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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt (61) — 1919 (September bis Dezember)

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https://doi.org/10.11588/diglit.3728#0171
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Mittwoch, den 1. Otober 1919

vaüische post — Nr. 228

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Die Ziele -er Veutfihen Vvlkspartei

Von Geh. Rat Prof. Dr. Kahl - Verlin, Mitglied der Nationalversammlunq*s

l iit dik» Krliln ..... ' ^ /

veilage

Die .Deutsche Volkspartei" ist die Erbin der
nat.-Ub. Partei der Reicksaründuna. der nationalen
Polltit uud hat slck als solche am 15. Dezember
1918 aebl^et. Selbstverständlich hat sie sich aeaen-
uber der Ncvolution und allen ihren Folaewirkun-
gcn ablelmcnd verbalten. Aber nicht bloß um in
der Neaatloil. lm Widerspruch zu bleiben. sondern
um selbsttatia u- energisch für den Wi<e-
deraufbau des Nerchs einzutreten. Daher übernahm
sie aus dema lten Proaramm alle nationalen Ele-
meute. hat aber. dem Bcdürfnis der Zeit ent-
sprechend. , h r Proaramm erweitert sich
ln chren Gedanken und Zielen aefestiat'und
a e k l a r t. Einiae Punkte des Proaramms stnd:
Nach wls vor und .n erster Linie sind wir - das
lst nicht uberflussia. sonderu drinaend notwendia!
eine nationale Partei.

Wir wollen das Nationale nicht als Monopol
aber wir lcaen in dcn Beartff des Nationalen na-
mentlich nach Links manniafach einen besonderen
aeschichtlichen Sinn hinein. Als nationale Partei
stellen wir den Gedanken der R e i ch s e i n he i t
den Reich sgedanken. das letste grotze Bis-
marcksche Erbe. in den Vordergrund. Wir erkennen
diesen erprekten Frteden im ganzen als
rechtsbestehend überhaupt nicht an! Niemals
werden wir auf das Symbol dieser Einheit ver-
zichten. auf den K a i se r a ed a n k e n der Zu-
erne Persoueufraae. nicht als
blode un.d unverstandlge Reaktiou. nicht mit den
Mltteln der Gegenrevolution. nicht aus Zmperia-
lrsmus. sondern aus tiefer aeschichtlicher
Lebensnotwendigkeit. Als nationale
Partei betrachten wir es als besondere Aufgabe
für das Auslandsdeu 1 schtum ein.zutreten.'
,n Zukunft mehr. als bisher gescheben ist. Als na-
tionale Partei verwerfen wir j-den würdelos-n
kosm o p o litischen Jnternationalis-
m u s. Wir wollen die Schaffung eines deutschen
Voltsheeres zu Wasser uud zu Land. Wir untec-
stiihen alle Einrichtungen. die eiire Veileaung
von Völkerstreltiakeiten wollen. aber an den ew i-
gen Frieden alauben wir nicht! Vor
allem nicht. so lange dieser Schmachfrieden bleibt.
Bleibt er. wie er ist. dann wird er eine Quelle von
Hah sein, von glühendem Haß! Dann braucht das
deutsche Volk wieder ein Sckwert?

Daneben find rvir

ekue liüerale Partei.

Wir treten ein für die verständige politische
Gle:chberechtiaung. Der gesunden politiscken Frei-
heiten haben wir uns sckon lauae erfceut. sie
wareu alte. liberale Forderungen! Wir sind beson-
ders auch Träaer eines aesunden demokra -
tischen Gedankens. freilich nicht im Sinn
der Massenherrschaft. die Vlcndwerk ist. Die Masse
sührt nie. die Masse wlrd grfiihrt. Wcnn sie sjch
im souveränen Machtkihel -arüber hinweg seht.
wiih sie angeführt und ge „ asführt. Demokra-
tie im geschichtlichen Sinn. die volkstümliche Aus-
gestaltuna des aanzen Staatslebens, der Regie-
mng. der Rechtsprechung und der GesetMbuna. das
wollen wir. Wie sich der Parlamentarismus cut-
wickelt hat in der Praxis der Nationalversamm-
lung. in der Versassuna. ist er unwahr! Jn der
Nationalversammluna hat er sich entwickelt als
Apparat zur Unterdrückung der Min-
derheit, das geht aegen den Eedanken dsr
Verhältniswahl. Vollends in der Verfasiung! Da
hat sich der Parlamsntarismus ausgebildet zu
cincm System des aegenseitigen Mik-
trauens: über jedes Organ ein anderes Kon-
trottorgan mit dem Neichstag als Mittelpunkt.
Das Volk kann jedes Rerchsgeseh durch Nolksbe-
gehren ausheben — wenn man bedenkt, wis das

^) Nach der am Sonntag. 27. September. in
Stuttgart gehalteuen. mit begeisterter Zustimmung
aufgeuommenen Rede.

Volk Splelball wird in der Hand von Dema-
gogen Das ist keine Einrichtung. die im Stande
Volkswillen in ruhiger, organi-
öunr Ausdruck zu bringen. Haupt-
Erwägungen heraus haben wiv
schllebllch auch gegen die Verfassung gMmmt.
Hler lst der Schnittpunkt zwischen denr. was ich
als wahren Liberalismus und als falsche Demo
kratie bezeichne!

Daneben legen wir auf

das soziale Moment

entschiedenes Gewicht. Der soziale Gedanke setzt
stch in dreifacher Richtung iin politischen Leben
um:

1. Sozial gerichtete Wirtschafts-
P o l l t i k. Zndustrie und Larrdwirtschaft sind dte
beiden Erundsäulen einer gesunden Volkswirt-
schaft, aber bei.de sind nach ihren besonderen Eigen-
arten zu pslegen. Wenn man uns heuto noch.
wre e§ das ..Berliner Tageblatt" liebt, als Par-
ter d,er S ch w e r i n d u st r i e bezeichnet. so ist
das eine bewukte Unwahrheit. Znner-
halb des weitaespaimhen Vogens -er gewerblichen
Organisatlonen pfleaen wir aanz besonders den
Mittelstand, daneben die Landwirtschaft. die wir
zu kräftigeu uud zu stärken nach jeder Richtuna
uns zum Ziele seken.

2. Ueberwinduna der Klassenge-
gensäke und Fortsehung der bisheriaen
segensreichen S o z i a l p o l i t i k. Der Auf-
ruf der D. V. vom 21. August ds. Js. forderte auf
zur Versöhnung. zur Arbeitsgemeinschaft 'von
Hand- und Kopfarbeit. zum Ausmerzen des poli-
tischen Kampfes aus dem Wirtschaftsleben. zur
Ausscheiduug der Neibungsflächen zwischen Arbei-
ter und Arbeitaeber. Die Rechte der Arbeiter
sind bei uns ungleich besser aufgehoben als bei
denen. die unmögliche. auf dio Dauer gar nicht
durchführbare Lohnforderunaen durchsetzen. Stretts
und Putsche durchführen und Arbeitslosenunter--
stühuna für wichtiaer Halten, als den Zwang zur
Arbeit.

3. Forderung einer gerechten
Steuerpolitik. Nur mit sehr bestimmten
Vorbehalten sind wir in der Lage. die Flnanz-
politik der gegenwärtigen Neichsregierung zu
unterstüken! Mit Verachtung weisen wir es zurü^,
wenn der Finanzmrnister odrr andere das als
Stl.uerscheu Lezeichnen. Wir wiffen. dak Opfer
gcbracht werden müffen und sind bereit dazu. Aber
wir vermisien in der Steuergesehgebung den
Grundgedanken der sozialen Gerech-
tigkeit und die in dio Zukunft schau-snde Ein-
sicht! Wir mukten deshalb gegen das Erbschafts-
steuergeseh stimmen. namentlich wegen des Ver-
hältniffes der Besteuerung bei Eltern und Kin-
dern. Wir sind auch gogen das Neichsnotopfer,
denn damit wird grundsählich ein nicht richtiger
Weg beschrltten. Die Frage. ob die Entente
die Hand darauf legen wird. ist noch nicht
geklärt worden. Zuristische Auslegungen des Frie-
densvertrages haben keinen Wert. darüber seht sich
die Entente weg. ebenso wie über unseve Verfas-
sung. Erzberger verneint es. Demglauben
wic nicht! Dasselbe hat er bei den Handels-
schiffen anch versichert. Aber unser Haupteimoand
ist, wenn das Neichsnotopfer so durchgejührk wird,
wie es geplant ist. dak dadurch die künstige
Neichseinkonrmenstener einfach ab-
geschnitten ist. Das Wüten geaen den Ka-
p talismus ist zwar echt sozialistisch und populär
schlicsit aber die Quelle der Reichseinkommensteuer.
statt sie zu öfsnen. Unsere Oovolitionsstellung lst
also nicht zurückzuführen auf Steuerscheu, sondern
w r fordern Steuergerechtigkeit. Wir siud sozial
durch und durch. aber nicht sozialistisch! Hieraus
ergibt sich auck

unsere Stellung zur Sozialisierung.

Nach unserer Auffaffung ist dre Privatwirtschatt

fur alle Zerten die wesentlich f est est e und
jlcherste Grundlage der Gesamtwirt-
schaft. Dre Persönlichkeit des Unternehmers ist
dre tretbende Kvaft. Für gewisse Arten von Pro-
.^oll^ wir die Möklichkeit. ja
dre Nükklchkelt der Sozialisierung nicht bestreiten
Aber Staats- und Eemeindebetriebe können dem-
gegenllber doch immer nur die Ausnahme sein

Einen besonderen Naum nehmen tn unserem
Programin

die ethischen Monrente

ein. Wir glauben und vertrauen auf eine He-
bung. aber die dafür notaoendigen Kräfte müiscr
ausgelöst. müssen nukbar gemacht werden. Die
Kräste der Familie. der Schule. in der Kirche,
m allen Organisationen. die zu der Erziehung
des Bolkes berufen sind. Daher verlangen wir
auch ein im ethischen Sinn verbeffertes Straf-
recht. Wir sind nicht mit allem, was die Ver-
faffung über die künftige Schulorgani-
sation enthält. einverstanden. Aber wir begrü-
Ken es. dak der Reliaionsunterricht als obltgato-
rischer Lehrgcgenstand auch der Schule der Zukunft
erhalten geblieben ist. Wir begruken im großen
und ganzen die Ordnung der Dings, wis sie in Be-
zug auf die Kirche in der nouen Verfaffung gs-
regelt sind. Die Anvegungen. die Anträge dazu
sind nicht. wie -ex Abg. Mumm in der ..Kreuz
zettung" betonh. von den Deutschnationalen. son-
dern von uns aestellt worden. Sie sichern die
Zukunft der Volkskircke.

Wer die D. V. eine Vartei voller Zdeale. aber
ohne Programm nennt. ist ahnungslos. Wir ha-
ben ein Programm. hatten ja auch einon
festen Boden dafür. Bei der D. V. hat man
es in der Nationalversammluna nicht erlebt,
dak in einer wcchtigen Frage -ie Ja und
Netn auseinandergingen! Es gibt noch andere
Wertmesser, als gerade nur die Zahl!

Nun komme ich zu unserer

Stellung zu den Pa.rteien.

Das Verhältnis zur Sozialdemokratis ist histo-
rtsch begründet und klar. Der Gegensatz zwischen
Mehrheitssozialisten und Unabhängigen reftek-
tierte natürlich auck auf uns. Zn den Unabhängi-
gen haben wir die Verneinung eines seden ge-
ordneten Staatswesens klar erkannt. Zhre Ver-
gtftung von Heer und Flotte machen wir
verantwortlich für das deutsche Unglück —
nichts anderes. Sie sind antinational. sind
invernational. Diese Partei müssen wir schlechthin
bekämpfeu.

Unsere Stelluna zu den

Mehrheitssozialiste,l

ist ebenfalls selbstverständlich. aber sie rst eine an-
dere im Mak und Leruht auf ganz anderen Be-
dingungen. Wir wissen ganz genau. dak ohne die
Sozialdemokratie niit den hinter ihr stehenden Ar-
bettern ein Wiederaufbau des Staats- und
Gesellschaftslebens ganz unmöglich ist. Wir
wollen auch mitarbeiten, sind zu der Verständigunc
bereit. Wir sahen. dak sick die 2. D. unter der
Einwirkung von links aeändert lmt: sie ist nicht
mehr die sckilechthin revolutionäre Partei wie Mitbe
der 70er Jahve in Deutschland. Unerwartet und
unvorbereitet — niemandem so unorwartet wieden
S. D.. kanv die Revolution! — mutzten sie unge-
heuve Verantwortuna auf sich nehmen. Sie konn-
ten es nur mit Hilfedes Vürgertuins.
Dadurch wurden sie der Welt -er politischen Re-
alitäten näher gebracht, in einer Neihe von Fra-
gen haben sie sich geschichtlichen Notwendigkeiten
ntcht verschlossen. Aber das alles kann uns nicht
tänschen über den ungeheuren grundsäh-
lichen Rik> die unüberbrückbare
Kluft. Unzweideutia hat die S. D. auch kund
gegeben: hätte sie die Neuordnung allein machen
tönnen, sie wäre aanz anders ausgefallen? Sie war

Vündiusse abzuschlieken. daher
"aeben. aber ihr lehtes
-olet ist nach wie vor die

einseitige Klaffenherrschaft.
die sich gründet auf der Konstruktion eines Ge-
gensahes zwischen der Arbetterschaft und der Vür-
gerschaft.' sie führt Kampf gegen den Kapitalis
mus und zerstört damit einen der W'.chtigsten Fak-
toren der Wirtschaft. Ste endet unbedingt in
einer öden Gleichmacherei. Zhr gegen-
über werden wir uns auck ferner mit -en erwähn-
ten Vorbehalten aus dem Kriegspfad befinden!

Unsere Stelluna dem

Zentrum

gegenllber war eine Stellung von Fall zu Fall.
Früher bestanden Geaensätzs. es gab scharfe
Kämpfe zwischen ihm und den Nationalliberalen
Die Nevolutwn hat beide Parbeien vor andere
Aufgaben gestellt. Es aibt Politiker. die glauben,
dah innerhalb des Zentrums eine Zerschung etn-
tritt, weil das arundsähliche Bündnis mit -er
S. D. ei,'n unnatürliches Verhältnis sei. Darüber
zu orakeln. habe ich keine Veranlaffung. ich denke
hier etwas kühler und zurückkaltender. denn die
Machtfvage steht bsim Zentrum so sehr im Vor-
dergrund. dak es sich auch über Fragen grundsäk
licher Art hinwegzusetzen vermag!

Nun komme ich zu sprechen auf unseve

Stellung zur Demokratie.

Die süddeutsche Demokratie ist nicht die
Mutt-ererde. die Quelle. der Grundboden der jetzt
bestehsnden Deutschen Demokratischen Partei. ihre
Eründung wurzelt vielmebr in einer davon ganz
und gar verschiedenen. jüngeren Linie der Demo
kratie. die ganz bssonders unter der Führung.dec
Berlrner Taaeblatts stL entwickelt hat
und eine ungleich radikalere Nichtung eingeschla-
gen hat. die eigentliche Verbindungslinie und
Vrücke hinüber zur S. D. Die um das Berliner
Tageblatt waren die ersten. dte nach der Revolu-
tion mtt dem Sammlungsruf hervortraten, die da
her gohört wurden und io auck notwen.digerweist
in die Vorhand gelangten. Der erste Aufruf des
Berliner Tageblatts war d'.rekt vaterländisch und
der Drang nach der allgemeinen Bürgerpartei! st
gewaltig. dak dieser Aufruf auch unterzeichnei
wurde von Akannern. die nachher zur deutschnatio
nalen Partei überaetreten stnd. Aberauf die
ser Höhe hielt sich.dteSache nicht. Bald
kamen sachliche Disferenzen und Personenfragei.
hinzu. Die Konlervativen schlossen sich in Nord
und Mitteldeutschland zur Deutschnationalen Par
tei zusammen. die Zentrakl-aitung der nat.-lib
Partei in Verlin unter der Anführung von Schif
fer und Friedberg war unklar. war bald für Ein-
schwenken nach links. bald für Selbständigkeit
Einzelne Führer der nat.-lib. Landesorganisatio
nen hislten sich für berechtigt. ohne weiteres ir
der damaligen Zeit den Anschluk ihrer Landes.
organisationen an die neue D. D. P. zu erklären
mie ich weik. vislfack nickt obne Wider
spruch in diesen Landesorganrsationen selbst
Anderwärts entstanden tiefe Gegensätzs, und si
kam es im Lande zu Verwirrung, manch.
schlossen sich der D. D. P.. manche der D. N. P. cu
nur deshalb. weil die alte natil.-lib. Partei von
Boden verschwunden zu sein sch'.en. Dieser Lag;
sah sich die alte Parteivorstandssitzung am 15. De
zember 1918 geaenüber. wo man sich trennte. di
einen nach links. die andern mit dem Entschlu^
die nat.-lib. Partei fortzusetzeir, ich selbst habe da
mals am Schluk versöbnende Worte gesprocher'
Bei der Sitzung war auck Stresemann. den
man zwei Vorwürfe macht: 1. er habe früher einc
matzlose U-Boots-. Annexions- und sonstige Poliii
getrieben: 2. er habe uus Gründen persönliche:
Ehrgeizes. weil man ibm eine Füb'--'-rolle ver
sagte. sich von der D. D. P. abgeiriendet. De'
zweite Vorwurr berubt auf Unkenn-tnis ods

-siandelil! Handeln! Das ist es woz» tvir Ä
^dasind! Fichte ^

Zonnenfinstsrn'rs

Roman von Else Stieler-Marshall
Lopz'rixkt Oretlrleinü^Oo. O.m.b.dl. ^eipxiL 1916
(2. Fortsetzung)

Sein kleincr Hund, oer ihm zu Füszen golegen,
Nihr zornig über die Störung berüab. und wcchr-
haftig, der h-rranisteigende Peter meinte im ersten
Augenblick. das mützte die verlorengesangene Geitz
sem, was da so schwarz-weitz gegen ihn angesprun-
gen kam. Abcr >eit rdann bellen die Ziegen? Auch
ist die Lies ja viel mötzer.

..Gib Nuhe, Vob", befahl Klrngjhart mit tiefer
lauter Stimme. „Was braucht in der Nacht dort
herum, Mensch, Tier oder BerggE?"

„Blotz der Peter vom Movdchafe. Herr, dsr seine
Geitz jucht. Zst sie euch nit hcgegnet."

Petcr kam vollends zum Gipfel uird stand nun.
das magsre B-ürschleln, vor dem fremden .Mann,
dem da, dor grotzmächtig und stark wie ein Ochs
war. Noch viel grotzmächtiger, lsagte stch Peter,
nun er dem Fremden so nahe war, wie die herlige
Eiche im Schorngrund.

Er hatte Augen mie Feuerräder. Sie glänzten
iin Mondenliicht. Seine Hand logte sich schmer aus
Peters-Schulter, und lachen-d sprachi der seltsame
Mann in einer fremden Art, die donr Buven neu
nnd miMdersaiir in die Ohren klanv:

„Za, so, natürlich. Der Peter vom Mo>vdhofe,
der seine Eeitz -stlcht. Wo die ist, könnte ich dir
allensalls sagen."

Wie, der fremds Mann, der heute zuerst in die
Berge gekoiumeir» kannte ihn schon? Kannte die
Lics? Könnte ihm sagen. wo sie sich befand?

„Dann sagt es mir schnell, Herr". bat Peter
furchtsam.

Klin-ghart lachte.

„So> schnell geht das iricht, mein Sohn. Zch will
erst dich n-ach -»rancherler fragen. S ist Schlaifens-
öeit, Prter vom Mord-Hofe. Koinm mit mir her-
ein. iZch hcrbe zwar selbst noch kein Bett. Aber
ine Dccke kann ich dir anbieten."

Scheu wich der Peter zurück.

„Latzt mich besser da herautzen blerben, Herr.
D-ie Lust ist aut aus dem Berge."

Dem Buben war die kecke Neugier verganssn.
Mit dem uniheimlicheir Fremden bei Nacht in dem
Zauberturm?

Gott sei bei uns! Peter inurmelte es leise.

Das kleine schrv'arz-meibe Wesen kam wieder
heran und stietz mit feuchter Schircmze an Peters
ncrcktes Bein. ,Mit einem Schreckenslaut zos ers
in Kniebeuüe hoch.

,.Ha-t er gebiffen?" fr'agt-e Klinghart verwundert.

„Nein. M das ein Huird, Herr?"

„Am Ende ein Mondkalb, duinmer Peter. Der
Mordhof, ein netter Nams ü-briaens, liest wohl
nicht hier aluff der Erde?"

Der Herr satzte bei dicksen Wvrten den Buben
neckend am Ohr und de,n wurde leichter. Denir
in der Hairid, die ihn berührte. filok warmes Mut,
sie war -auch sonst mre ei»e Menschenhand, sie tat
nicbt weh und war wsich und glatt.

„Zch hab so einen niininer gesehen!. Herr", ver-
tciidiate sich Peter. „Unsere Hunde sind mrders.
Vei uns ist der Packan, am Lachquell der Spitz.
Auch im Dorfe untw hats Hunde senug, nirgend
doch eineir solchen. fleckig und lustis wie ein
Zicklein."

Kühn aeworden, lockte und schmeichekte er den
Hund und der kam. rieb sein seidenweiches Fell an
Peters Vcffn uird lietz ffch streicheln.

Peter hatte Mut gewonnen und aks der Herr
seine Einladung zum slkachtguartier im, Turme wie-
docholte, si'.rg er mit hinein in den selffamen
Bau, der den Bauern rm Eebirae unheimlich war.
weil sie seinen Zwsck iricht kannten.

„Es sibt noch kein Licht im Tnrine", saste der
Freinde. Aber er holle eine kleine Do>se aus der
Taffche unid zaubcrte aus il>r eineir mondhellen
Stvahl, in dessen Schein der Hütbub eine warme
weiche Decke fand.

Wickle dich binein unb schlas! sesuird, meln
ZuMe", sagte Klinghart.

Poter folgt-s oern nnd schlief baibd fost und ruhtg,
denn er w!ar müde gowordsn voir diesom langen
Tage.

Zuninächte sind kur;, zuinal siber den
Bergen. Sre bringen nicht viel Schlaf. es
singt soviel Unruhe in ihnen. Wer >tn sich selbst
noch dalzu, in setnem Znnern, in seinem Her-

zen, in seinem Blute ein Saulsen und Bvcrusen. ein
Siiigeir und Klingen fühlt, deffen Geist wird hell-
wack lbleibeir in einer solchen Nacht.

Klingharts Eedanken wanderten weit berum,
während er mit offenen Augen in domi kleinlen>,
noch recht unbehaglichen Schlafraum seiner neuen
Bchausung lag.

Aulf dornigen, schmerzensreichen Pfadon suchten
sie den Weg in die Vergangenheit. Jn jene Ver-
gansenheit, die dort in unerreichbarer Ferne schim-
merte wie rän sonniges weites grüneirdes Tal, vol-
ler Blumenduft und Rosenblüte. Dajmals, in je-
nem Dwle war er ein gkücklicher Mensch . . . und
suna avwesen .. . mr seiner Seite war eine Eefähr-
trn ourch das Lebsn gewandert. die war ein Ka-
merad goweson: einen befferen findst dn nitl

Völltg eins in ihrer srosren Liebe hatten sie ge-
meinsam die Welt, die Schönheit. diesMenschen ge-
löebt. !Jnnig, ernst und gedankenvoll. wenn sie
allein in ihrem Heim beisammen weilten, waren
sts in Froundeskreisen frei nnd heiter, offtiniails
kiirdlich vergnügt, und Hanna war beliebt -und ge-
radozu berühmt gewesen, wogen vhrer liebensrvür-
digen Schlagfertigkeit und ihres jauchzenden, den
Eriesgrciinigsten ansteckeitden Lachens.

Gömosen . . . das alles gewosen! Treulos die
Treuelste, sie hatte ihn allein gelaffen im Loben.
An dem, was spät noch ihrer Liebe höchste Erffül-
lung und die Krone ihrer Froude hcrtte werden
sollen, ün der Geburt des Kindes hatte ste sterben
müffen. Und ihretr kleiiren Knaben hatte sre mit-
genoimineir.

Klinghart, in Kraft und Lebenssülle seiner vier-
-iig -Zahre, mar von einer tiofen. unbezwinglichen
Todesffehnsucht basallen worden. Moimtolang ha-tte
Schwermut seincn Geist gradezu umnachtet.

Sioben wunderschöne Zsthve hatten ihn so sest
M diesä Frau gebunden. dak er ohire sie sich wie
rettung^los verirrt im Daffein faird. dak ihn oihne
ihre Liobe fror Lis in die Tieffe seiner Seele, datz
er sich nickt zu Mut und Tatkrcrft mehr aufrasfen
koirnte. Äuch war Hänna ihm diie Brücke gewesen,
die ihir aus seiner stillen weitentlogenen Eelohrten-
welt gur Gegenwart, zur Geffellschaft hinüberleitete.
Nun die Brücke zertrümmert war. wie ffollte er
noch hlirübevflnden?

Und er verarub sich tief, scheu und fremd.

Aber ihn liebten und ehrten. auff ihn hofften
viele Menschen, deuen es ein arotzer Schmerz war,

ihn fo Wflos iir verzahrendes Leid verstrickt zr-
sehen, an dem seine Zukunft zugrunde gehen mutzte
Diese Fveunde veretnten sich, um ihn o-us dei
rettungÄlosen Vevsunkenhsit in seine Trauer zi
befreien. Wie aber. wie? Fast ffchien es unmög
Uch, demr -er -rdar allzutief in HoffnungSlosiLkeii
verloren und wollte keine Bofreiung.

Aber da war einer . . . eiir noch funaer Mann
dessen beasisterungsfähiges Herz glühte fffir de,
AÄtereir, der rhn aelehrt und geführt, in dessei-
klaren Auigen der Schüler mächtige Schönheit sick
batte offeitbaren sehen, von dc„en Lippen de,
Duchige Lalbung der Wissenschaft und erfriischcirdoi
Anregung hatte trinken können. als er. ein junge-
Studc-nt, im Kolleg zu des Meisters Fichen ge
sessen hatte.

Der kiobte ihn mehr noch als 'alle andern. Ei
gehörte aber zu den,Menfcheir dcr Höhe, die hcllei-
ikönncn, wemr sts helfen mollen, deirn ste baben dn
Macht. Die goben können, wenn ffe geben wollen
denn sie siird im Neichtum. ,

Und dieffes Mannes grotze Liebe und Hnmonni
ffand den erlüsenden Gedankcn. Zu seineii Ne
sitzungen gohörte ein wunvervolles Bcrgland, wllt
abaofchieden, weit, weit durch dichte AM»der ge
trennt voiin Neiche der Ebcne. tief i»r mächliger
Gebirge verloren. fremd der Geaenmart. vcrschom
vom hastenden, lärmenven Heer der Sportlcnte unk
Sommeufrischler, treu gehütet und bewahrt o-or.
seinenr Bchtzer wie einst von desffen Ahnen.

Dort, woltenfern, in ragender freicr Höhe. säMs
der junge Gras dem Verehrten eine Zuiflucht.

Als alle Vorbereitungeir vollendet gÄvcsen
hcktte er den .Profeffor Klinghart ausgeffucht. Dei
ein herrliches Geffchenk zu bringen gowillt wcrr, wa>
als ein bcffchetden Bittender eingetreten. Hattc
dem Gelchrten vorgetragen, d-atz er in seinem un
bczminglichen, förmlich brennenden Jntereffe fil'
Astronomie, Meteorologie und die g-anze einich-a
aiae Wiffenschaft. auf .sciner Güter höchfftem Puickt.
eine Hochstatton errichtet habe. mit ber Äbilchl
ffelbsst dort oben monatolang beoback>ten und arbei

2Sz.,!!^

der Wiffenschafft -selbst aerichtet.
Fluge.
 
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