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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt (61) — 1919 (September bis Dezember)

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https://doi.org/10.11588/diglit.3728#0108
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schcn Krioosmini-sters Neurin« uiid des OLerstkut-.
nants Klüüe-r.

Dor denr Auae der Wvlt <vber ist der G-eisel-
nrordorproreb in Miiirchen, dcr Prozeh dco Kom-
Ni-ulirisnms. Die einzelnen Meii'sche!! vcrschaoiiiden
ri^iv das grauisig blutiae Eespeiist des Kvimnnmis«-
mus siht selbst cuis ber Anklaigcbank. — Me der
Anodeii und Allifbau wollcned Mensch aus dem
ViozcH sekmt lmt. wolche Gefcvbren im Kominru-
nisnrus stcckcn, nämlrch dre DHktatur des Dlutrau-
sclies, des Vorbrechens unv Ailordss, so sollen auch
icno- ftill-.'n FÄsirer die Prorehberichte als Quelle
ibres Stud'iumS bsnmhett, bevor sie diie Werbetionr-
nrel »u solch eiirer neuen „Aktron" rüsiren. Wenn
i-r ten Fübrsvn des Komnriinrsmus wirklich
Idccrk stecken univ nicht nur Mrchtinstinkte- sie
t ciben, so miisfen sie erkennen, datz sie nrit einjom
Lumpeiroroletauiat — nach Mühsam — niieinals
inem Idoalstacrt ausbauen köuncm. Oder sic sind
, ch' besier wie jene Besticn, dve jotit dias Schick-
sal erreicht bat. Kommunisinus aber ble'iibt Zer-
störi'ug, Vernichtung aller Kultur, — Herrschaft dor
Bftie. — —b.—

Deutsches Reich

Erzberger in der Karikatur
Mathias Erzbcrger, Eine Leb e n s b e sch re i-
buttg in Wort nnd B i ld v o n'K ri stt cr n
und Peter nennt sich eine soeben inr Verlage
von I. F. Lehmann in München erschienene, reich
mit B'.tdern geschmückte, beitzende Spott- und
Kampfschrift. (Preis 1 Mk.. bei 10V Stück fe 80
Pfa.. bei 1600 Slülk je 60 Pfg ). Erzberger tritt
als Selbstschilderer seines abenteuerreichen Lebens
anf und zeigt dem Leser „Wer ich bin, was ich
tue und was das deutsche Volk an m:r hat/' Köst-
lich ist die Schilderung, wie er in Buttenhausen
den Kuhhandel erkrnte. treffend die Darstellung
dsr Entwicklung des Helden vom Welteroberer
jstrm Frisdensreisenden. sehr gelungen die fein-
fpöttische Berteidigung des Waffenstillstandsschmu-
sers und des Finanzministcrs. Auch andere wich-
tige Wesonszüge blieben von der svottenden Feder
nicht vcrschont und dem witzigen Stift des Zeich-
ners gelang es glänzend. in launigen Zerrbildern
Ven Spott zu verstärken. Mer nicht nur Lachen
will die Schrift erregen. sie will-Erzberger in s e i-
ner ganzen Gef ä h rl ich k ei t zeigen. das
deutsche Volk noch rechtzeitig vor diosem schlimm-
sten Schädling unö Berdcrbex seiner nationalen
Erötze warnen. Möge es den scharfen Pfeikn des
Witzes und dvr Verspotlungen gelingen, die schwe-
ren Schläge der Helfferichschen Anklagen zu unter-
stützen und dazu beiztttragen. uns von einem sol-
chen „Führer" zu befreien.

Vor erncr Pramienanleihe

Wie verlautet. wird Vas Reich schon in aller-
nächster Zeit mit einem Anleihebegehren
an die Ocffentlichkeit herantreten. Die neuen An-
leihen werden mit befonderen Reizmitteln ausge-
stattet sein. sogenannte Prämienanleihen.
So sind auch besondere steuerliche Bevorzu-
itungen, besonders bej der Erbschaftssteuer. für
fie in Aussicht genonrmen. Die Anleihen sollen so
gestaltet wsrden, datz fie nicht nur Spielern einen
besonderen Anrriz gewähren. fondern allen Kapi-
talisten. auch den kleinsten. begehrenswert erschei-
nen. Eine Schadigung der Kriegsanleihebesitzer
soll unker aven llmständen vermieden werden.

Wenn das offiziös bediente Wolffbureau das
Bevorstehen einer Prämienanleihe» „verlau-
ten" lätzt. dürfte wohl in den nächstenTagen
das Re ich s ftn a nzmin isteri um, di«
Quelle derartiger Derlautbarungen. mit der Tat-
sache an die Oeffentlichkeit herantreten.

^ Um deu Kaiser ist der Titek des in den näch-
sten Tagm rm Berlag von Reimar Hobbing in
Berlin erscheinenden dritten Vandes der „Erin-
nerungen" des ehemaligen Chefs der Presseabtei-
lung des Auswartrgen Amtes, Mrnisterialdirektor
Otto Hammann. Der Novembersturm steht im
Mittelpunlt des Duches, das auch sonst das Kaiser-
thema nach verschiedenen Richtungen behandelt.

Der Notenkrieg mit -er Entente

Die deutsche Antwortnote

wird jetzt veröffentlicht. Rein formal enthält ste
nichts neues. Dem Ententebegehren wird entspro-
chen werden. Gegen die Unlexstellungen aber und
den verktzenden Ton der Ententenots wird Ver-
wahrung eingekgt, die in folgende Form ge-
kleidet isti

„Es ist eine Entstellung dcv Wortlautes
und Sinnes der Ausführungen der deutschen Note
vom 5. September. wenn gesagt wird hie deutsche
Negierung wolle die Auffasiung vrrtreten. datz
kein Artikel der Vcrfasiung. wie sein klarer Wort-
laut auch immer sei. mit dem Friedensvertrag in
Widerspruch steh<n könne. weil in der Verfasiung
ein anderer Artitel des Inhalts stehe, datz keine
ihrer Vorschriften denr Friedensvsrtrag Eintrag
tun könne. Nach allgemein anerkann-
tem Nechtsgrundsatz dürfen Bestimmungen.
die eine Beschränkung der verhandelten Nechts-
grundsätze bedeuten. nicht in erweitertem Sinne
ausgelegt werden.

Deutschland konnte nicht voraus-
sehen. datz abweichend von dieser Regel das
Selbstbestimmungsrecht der Dölker.
das seine Gegner so oft als einen der Erundpfei-
ler ihrer Friedensbedingungen bezeichneten ge-
rade für Deutschland und Oesterreich
noch mehr beschränkt werden sollte, als der
Wortlaut des Artikels 80 zunächst erkennen lietz.

Autzerdem lietzon die alliierten und' asiozijerten
Regierungen Lei ihren Bemcrkungen über den Ar-
tikel 178 der Versasiung autzer Acht, datz es- sich
bei der Verfasiung eines Staates um ein Gesetz
handelt. das seiner Natur nach Vorschriften von
grundsätzlich und zeitlich unbeschränktem Charakter
enthielt. . . ^

Die Aufnahme des Artikels 17 in dre deutsche
Verfasiung stellt dal>cr keinen Kunstgriff Var. son-
dern eine wohlbegriindele notweitd'ge Matznahme.
Es sind hiernach irrige Voraussetzungen, die die
alliierten und assoziierten Regierungen zu den mit

den auÄirücklichen Erklärungen der deutschen Re-
gierung in Widerspruch stehenden Schlutzfolgerun-
aen brachten, datz mit Artikel 61 Absatz 2 ein«
Vertragsverletzung beabsichtigt war.

Die beutsche Regierung weist dkse Unterstellung
mit aller Schärfe zurück. Sie kann auch den ironi-
schen, den internationalen Gepflogenheiten nicht
entfprechenden Ton, womit die Note der Allikrten
und Asiozilerten die feierlichen Erklärungen der
deutschen Regierung behandeln zu dürfen glaubt,
nicht stillschwejgend hinnehmen. Die Tat-
sache, datz Deutschland den Kckeg verlor, giLtsei-
nen Eegncrn nicht das Necht, sich einer
Sprache zu bedienen, die den Zweck haben soll.
Deutschland vor aller Welt zu verletzen. Die
deutsche Regierung wird den Alliierten nnd Asso-
ziierten ans diesem Wcge nicht folgen. Die Her-
beiführung des wahren Friedenszustandes kann
aber durch dieses Vorgehen der alliierten und asso-
ziierten Mächte nur erschwert werden.

Das Baltenland-Ultimalurn

Von unserem Vcrliner Vertreter

(:) Berlin, 26. Scpt. Von gut unterrichteter
Seite erfahren wir, dah die Note Ver Entente we-
gen sofortigcr Näumung der balttschen Staatcn
durch die deutschen Truppen den Charakter
einesUltimatums trage. Falls bis zu eincr
bestimmten Frist die deutschen Soldateu nicht ab-
transportiert seien, werde die Eatente Gewalt -
matznahmen gegen sie ergreffen.

Wurum erfährt man denn nichts neues über
den Wortlaut des Fochschen Ultimatums? Die Ee-
heimniskrämerei der Nejchsregierung wird nachqe-
rade unerhört.

* Der Rurk nach rechts. Bei den Dezirksaus-
schutzwahl im Staate Weimcrr wird uns berichtet:
Die Wahlbeteilignng betrug durchschnittlich 20 bis
25 v. H. der Wahlberechtigten. Ergebnisse: Thü-
ringer Bauernbund (Deutschnationale Volkspartei.
DeutscheDolkspartei und Bund der Land-
wirte) 24 Sitze, Demokraten 4 Sitze, Sozialdemo-
kraten 15 Sitze, Unabhängige Soz?3 Sitze. Zen-
trum 3 Sitze.

* Die Behandlung der entkasssnen Reichswehr-

lcute. 'Kürzlich wurde unter Bezugnahme auf den
Befehl einer militärischen Dienststelle behauptet,
bei den staatlichen Arbeitsnachweisen
werdcn entlasiene Mitgliever Ver Reichswehr
schlecht behandelt. Amtlich wird dazu erklärt. daß
dles nicht der Fall fei. vielmohr Lestände ein in -
times Zusammenarbeiten zwischen den
Reichswohrtruppeirteilen und den staatlichen Ar-
beitsnachweisen. ^ ^ ^ ^ ^

* Eeneral Eröner. der in den Ruhestand setre-
ten ist, verlietz am Freitcvg Kolbera. Am 23.
SePtsmber versätzt Ver Ncist der Oberff-en Heeres-
ksftung die Stcrdt. Das Oberkommlando Nord' wird
ivach Kolberg versegt.

Badifche Politik

Phrasen eines Arbeitsscheüen

Das Bekenntnis einer schönen Seele finden
wir im „Revolutionär". Dort schreibt der Mensch-
heitsverbesierer Morih Lederer:

„Arbeitets schreren die Dürger; dann habt ihr
billige Eier und Kartoffeln, Kohken und Brenn-
holz. Arbeitet! predigen die Rog.erers und die in
der Negrerung sich Sozralisten nennenden dekla-
mieren: Sozialismus ist Arbert. So? Nie. nrrgends
ift mehr gearber'tet worden als rm Deutschland dei7
Zahrhunvertwende'. Wrr kebcn, um zu arboiten. dres
war di« Paroke der wklhelminrschen Deutschen.
Und was wurde aus solcher Arbeitsfülle? Ent-
menschlrchung. Maschinierung dcr Menschcn, Ent-
weihung des Eeistes. Untergang der Kulturs aber
Häufung dex Materie — und Mehrung Les Kit-

sches —. deren Sammlung durch die wenigen. wel-
chen jedes Mrttel zur Förderung ihrer Sammel-
fähigkeit. auch Betrug. Ausbeutung. Mord, heilig
war. Wache aus, Deutschland! Eine Welt ist zu-
grunde gegangen. eine neue gilt es zu bauen. Lei-
het, Geistige, dcr Wucht des Proletariats die
Flamme eures Wollens. Die Ordnung rst zer-
schlagen: neue Ordnung mutz gezimmert werden.
Nicht ist schon Zeit zur Ruhe. Erich Mühsam
sagt es: jetzt ist Unruhe des Bürgors
erste Pflicht. Aus dom Ehaos wachse neues
Leben. Auf dcm Bankerott neue Menschheit."

Wer ist dieser Herr Lederer. der die
Menschhert zum Nichtstun aufruft? Der
ehemalige Parteisekretär der Nationalliberalen in
Mannheim. Herr Wittig. hat es in öffentlichcn
Versammlungcn festgestellt: ein Mann. der an dem
Scickennähcn schlecht bezahlter Arbeiterinnen M i l-
lionen K r-i eg s g e m i n ir „gemacht" hat.
Damals hat Herr Wittig diesen Herrn vor Tau
senden im Nibelimgensaal unsanft angepackt. Le
derer hat Zeugclr gegen W. gesucht und ihm durch
einen Rechtsanwalt Klage angcdroht. wenn die
Beleidigung nicht zuriickgenommen werde. Natür-
lich ist es Herrn Wiitig nicht einaefallen. darauf
iiberhaupt nur zu antworten. Erne Klage-
aber ist nicht erfolgt.

Da rch Mitglied Zhrer Partei bin...."

Jm vertremten Kreise bat der badisch!' Miiri-
sterprWdeni Gertz vor erniger Z-'it fslgendes. ev-
sählt:

,Mrch ekelt es rnnerlich cvn. jsden Tas
Vriefe zu erbalten, dre etwa mit den Morten b^-
üinnen: ,T>a ich Mitslicd Jhrex Partei
lb i n, bilte ich u,m eine Stellung als Beamter als
.usw."

Datz eine dsoart'-ss Stellenjägerot init einer
ifolchrn Begiiirndung Hernr Gcitz nicht behogt, kön-
n«n wohl begreifen. AHer ist es verrmrnverl'ch,

Navolu'tion nchts für das Bcrterland. iondein al«
les nur für sich und ihre Angehörigen
getan hat? Nie-mals ist sooicl von Amt. Einkoni.
i.wn, Gebiiihven un!d Lohnevhöhuiisen die R<de g,-.
wefen, als miter dein jetziLen sSorial'smus. Zetzt
erntet er nur die Friichte der bösen Saat!

-r- Ein Zrrtum des „BaVischen Vcobi'chkrs"
möge hierm-it richtig geistcllt wvrden. Das Z.ntra!-
blatt des badiisch-en Zentrums besatzt sich mit dem
Eevlänkol zwischsn der „Badischen Posi". d.r ,.Ba-
dischen Lcrndc-s.zeit.una" und der „Freiburger Ta-
gespost" u.id gibt dlabei der ,/Lad schen Psst" eine
Chavakterisierung, nach der die „Heidelberg. r Ze,-
tung" fvüher nationalliibcrales Parteiorgan. dann
uncrbhcingiaes liberales'Organ unid „zuletzt wobl
alldeutsches Prosesio'renorgan" gewefen sei. Dem
Beobacht'sr üst iim letzten Punkt eine Veru> cch -
lung mit dem .Heidclbe-rgcr Tageblatt" unter-
laufen, das vor der Nevolution kas Orgau der
Alldeut'chen und dev Daterlandsvartci war, nach
dem 9. November aber um 180 Erad zur Temolra-
tie unrfchwamkte.

Aus Stadt und Umgsgend

Die deutscherr Kriegsg^fangensit — die
deutscheu Frauen!

Der Krieg hat ausgetobt. — Frtedensluft atmet
die Welt'? — Es follte wenigstens so sein. Zehn
Monate find verflosien, seitdem dre Maffen ge-
streckt sind und doch wcrden die deutschen Eefange-
nen von Frankreich in brutakr Weise noch immer
zurückgehalten. Nicht nur die grotze Herzenspein,
der diese Aermskn ausgesetzt sind, sondern auch
das tiefe Elend der Angehörigcm, vor allem der
Frauen und Mütter. mützte die französischen Macht-
habcr bestimmen. endlich eiivnal den wirklichen
Frieden ins Land ziehen zu lasien. Die deutschen
Frauen sind verzagt und mürbe. Der wilde
Schmerz, die quälende Sehnsucht nach ihren. Lie-
ben lasien diese llnglücklichen keine Ruhc; finden.
in den schlaflosen Nächten schreit das Jnnere nach
ihnen und das Herz will vor tiefem Weh zsrre-i-
tzen. Die Frauen und Miitler in Frankreich und
England, sie selber haben doch das gleiche Leid
durchkostet, ihnen ist das Leben mit der Heimlehr
ihrer Lieben wieder gegeben. sie wisien doch, wie
dieser Schmerz am Lebensnerv nagt.

Die deutschen Frauen haben sich in ihrer Hoff-
nung auf Rettung von dieser Seite getäuscht. Die
grotze Verzweiflung hat sich durch die vielen Rufe
in die Welt' Erleichterung verschafft. Zst das Welt-
all so grotz, datz diese Schreie aus- tiefstem Herzen
kin Echo finden. Hören denn die neutralen
Staaten, die doch während des blutiacn Rin-
gens soviel Eutes für die Menschheit getan haben,
die flehenden Nufe nicht? Können sie sich ver-
schlietzen, zu l-elfen. die enffetzliche Pe'-n von dcn
deutschen Frauen zu nehmen, ihnen die Zhrigen
wieder zu geben? Wicder und wieder rufen die
deutschen Frauen die neutralen Staaten auf. von
denen sie allein nur noch Hoffnung erwarten. zu
helfen. Trotz aller Enttäuschungen. mögen sie noch
so die Lebensfreude dev vom Sch'.cksal so hart Be-
troffenen gevämmt haben, ist ihnen diese letzte
Hoffimng noch gebliebeii. Tränen des Kummers
stnd in den letztcn Zahren wahrlich genng gefks-
sen. sie können n-icht aufhören. brs endlich dsr heifx
Wunsch nach dsn Eefangenen erfiillt ist. Es ist
jetzt des Elends zu viel. der Le.id«nskesick> ist b's
zum Rande gefüllt. Kommt nicht bald Erlösung.
Befreiuung der Gefangenen. dann reicht die letzte
schwache Kraft noch aus zu einem heiligen Schwur,
einoiiv heilrgen Schwur der deutschen
der dermaleinst aber umso unheiml cher aufksderir
wird! llnd diese Schuld nehmen dann auch d-io
neittralcn Staaten auf sich:

Die Wettgeschichte wird dann richten!

" Zakob Bradl. der Leiter der berühmton Lang-
schen Hokzsckfnitzerschule in Oberammergau. ist im
Alter von 54 Zahren in L:tal gestorben.

Vn. ms6. äsrtt.

Von Hofrat Witt, Zcchnarzt

Vor einrgen Tagen ging. durch dio Presie die
Nachrichk datz in mehreren deutschen Vundesstaaten
der Döktor der Zahnheilkande (Dr. med. dent.)
durch die mevizinische Fakuliät verliehen wird.

Hiermit ist ein seit Zahrzehnten gehegter
Wunsch der deuffchen Zahnärzte erfüllt worden, der
nicht uur ihnen, .sondern Ver gesamten deutschen
Bevölkerung von nachhaltigstem Nutzen sein wird.
Bislang war es den deutfchen Zahnärrsten nicht
moglich. im eigenen Fache zu promovieren, sie wa-
ren gezwungen, wenn sie den Doktorhut erwerben
wollten. entweder während einiger Semester sich
mit fremden Wisienschaften zu bvschä'ftigen. um
den Dr. med. oder Dr. phil. zu erlangen, oder ins
Ausland zu gehen, hauptsächlich nach den Veveinig-
ten Staaten Nordamerikas oder der Schweiz. Hier-
durch ging einmal viel kostbare Zeit verloren. die
besser fiir das Fachstudiuin verwendet worden
wäre, zum andern war es nur den pekuniär von
Haus aus gut gesteltten jungen Zahnärzten mög-
.lich, zu promovieren. Nachdem die Vorbildum
iimmer höher hiirauf geschraubt worden war (zu-
ktzt war nach dem Abiturientenexamen acht-
'semestriges Stud um mit Voroxamen nach der
ersten Hälfte dcr Semesteranzahl und Approbation
als Zahnarzt am Ende der Sträiienzeit vorgefchrie-
ben), drückte der Mangel der akademischen Gleich-
bercchtigung entschicden auf die Zahl der Zahn-
ärztc. Es tst nun einmal Tatsache. datz es zu we-
nig Zahnärzte g'bt. um die Karies der Zähne
(Zahnfciule), die weitverbreitetste Nolkskrankheit.
nnd zwar aller BevSlkerungssch'ichkn. sachgemätz zu
bekämpfen. Da der hierdurch bedingten grotzen
-Nachfrage nach zahnärztlicher Htlfe dk studierkn
Vertreter der Zahnheilkunde. nämlich die Zahn-
larzk, nicht genügen konnkn, war es selbstverständ-
lich; datz bei der in Deutschland, nebenbei wohl
dem einzigen allcr zivilisierten Stacüten. seit 1869
Leskhenden Gewerbefreiheit tn der Heilkunde (Ki'
rierfreiheit) sich Zahnbehandler fanden, die nach
mehr oder weniger langer praktffcher Ausbildun''
ohnc roisienschafiliches Stud.um an einer Un'iversi-
rtlt sich die Zahnbehandlung, mehr aber noch die

Anfertigung künstlicher Zähne angelegen sein lie-
tzen. Sie nannten stch früher Zahnlechnrker. fpä-
ter, etwa von der Zahrhundertwende ün. Dentiften.
Lbenso gestattet die Kurierfreiheit einem im Aus-
lande approbkrten Zahnarzt, sich ohne weiteres
in Deuffchland niederzulasien, wohingegen ein
deutscher Zahnarzt, will er sich im Auslande nie-
derlassen, jedesmal das vorgeschriebene Examen
seiner ncmeir Heimat nachholen mutz.

Es ist hier nicht der Plats. auf die zum Teil
erbitterten Fehden zwischen diesen beiden Ständen
näher einzugehen, sondern nur die Tatsache soll
festgfftellt werden. datz die Existenzmöglichkeit der
Zahntechiiiker resp. Dentisten durch den Mangel
an approbierten Zahirärzten geschaffcn wurde. Noch
im Jahre 1880 praktizierten in Deutschland bei
einer Einwohnerzahl von 43 Millioneir nur 500
Zahnärzte. Es wcrreji also durchschnittlich mehr
als 85 000 Einwohner. dre von einem einzigen
Zahnarzt versorgt werden sollten. Wenn sich auch
in den letzten 40 Zahren die Anzahl der Zahn-
ärzte ungefähr verzehnfacht hat ber e.ner Nolkszu-
nahme von ungefähr 50 Prozent, so ist die Versor-
gung mit Zahnärzten noch nicht so grotz, wie z. B.
in dcn Vereinigkn Staakn Nordamerikas, wo auf
ca. 2000 Einwohner ein Zahnarzt kommt, während
bei uns das Verhältnis 1:5000 fft. Allerdings gibt
es in Amerika. dem Lanve der Freihefi und un-
begrenzten Möglichkeikn, auch nrcht den Stand
unapprobierter Zahnbehandlex durch das Fehlen
der Kurierfrciheit. Aehnlich liegen die Verhält-
nisie in Schweden. Norwegen und Finnland. wo
auf ca. 3—4000 Einwohner ein Zahnarzt kommt,
trotz durchschnittlich besierer Zcihne wie in Deutsch-
land, und doch hat sich dort noch mehr wie in
Dcutschlcmd das Verständnis für den Wcrt eigener
Zähne eingebürgert, das beweist die grotze Anzckhl
der dortigen Schulzahnklinrken. Hierbei möchte ich
nicht unermähnt lasien. datz in Darmstadt durch
die Jnitiativo von Zahnarzt O. Köhler eine der
effkn Schulzahnkliniken in Deutschland eingerich-
kt wurde.

Zn dcr Annvhme. datz es wettere Kreise ber
der immer grötzer werdenden Beachiung für deir
Wert eigener Zähne inkresfiereir wird, wk
sich die A u sb i l d u n g der Zahnärzte in Deutsch-
land im Laufe der Zeit gewandeli hat. seien kurze

Vemerkungen hrerüber 'angeführt. Zm Beginn des
18. Zahrhunderts'ging man ber einsm Fachma ^
in die Lchre. lernte dork die Eeheimnisse des Fa-
ches, denn als solche wurden sie auch ängstlich ge-
hütet. Ncrturgemätz. datz hierbei eine Befruch unc
von autzen nicht eintreteir konnte. jeder war auf
sich in der Hauptsache angewiesen. denn erne Li-
teratur gab es auch nicht. Jm Beginn des 19
Zahrhunderts hielt Linderer sen. in Eöttrngen
„zahnärztlicher llniversitätslehrer und Universi-
tätszahnarzt" als erster Zahnarzt in Dcutfchlanv
Dorlesungen. Schoii 1825 erlietz die preutzische Re-
gierung Prüfungsvorschrifien. hierin waren Vorle-
sungen über Anatomk. Arzneimittelkhre und
Chirnrgie auf dcr Universität vorgeschrieben. f^r-
ner das Zeugnis' eines approb erten Zahnarzres.
datz der Kandidat den technischen Teil in der
Zahnheiltunde gründlich erlernt hatk. Nach einem
schriftlichen, mündlichcn und praktischen Examcn
wurde die Approbation für den preutzischen Staat
verliehen. 1834 schrieb der obcn erwähnte Zcrhn-
arzt Linderer das ersk Werk über Zahnheilkuivde.
1850 waren in Prsutzen noch nicht 100 Zahnärzk.
Zahnziehen und Gebisieanfertigen waren wohl d:c
Haupttätigkeit. Zu glcicher Ze t wurden in Eng-
land und Amerika Vie ersten Anfänge konservieren-
Ver Zahnbehandlung gelcgi. Dort wurden auch
zahnärztliche Vildungsanstalten gegründet. die
eine Anzahl wisienschafilicher Werke und eine pe-
riodische Literatur im Eefolge hatkn. 1850 wurde
in Deutschland der erste zahncirztlich-wisienschaft-
liche Verein. Zsntral-Verein Deutschsr Zahnärzte.
gcgründet, der seine eigene Zeitfchrift herausgab.
die noch heute weitergeführt wird. Zum zahnärztli-
chen Studium benöt.gte man die Reise der Selunda
eines Gymnasiums. das Studium wurde mehr aus
die Universität gelegt und verlängert. Zohn Zahre
später wurde die Primareife verlangt. Die Aus-
b'.ldung in den praltischen Fächern lietz besondcr-5
im Vergkich mit Ame.rika unb/dinqt zu wünschen
übrig. Damals begannen dic amerikanischen Zahn-
ärzte die- Gunst des deutschen Publikums zu cr-
obern, die sie auch in spätercn Zahrzehnteu bei
der Wertfchätzung des Deutschen sür alles Auslän-
dische behklkn. trotzdem gerade in Len 90er Zah-
ren von Deutschen — ich nenne nur Zldolf Witzel
— die Erundlagen fiir eine besserc Erhaltung der

Zähne gegeben wurden. Aus diesem Evbkk kkic-
ben die deutschen Zghnärzte bis herfie ^nhrer
Dk Auslnldung an den Universfiäten befierk gluck-
l cherweise sich von Zahr zu Zcrhr trotz gksstc!
Schwrsrigkefi durch mangelhafte Räume und Leor-
mittcl. '1909 wurde das Abiturientenexamen D«
dingung, um zum zahnärztlichen S:udium zugela,
sen zu werden. Und wiederum genau 10
spärer wurde der Dottor der Zahnheilkunde einac-
führt. Neben der wissenschastlichen Disicrtat'.oli
über e.n Thema aus der praktischen odcr thsoreti-
schen Zahnheilkunde oder aus den die Zahiihsrl-
kunde berührenden medizinischen Fächern u»na»t
die miindliche Prüfung das gesamte Gebiet oer
Zahnheilkunde. sowie dcei w'itere mit der Zr-,r"
heilkunde in Zusammenhang skhende med
Fächer (Anatomie, Ptzysiologk,. Pathologk. Tm
rurgie, innore Medizin. Dermatologie. Hygiciie.
Bakteriologie, Pharmakologis). Der Laie ernM
nach diesen kurzsn Andeutungen, wie sich das Ge-
biet der Zahnheilkunbe erweitert und vertieft Kit-
Jn dcn 9 Semestern seines Stud ums hat der Sku-
dkrende dcr Zahntzcilkunde intensiv zu schaiM'
um sich die zum Examen nötigen wisscnschaftfichrtt
und praktischcn Kenntnisie anzueignen.

Jmmer mehr wird beim Studium. wie Lcr ver-
ständ ge Zahnarzt es in der Praxis schon getan
hat. der Wert auf intensive Erhaltung oer
eigenen Zähne gekgt. Das von den Am -
rikanern übernommerre Anpreisen von kufftliclici
Zahnersatz mit und ohnc Eaumcnplatte (Brucreii-
arbeiten) wird hoffentlich immer mehr brs aui o->-
unumgänglich notwendigen Fälle in den Hn"r-
grund tretcn zum Nutzen unssres ge,amten Vslke-.
Zmmer mehr wird der früh r so gefürchtek Eang
zum Zahnarfi von seincm Schrecken oerlieren -->urm
die vkkn neuen Doktorarbeiten werden v ele neu
Mögiichkeiteii für die notw.ndige Erhaltung ve
Zähne gefunden wcrden und der La e wird ericn-
nen. datz die scheinbar ihm unwichtige Mfitc'-'-,
her Einsührung des Dr. med. dent. auch fur W
eine wichtigs Errungcnschaft ist. deren Vortejlc
aM c'genen Körper spüren wird. Er lvird ie^'
ei'nsehon. datz dkse bescheidsn nicht beachkk "toiis
auch fiir ihn von grotzer Wichkigkeit war
 
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