesellschaft grotzer Män--
ncr wohl etwas ungsmlltlich gclworden. Aber
die VilLi-'r unjerer neucn „Gros^n" will die Regiv-
rung — so glauben wir — der Nachwelt übevlas-
sen und die wivd schon die stillen Orte frnden, die
ihrer würd'g sind.

Ein aziderer Godanke war es wohl, dier dm ur-
svrünglichsn Erlak e.zeugte. nämlich der. der hsr.
anwachienden FugeNd die geschichtliche Erknnevung
an beffeve Zeiten zu nebmen und in der Iugrtzd so
starke VerLhrung für Kraft und Treue. die bisiher
>rn der. deutchen Geschichte eino so grotze Rolle
svielte. zu untergraben. >Aüer der gssunde Sinn
drr -Jugend lehnte sich gegen die Vilderstürmer aUf.
strelkte und verlangte die ihncn lroben Bilder zu-
rück.' Uiid d.rtz es der deutschcn Jugand Et ernst
ist. zeigt ein Vrief des Osnobrücker Gynmastasten
an Hänicch,- in dem es u. a. beitzt:

..... datz da- deutsche Reich bis vor dex Rcvo-
lution evstr.Wtzltmacht war. und datz wir in dre-
sem Reiche glü.cklichcr und zusriedener! gelcbt baben

als je-tzt untcr der von Jhnen vcrtretenen Regie-
rung. Joder ehrlich deukende Deutschs. der sich mit
seine-r Miemung nicht gerade in parteipolitischrin
Phrasen verrannt hat, mutz es daher als e'me un-
egründete Herausforderung feiner Regierung zu
der er doch Bertauen haben soll, empfinden, wenn
diese üeschichtlichen Tatsachen durch ei-
nen Federstrich abgeseugnet werden. Wi: ver-
trägt sich überhauvt Jhre Bllderstürmerei mit Jh-
rem Programm, das Freiheit und Eleichhrit for-
dert?"

Und schon hat dre vreutz ische' Negierung er-
men neuen Erlatz formuliert, deim man hat
wohl eingrsehen, datz man sich auf die bisherige
Weise nmr möhr schadet als nutzt. Der entschei-
dends Paffus dieses Erlaffes lautet — ,d«mit
keine wöitercn Mitzverständniffe" entstehen —

„Zu entsernen sind nur Bildnisse des letzten
Deutschen Kaisers und d:s Kronprinzcu. nicht auch
solche^ von Persönlichkeiten. deren Wert r'M Br-
deutun>g unabihängig von ihrex Beziehung zu dcr
jeroeitigsn Staalsautorität gvschi>chtl>ich sesistöht."

Henr Hänisch will sich durch ketncn werteren
Schülerstre-k ru weiteren K^mn^z^n Kevbeilaffsn.
Von welchrn „Pevsön'lichkeiten" dsx letzten Jahre
aber ein Wert und Bodeutung nnabbängrg von th-
rer Bciziehung zml Staatsautorität geschichttich
festgolegt wirld, wivd auch Herr Hänisch nicht deu-
ten könnön. E'cns scheint nur feistzustshen. datz cr
nicht zu khnon göhört.

Deutsches Reich

Das neue Neichswappen

Boi dor Neichsregierung >ist eins Verfügung
in Borbereitung zu dcnr Zweck. «die monarchi-
schen Bczeichnuiügeii und Emblome auf dsn Amts-
schildern, Dienstsicgeln und Stemvcln. den Brief-
bogen und Umschlägen der Rerchshchörden zu be-,
seitigSn. Der Eusatz durch die neuen .Svsgel, Miar-
ken und Wavpen wird dcmnächst erfolgen können,
nachldein nunmehr üie Vervielfältigung dcs neuen
Neichswappens in Farbendruck m Austrag gegcbcn
ist. Es stad alle Vorbereitungen getroffen, um
eine baldige Ersetzung der alten nionarchischsn Ho-
heitszeichsn duith die neuen Mbzeichrn bekbeizu-
zuführen. Al.-. Reichswappen bst der ein-'
kövfige schwarze Adler von der Reichs-
regievung gcwählt wordcn. Er wivd in etnfache^:
heraldischcr Form ohne jidcs Verweik dargestellt.
Voni bisherigen Neichsadler unterschovdet er si-
demnach dadurch. datz die Krone aus dom Kapf,
>er preutzische Adler im Brustschild und das hi'r-
«uf vngeb-achte Hohenzollernwaovrn sow've die
5cette des Ordens vom Schwarzen MdlSr weafal-
len. ferner dadurch, datz die Flügel des Adlers
nicht gespretzt sind. Die Bewehrung, das heitzt
Schnalbel, Zung>e und Fänge, ist von rotrr Farbe:
der Gvundton d>eis Schildes. auf dem der Adler er-
schoint, vst goldgelb. Mavven und Adlex sind aus
einer Rerhe von Vorschlägen ausgawählt. Vie^der
Hekannte Herald-ker Emil Dövler in Berilin ent-
worfon hatte.

Naiürlich roat sich dc>r „Voüwäits" darllbo;
au>f, datz ein „Raubvogel" zum Wcrppentier er-
wählt wuvde. Vi-elleicht fchlägt er mal Drehmrs
Tierloben auf und sicht sich das entisprcchende
SyMbol, das den gegenwärtigen Zustand Deutsch-
lanids am brften kennzeichnet, aus.

Ein deutscher Angestellen-Bund

Am 16. und 14. September fanden in Bcaun-
schwetg Vertretertagungen des Deujtschen
Gruben- und Fabrikbeamten-Verbands Bochum, so-
wie des Deutschen Privatbeamtenvereins Magde-
burg statt. Auf beiden Tagungen wuürs von den
Vertretern berder Verbände gotrennt einstimmig

der Beschlutz gefatzt, einen Deutschen Anges
srellter - Vund zu bilden. Der Deutsche An»
gestelltenbund umfatzt etwa 60 000 Mitglieder.
Zweck des Bundes ist Vertrotung und Förderung
der sozialen. rechtlichen und wirtfchaftltchen Jnter-
cssen der in Betrieben. Verwaltungen und Bure-
aus beschäftigten Anaestellten auf gewerkschaftltcher
Grundlage. Religiöse und pavteipolitische Zwecke
sind ausgeschlossen. Der Deutsche Angestelltenbund
hat Sitz und Gerichtsstand in Magdeburg.

^ Der Ruck nach rechts. Bei den in einer Nelhe
von grötzeren.Vraunschweiger Landgemeinden statt-
gesundenen Niaplstrc.tswahlen ist em starker
Nückgang der s o z i a l de m o k r ati s chen
Stimmen zu verzeichnen. Die Unabhängigen
habe l eine berrächtliche Embutze erlttten.

* Der Neichskanzler primus inter parrs. Bet
Gelegenheit der Frage nach einer OffizialklaglS fllr
Erz'.-erp'.r ist im Reichskabinett ausdrücklich i'estge-
ste'.lt worden, datz der Reichskanzler nicht Vorae-
ictzter der übrigen Kabinettsmitglieder ist. ?n-
fol^edeffen kann er nicht zugunsten Erzbergers cive
Olfi'iialllage einrsichen, sondern Erzberger mutz für
si.h pcrsönlich klagen.

* Ecrichtliche Klagen gcgen Noske. Die Dsut-
sche Zeitung, deren Erschemen kürzktch vom
Reichswehrminister verboten wurde, gibt bekannt.
datz sie durch ihren Rechtsbeistand Klage auf Auf-
hebung des'Verbots und auf Schadenersatz bei dem
zuständigen Landgericht eingereicht habe. Autzer-
dem ist gegen Herrn Noske auch noch S1 rafan -
trag vom Grotzberliner unabhängigen Rumpf-
Vallzugsrat wegen der durch Regterungstruppen
ausgeführten gewaltsamen Entfernung aus feinen
Bureauräumen gestellt wordpn: autzerdem sollen
dieserhalb auch zivilrechtliche Ansprüche gegen drn
preuhischen Fiskus geltend gemacht werden. So
treffen sich auch in diesen Aktionen Konservative
und Unabhängige wieder auf dem gleichen Pfade.

Badische PoMik

Schweres Geschiih

fährt der Karlsruher sozialdemokratische
„Volksfreund" gegen die „Süddeutsche Zei-
tung" auf, die er ein Schimpf- und Schand-
olatt ersten Ranges nennt, weil das StutL-
garter Blatt den Sozialdemokraten ab und zu
unangenehme Wahrheiten sagt. Deshalb don-
nert er folgendermaßen los:

„Das deubsch-e Bolk war am 9. Novkmher s r otz-
mütig, zu grotzmütig. Da fchwiegsir iene,
da verkrochcn sie sich in die Mäufelöcher, die sonst
so grotzmäuligen Fecglinge und Mcmmen. Nun.
da auch sie terlnehmen dürfen, an der auch fiir sie
von anderokv errungenen Freiheit. nun, vkch-
brauchen sie di-ose Gabe in der scharidbarsken Metse.
Ein' Sudslkerl <rus HeüdcMerg vöbelt in der -ge-
unciivften Wejse unseren Genoffen Vbert an. Dalhe:
hätte es m den Tagen d!es NoivenMer nar emes
Mortes von Ebert öder iScheidelaann hedurft, um
diess gan-e schuldbeladens Sivve hau-
meln zu lassm. Mögen die BM-^m abep nicht
zu dretst wevden; wir sind noch r^.Ht am Endc:
nochist nicht allerT>ag>sAbend!. Ein
zweites Mrl wird' das Volk das Gesmdel nicht fo
ungeschoren davon kommen laffen wie vor et-
nem Jahre. Wenn auch jhr Goschrei dann wiödsr
vevstummen wird vind sie sich föigö ve:!k>.icchen wec-
den, man wird sie zu finden wiffonl rmd es lanu
dann nachgeholt wsrden, was im Novemibec
1918 — leider — versäumt worden ist."

Wenn man nicht wüßte, daß der „Volks-
freund" aus inneren Eründen denMund etwas
sehr voll nehmen muß, könnte man das
Eanze fast als „Aufforderung zum Maffen-
mord" an sprechen. So aber wollen wir es
als interessante Stilübung allenfalls als Rück-
fall in frühere liebe Eewohnheiten ansehen.
Aver sehr fein ist der Ton für einen Regie-
rungsmoniteur gerade nicht?

Die Frcudigkeit ift bie Mlltter aller Tttgenden.

^ Goethe Ä

Villa Pax

Von Liesbet Dill.

Sis waren gewa'ldert hin und her. Seit ihrer
Hochzeit vor fünfundzwanzig Iahren hatten sie sast
ebeniovisl Garnisonen Md ebensoviele Umzüge ge-
habt. Sie waren von Königsberg nach Mörchin-
gcn, vc»n Wilhelmshaven nach Saargemünd, ja so-
gar einmal dreimal in einem Fahr umgezagen und
iedesmcl>l erfuhr Frau Wendt ihr Schicksal durch
einei streb,amen Spediteur. der fröhlich dcs Mor-
grns bei ihr eintrat, um ,hr den Nrmen der näch-
sten Garntson zu verkünden, wohin sie wiedir ein-
Mal mv)chlaaen murden. Zwcimal umgezogen ist
enlmal abgebramN, seufzte Frau Wendt. wenn sie
wieder einmal lhre zierlich volierten Nutzb-rum-
möbsl, seilumwunden, strohverbunden. etngebeilt
zwischen Matratzen und Schränken in der neuen
Wohnung wiederfand. Der schöne Bechsbein hatte
fast kcine Ecken mehr un>d die Emviresessel nur
mshr angeleinlte Beine.

Das Suchen nach Wöhnungen ist gewitz nicht
unintereffant, es erwntert den BTick. man kann
atterlei Studien dabei machen. menschlich.- pjychio-
losi'sche, künstlerische und hygienjsche, und ?s gibt
Leute, die das Wohnunc.lsuchen zu ihrem Vergnü-
gen betreiben. Wendts äber wurden meist so rasch
von einiem Ort zum anderen verietzt. datz ihnon zu
solchzn Studien qar keine Mufe blieb. Sie mie->
teten die ncue Wohnuug gowühnlich vom Bahnhof
aus. Äie Dtudien holten sie dann später vach. Sie
hatten sich in einem >ion betrieibsanmn Maurermei-
stern aui>gc>fü>hrten Backsteinncubau -ein Rheuma
s.^ol^, und waren dasseibe in einem einzigen hei-
ßen «onvmer in Kreuznach, in einer Villa ohne
Fci-sterläden, wieder losgewordgn. sie waren mit
st:>b?ii Oi'fen und einem Hrrd von Koblenz nach
P<en gskommen, wo in jedem Zimmer ein Kachsl-
ofen ail.s,'0machs>en war und ihnon niemand thre Oe-
fen abnchmen wollte. nicht öinmcll aeschenkt. Ste
chatten sich mit Amerikanern. Berlinvrn und West-

falen angefreundet und ihre Tücken crusgeprübt,
hatten mit Anthracit, Ntzkohlen und BLidetts lle-
heizt, und in Sachsen auf dem «cheimnisvoll ver-
schlossenrn Hrrd, den man ..Mcrschine" nennt, ge-
kcicht, und thr-e Möbel mavon von Zesttralheizun-
gen getrocknet und gepkatzt. An einer Wohnung,
>ernem Hochparterre. war es iso kalt, datz man um
halb 10 Uhr ubends >einfach schlafen gohen mutzde,
weil die Kachrlöfen nur bis dann Würnte sponde-
ten und mchr als dreitzig Vrrkeitts singen n'icht in
ihren Schiund. ntan hätte die Vorderzimmer besser
als Eiskeller bsnutzt. die Tapeten fielen von den
Mänden und auf dem Toileätonkiffen wurde-n diie
Stecknadeln rostig. Sie ha'tten in Mietskasirrnen
gehaust mit siebzchn Parteien und ebvNsovielen
Stubenmädchsn, die auf drr Treppe ihve Konfeveist-
zen abhielten, und wo dte Hausfraueu einen wür-
oelosen Krisa um die Waschkiichs sühr'tsn. Das
Rtertwürdige aber war, Wendts. die sielbst keine
Kinder hatten, kamen, wchin sie das Schl'ckfal ver-
schlug, ininrer unter, nsbcn oder üiber Fcvmilisn
nlit unzähliaen lebensfreudigon und lärmfrchoir
Kindern. Neugebor.'ile, die sich im hellen Schrctiien
übten, Einjährige, die mit Laufkörbrn durch die
Zimmer rollten, musikalische. die Tonlöitern iibtcmi,
Marsche Irommelten, Flöte bliss!sn. und begeistvrte
Magnerianer, die bis spät in die Nacht hinein böt
offrncm Fenster auf dem Kiavier vihanta.sjerten . .
oder das Maldhorn zum Fenster hinausveckten und
Ltedern Töue verliehen . .. einmal waven sje sogar
unter eiinen '.Kindergarten g»raten.

Wendts livbtcn div Nuhs, den FriedeiN, die Har-
monie, wie einvr, der Italien liebt, ein Land, das
er zu sehen nicht mehr hofft. Sie hatten schon bejide
gan,z resignierte Ziige und dich: rührten nur, sie hat-
ton sonst ckeine Sorgen. von dem ständisen Woh-
nunZswechsel her . . Als ffe nun in dvr jetzigen
Garnison Frv-seheim der'blaue Brief erveichto, ste
waren zu dü-es-em Zweck eigens vor einem halben
Fahr von Memel hergekommen. s'agten bcide ein-
stimmig: ^etzt bl-eiben wir hier, wir ziehen njcht
mchr um. Ein-e Aussjcht, die ihwcn sogkr den Ab-
schied versützte. der immer etwas bitteres hat. solbst
wenn mans bis zum Oberstleutnant mit Vrlaubnis
zum Tragen der Uniform oebracht hat. G«tt svt
Dank nun kam kein Spediteur „Whr tns Haus.

Ä>n Reginllent wunderte man sich, datz Wendts
hier blieben. Die enge Garnison bot wenjg land-
schaftlichs R'eize, meilenweit nichts wis Rübeufel-

der. ein paar niedriae Hügel mit Windmühlsn und

vin kleiner, durchsichtig:r Kiofevwald. der im Som-
mer kaum Schatten spendete . . . zudom war die
Stadt ganz durcheinandergebcaut. der Mesten stand
voll rauchsnd-er Fabriöen, während sich im Norden
Kal)ernvn, Avbetterwohnungen. Schlachthaus und
Gefängnis friedlich mit rei^nden. weitzen Villen
mischten, und der Wohnungsmiangel in Fröfsheim
war sprichwörtlich gowordon. Die Suche nach einer
Wohnuna wurde geheimirisvoll betrieben, maln
hing Lein-en Zettel müt ..Wohuuwa frei" an eine
wirklich leerstehede Etage. das hätte i<r einon
Sturm, >eine Progossion, eine Völterwanderung ver-
unlatzt. Aus irgend eine geheimnisvotte Weise war
es MIsnidts ruchbar geworden, datz drautzen vor dein
Tor eiue Parterrewohnung in eiirer Villia sroi ae-
worden sei. Die bisheriaen Mieter waren plötzlich
vechetzt worden, die WohnuiiA war >also sewiffer-'
matzen noch wa'rm. Sie machton sich sofor't auf
den Weg dorthin, denn in ihrer Dienstwohnung
eonnt-en sto nicht bleiben. Es war eine weitze,
zweistöckjgv Villa, zterlich gebaut und umgeben von
einem iblühsnben Garton; Akazien sahen zu -allen
Fonstern herein und erfüllten die igrotzen Stuben
mtt etnem wohltätigen, grünen Licht. Das Haus
gohörte -einem Rentner Fuchs. ainem fveundlichen,
alten Junggesellen, dem ein rotes Schnupftuch aus
dem Rock hcraushing und d>er sie a-uf seiillen dicken
Filzschuhen durch die Wohnung führte. Er ljetz siie
sämtllche Sprüche lesen. mit denen das Haus ver-
schwenlderisch hinten und vorne aegjett war und
zoigta i'hireil vollcr Stolz die Glasmai'öreien im
Hausaaivg. ai»f denen gelbhaarige Lorelepen >in un-
mahrscheinlich kleinen -Kähüen Zithör pjelten und
Nitter mit Mchlitzten Puffärmeln rot und weütz
gostcetft-e Margareten umarnkten. uivd über dem
Elniaailg leuchtete in goldenen Lettern ..Villa pax."

Dasselibe war noch einmal in den> Mofaik des
Hauisfkurs oingslegt.

Der Garten wür grotz. keinei NMbarschaft, kein
Gesenlüber, keine S1ratzenbah>n, u-. drr eiil.ziae Mit-
böwohwer ein Iunggesolle auif FiUchichen. der mit
der Haushälterin ein Schneckenleheil fichrte, konntie
man stch ein ide>alleres Haus denken?

Ste unt-erzöichneten den Kontvakt und Legan-
nen sogleich n»it dem Umzug, denn keinen Tag lün-
ser avollten sie in dieser Mossinung bbelbm. die
Herr Wendt ietzt verächtlich Eiskeller und Huude-
loch n-annte.

Bei herrNchenl Frühlingswetter wurden ihke
Möbes nach Villa par gebracht. und als das letzte
Bild an der Ävand hing und das Klopfen und
Hämmern 'öndlich sch.v>i>eg, legten >ste stch mrt
einem Gefühl schlafen, wie es Schiffbrüchige haben,
die an Land gobracht morden sind. '

Sio hatten vortrefflich goschlafcn, kein Laut
hatte dte wundervolle Ruhe der Nacht unterbro-
chen, kein Hühnergeglacker, beine mustkalifchen Wun-
derkinder, kein Stratzenbahil'geklingel. und satzen
vergnügit beim Frühstück. drautzen lachte die Sonne
und malte zitternde Kringel auf den grünen Ncc-
sen, oie Türe zum Earten stand weit auf. und man
koniite den Duft der Hyazinten und Tulpen atmen,
di-e tn grotzen blühenden Beetcn unten zu vhren
Fützen in allen Farben prangten. als plößlich ein
seltsamer Laut dus dem Oberstöck sie zusamiMnfah-
ren lietz. Es war ein langer Klageton und kl-ang
wie perhaltenes Zittern.

Sr-e hoben den Kopf und blickten Leg-en die
Decke. Was mag das sein?, sagte Frau Wmdt.

Es klana wie eine Katze, sagte er.

Sie lauschten, der Tou kam wieder, tiof unv
brumMLnd. ^ v,

Das ist ein Hund. saate Fr.ru Wcndt mit gro-
tzer Bestimmt'heit.

Aber er hat doch keinen. er aate. datz kem
Tier im Hause dulden wiirde. warf Weudt ein.
höve doch mal, da ist der Ton wieder! Nie habe ich
gohört, datz ein Hund es so macht.

Nun zitterte es wieder droben lang und sur-
rend.

Fch glaiube. es üst ein Cello. sagte Wendi und
lchnte sich in den Sessol zurück. Fr!au Wenldt sah
ihron Gatten veKört an. Seine Abneigung geaen
Streichinstrumente war im Regiment bekannt, er
hatzte das Eello. Wonn Cellosolis gespiekt wurden.
mutzte >er den Konzerksaal verlaffen. Droben wurde
cine Tonleiter aespielt, mit kraftvoller Drüvour.
gee aulf Ueb'.mg schlietzen l'iuh, hell und eilig. Dla-
dtadiadi . . duoduo . .

(Schlutz folgtl.


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