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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt (61) — 1919 (September bis Dezember)

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https://doi.org/10.11588/diglit.3728#0242
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Lolschewismus ganz ausgosviolt -aibe. weib man
st'cht. Es scheinen abcr Zeichcn des inneren Ver-
jlalls su sorn, dor dadurch Leschleunigt mnL, daü
hie Gesabr dnobend nnbezieht. die dem Bolsche-
wismus enidgÄltig ru Leibe gcchen will.

Nationalversammlung

Berlin. 13. Okt.

Dcr 6>eset;?ntwurf betr. Aenderuna des Eeset-
zes übcr das Branntweinmonopol wird
an den 6. Ausschusj*verwiesen. Es solgt die Be-
ratung der Interpellation der Abga. Löbe und
-Scheidemann betr. die Preissteigerung cher Häute.
des Lcders. d-r Schohwaren usw. infolge der Auf-
hebung der Zwangswirtschaft.

Abq. Deüer-Oppeln lSoz.s begründet die Jn-
terpellation. Das Reichswirtschaftsamt habe die
Stellen der Verwaltunasqesellschaften mit Nicht -
fachleuten biesetzt. Ganze Waaqonladunaen
gingen über die Erense. Den Po 1en seien in der
Zeit des polnischen Aufstandes in Oberschlesven
Tornistor. Helnre unjd Patronentaschen geliefert
wordcn. Die Ausftchrgenehmigung müssd zen-
tralisiert wcrden.

Ministcr Schmidt: Wir habeiN gewusrt. dak die
Aufhebung der Zwangswirtschaft die Pveise stoi-
gcrn würde. Dennoch Mt sich für die freie Be-
wirtschaftung des Leders eine eihe von stichhaltigen
CründSn anführen. Früher wurden zwei Drft-
tel unseres Bedarfs <m Ledex und Fellen hurch
diie Einfuhr gedeckt. für Schuhwser! speziell 50 v. H.
Im Kriege wurde die Einfuhr unterbunden. der
Bedars uber entsprechend eingeschränkt. Die Zwangs-
wirtschaft konnte die-FaLriken fast übierhaupt nicht
mehr beftefern. Der SchuhfaLrikant stellte sich im
grosten ^und ganzen auf den Standpunkt. dast dor
freie Verkehr für ihn bcsser set. Wenn zwei Drit-
tel des Dcdarfs an Häuten und Jellen durch Ein-
'fuhr gedeckt werden müssen. so müsse die Emfuhr
füei geaebn werdcm. Dann mükte aber der Preis
für inlandische Häute und Felle steigen^ Die Haupt-
sache war. erstmals die Produktion zu fördern. -u-
mal diese Produktion äuch sür den Erport in Frage
Lommt. Die Produktion ist gesteigert worden.

Wir haben erzielt. dak di>e Einführer von Häu-
ten und Fellen 75 Prozent davon als Leder wiedex
ausführen Lürfen. Db: Kontrolle der Erenzen im
Osten und Westen ist sehr schwierig. zumal wir von
der Entente immer noch nicht erreichten. dak wir
im Westen an der alten Zollgrenzo eine scharfe
Kontrolle einrichten können. Wir müssen auch rech--
nen, mit dem Widerstand in Arbeiterkräisen und
Kommunen iin Westen gegen eftre Aenderung des
gegenwärtigen Zustandes des fteien Verkehrs.
Die Koniunkturgewinne müssen divrkt in die Jndu-
strie gehen zur Beschaffung einigermaken preis-
werten Schuhwerks. Di-e Aufträge aus dem
Ausl'ande für unsere Fabrikanten stnd unbe-
grenzt. Wenn stch die Exportindustrift so hebt. so
spielt der hohe Preis des Leders dabei kaum eine
Rolle. Anderseits steigen dad-urch di-e LLHne.
Der Schuhmacher stellt fich bei dem freien Ver-
kehr nicht schlechter als btei der Zwangswirtschaf^.
Wie dl? Dinge liegen. ist es nicht zu verhindern.
dak der Preis für Schuhwaren ein einhei 1 lich
hoher ist. Es würde fich nicht empsehlen. zur
Zwangswirtschaft zurückzukehven.

D'.e Besprechung kier Interpellation wird ver-
Lundchl mit dem Bericht des Ausschusses für Dolks-
wirtschast über die Notftandsversorgung mit Ober-
'und Unterkleiduna und Schuhwerk sowie den Ab-
bau der Zwangswirtschaft auf dem Gebiete der
Textilindustrie und der Beratung des Antrags
Ablak (Dem.) betr. planmäkigen Abbau der
Zwangswirtschaft für Erzeugniste der Landwirt-
schaft sawie endlich weitere Anträge die Zwangs-
wirtschaft betreffend.

Abg. Bergmann (Ztr.) Die Fabrikantrn mögen
den Bogen nicht zu straff spannest. aber zu einer
'Zwancktzwirtschaft können wir nicht zurückkehven.

Abg. Herrmann (Dem.) Das von uns ausge-
führte hochwertige Leder hebt unsere VaIuta.
Der Schwerpunkt der Vorsorgung mit preiswertem
Schuhwerk muk in die Gemeinden verlegt werden.

Abg. Wcklich (Dn.) Es ist kein Fehler gewesen.
die Zwangswirtschaft aufzuheben.

Abg. Dr. Hugo (D. Vp.): Die oiel zu spät auf-
gehobene Zwangswirtfchaft haf kürzlich jedes wirt-
schastliche Aufketzen verhindert. nicht nur bei dem

Leder. soudern auch in der Textilbranche. bei
Gumnli usw. Die Lederindustrie ist gezwungen. die
Verarbeitung des derben Leders auftugeben. weil
nur gläuzend aussehende Luxuswave verlangt
wird. Zur Notstandsversorgung sollte n-ur derbes
Schuhzeug hergesteüt werden.

Abg. Simon-Frankcn (U. S.): Wir waren mit
Wistels Planwirtschaft nicht einverstanden. fie war
uns zu Lureaukratisch: aber jeht stnd wir in einem
Chaos. in dem eine Anzahl Leute Hunderte Mil-
lionen verdient haben. vielleicht Milliarden.

' Hierauf vertagt fich das Haus. > Weiterberatung
morgen 1 llhr.

Der RegierungsjournaNsmus
auf Abwegen

Die „Karlsruher Zeitu«" hespxicht in
Nr. 234 vom 7. Oktoiber die Erinnerungen des
Grotzadmirals Tirpitz. Ste erklärt. das Buch lege
idie Mitschuld Delltschlands ain Ausibruch des AZelt-
krioges in einer so fundamentalen Meise fest, dah
ftsend eine Rechtsertigung unferen Feiniden se-
genüiber von nun an ckls aussichtslos imd unange-
brocht erscheiinen müsse.

Nachher wird näher ausgesülhrt, diese Miischuld
beruche nicht au>f Löser Absicht, fondorn auf stväf-
licher Dummlhoit uud Leichifertiokeit.

Es war von jehar eiile sttäfliche Dummheit und
Le'ichtfovtigkeit der Deutschen, dak sie in iihrem
innerpolitiischen Treiiben nie die «eringste Rücksicht
auf defsen Wrrkuna aus die äutzere VoliM naih-
men. §5o haben^ um nur swei Beispiele von rechts
unÄ links anzuMren, die Konisevoiatiden durch
ikren bartnäckligen ulld verdohrten WiLsrjstand ge-
gen -eitgemätzo Umgostältungen in Preutzen viel
dasu deigetmgeTr, um uns drautzen in dex Wslt
den Rluf reaiktionärer, rückständiger Verhältnifse
-u Verffchaff«n, der vor und in dom Kviege fo un-
heiffvolle WftLungen für die Stiminung dsr Völ-
ker, der fe-indlichen wie der neutrcvlen. uns ge-
senülher ausgüübt haden. Auf der andern Seite
haben dre Sosiaffdomokraten durch ihre hem-
mungslose, matzlofe Kritik an allom Desteheuden
drautzen dio «Ansicht erseugt, das deutsche Volk sei
rn feinem Jnnerfften völlig zerfleischt und uneinig,
modurch die Neigung der Feinde, einen Kvieg Mft
einem durch solche innete Zerrissenheit gchchwäch-
ten Volke zu wagen, erhMich gefördert wurde.

Heute ist nmr in ver ganzen Weft gurch das Ee-
fchick dar feindlichen Propaganda und 'durch unser
Unsoschick di-e Meiniung in die Kövfe der Mensch-
heit gehämmert, wir seien die Kriessschuildigen.

Unlscr Vsstrüben mützte heute sein. die Waihüheit
darsullsgen und der We-lt nach und nach die riich-
tige Meinung beizubrmgen, datz Äer Konkurrenz-
neid Englands letzten Endes die irMende und Snt-
fcheidende Kriegsulffache war. Hier follte dis
Presse allcx Parteien e'lnhellig zusammenwirLen,
m d gerade di« Partoven. Lie in der unersründ-
lichen Güte und Ernfalt ihres' Hersens slauden, der
VolkerLund konne das Reich des ewigen Friedens
und der Gariechtigikeit Lringen, inützten vor allem
davauf himoirken. die falschen Anfchauungen üher
ldie Kriegsursachen su berichtigen, fo die Stftn-
mung gegen uins su Lndern und damit die Vor-
bedingung für eine Verbefferüng des Versaiiller
„Friedens" Lu schaffen.

Und nun komnrt ausgerechnet das badische Re-
gierunigsblatt und beseugt den Feinden unseve
M.ftschuld cvm Kriege, L.H., datz wir den Krieg ge-
wollt und abfichtlich horbeigeführt haLen. Denn so
und nicht andevs wird die Bemerkung der Karls-
ruher Zeitung ausgelogt unA verbreitet werden,
und von der einengenden Erläutcvung dieses
Satzös wird dre autzerdeutsch.' Welt nre etwas er-
fahren. Die Karlsr^ühec Zeitung schreibt weiter:

Fin Leben der Völker isi und bleibt eben
Schwäche ein Verbrechen und UnfährgLeilt eine
jSünde.

Sshr richtig. Nuir gAt der Spruch nickst nur für
kftrserliche Rogierungen, auf dic die Karilsrrcher
Zeftung -relt, sondern auch für republilkanisch rot-
schlvartzf-xosane und für ilhre amtlichen Zeitungen.

Deutsches Reich

Bom deutschen Wirtschaftsleben

Aus Derlftr wird uns ge'chrrohen:

Alle Erörterungen über eine Hebung der deui-
schen Mark in der letzten Zert und dio Ankü.ldft
gung von Mcitznahmen der Re-gierung habea uicht
rerhinderu können, datz die Akark noch immer eine
weitere Veiffchlechterung erfährt. Namenrlich aus
Holland wird ein^nachgebcndsr Kurs gemeldet, der
um fo ausfälliger ist, wenn man an den von E rz-
berger. mit hochtrabenden Worten a>n.gekündlg-
ten grotzen Valutakrcdit denkt. Eins Frlge Ler
neuen Mschwächung der Mark ist die feste Hal-
lung sämtlichor ausländcscher Zahftnlgsmittel und
der Dalutawerte.

Die Widerstandsfähigkert dcr Vön'e tiiat in dcn
letztcm Tagen augensällig zuin Vorscheind Ee- far,.
den seitens der Lünstigen Spekulation umsang.
rciche Entlafftungsabgahen staft, dic nornralerwe.'is?
elnen scharfen Druck auf dre Kurse häften aus-
üben müssen. Aber geg:nvber dftfem Angebot trat
eiw- cbenso umfangrelch: Nachfrage scitens krcft-
tiger Käuserffchrchten hcrvor und dadurch wurden
dic Kurse gut sehalten E-; zeigl fich. datz immer
wieder dreselben Kre'-sc ourch' andauernde Kaufe
eine LUversichtliche Meinung Lekunden. Jnsbeson-
dera beaoeifft das Ausland weiter ein unoermin-
^ertes Jnterjeffe für deutsche Wertpapiere. Beson-
ders bemerkonswert war di>e Haltung der Kolo-
nralwefte. Dieffe murden an der Haimburger
Dörse sast panikartig an den Markt gewovfen, aber
am nächfften Tage zeigte sich in Berlin schon wie-
der eine sttftmiffche Nachfrage auf diesem Gebiet.

Ferdinand Bonn als Pamphletist
Wenn Ferdin'and Bonn als Künstler bis
letzt immerhin eine ziemlich beachtenswerte Per-
sönlichkeit war. so qeht er durch seine n-euest: Dat
jeder Sympathie verlustiq. Dem Geschmacke des
..souveränen" Dolkes zu Liebe hat er sich nicht ent-
blödet. einen Film Kaiser Wilhelm des Zweiten
zu schreiben und in ihm die Hauptrolle selbst zu
spielen. Der Film träqt den niedrigsten Jnstink-
ten der durch dtz: berüchtiqten Aufklärungsfilme
schon gerade kritiklos genug gewordenen Maffr
Rechnung. Alle Aeutzerungen und Taten Wilhelms
^des Zweiten während seinies ganzen Lebens.*die
ihm irgendwie schaden können. stnd mit geifern-
dem Eiyer zusammengetragen und geben ein dem-
entsprechendes Zerrbild. Bonn. der früher als
Schauspieler nach dem Schutz und der Gnade -des
Kaisers gelechz't. um fie öffentlich und privat
gebettelt hat. hat jetzt. da von dsr gestürzlen
Majestät n i ch t s m e h r z u ho ff e n und n i ch t s
mehr zu fürchten ist. sein zeitgemätzes Demo-
kratenherz entdeckt und gefällt fich in der Verhöh-
i ung dss Mannes. den er früher umkrochen hat.
Vei jedem. der fich auch in dieser Zeit nur noch ein
klein bitzchen Urteilsfähigkeit bewahrt hat. wird
fich ein derartiges Verhalten von selbst richten.
Inzwischen ist erfreulicherwcise der «-Film vom
Oberkommando dc-r Marken verboten worden.

* Die Neichsregierung wird rn kursom die Veu
handlungen über dis Kri egsentfchädi-
gungsfrage trosfen. Die Beratungen begin,
nsn Ende dieses Iahres.

Helst miseril GefWmeii!

Badische PoliLrk

Deutsche liberale VolksparLei

HciLelbcrg

Ueber die schwer zu burchsckiauenden Gründ-
die die Demokratrsche Partct veranstrn
haben können, sich wieder an der Erzbergcr-B^ue'r
schen Regierung zu beteiUgen. reserierte gester«
Herr Dr. Steiner in sehr scharfsinnigen. seiicln
den'Ausführungen. die eine jehr ailgeregte Ne-
sprechung heroorriefen.

Vadcn-Vaden

Im Laufe der beiden letzten Wochen fandsn zwei
Versammlungen der Partei statt, die ein gut Teil
zur Fcfftigung der Partü beitrugcn. In >der ^

besuchten Mitglieder - Z us am me'n'k u n sj

am 3. Oktober gc--.achte vor Eintritt in die Tagc--
ordnung der Vorsitzende, Herr Feder. in einer
begeifterten und bogeiffternden Ansp.ach: der
j vergänglichen Verdiensto Hindenburgs,
dsn am VovaLend softues 72. G e b u r t st >a g c §
ein Glückwunschtelegramm gerichtct worden ist. Iui
we'toren Verlauff des Abcnds wurde ,als Vo.Le-
reitung für den Karlsrulicr Deftreteftag und deu
Le'chziger Parteitag, dor Entwurff des Par.
t eivrogramms einer eingehenden Deratung
unterzogen. An Hand der auffgefftellten Grundsätze
geftrngten die Teilnehmcr m allen Einzelheiten
sur Klarhsft über die wichtige Frage: „Mas will
und was f-oll die Deutsche Volkcpaftei".

Dre zwefte Deranstaltung, ein auf den 9. d. Äi.
angefetztex Vortragsabend, für welchen d:r
Hauvtfchriftleiter unfferes Lanldeso gans. Herr Kurt
F-ischer-Heidellberg. gowonnen war, diente
gleicherweise der! politischen Auffklärungstätrgkeft.
Jn fornvvollendeter, gedankentiefer Rede entrollt:
der Refsrent chn cmffchauliches Bild von den Ur-
sachen und de>m Vsölauf der Rev 0 luti 0 n, sowie
der daraus hervorgegangenen"volitisch?n Lage Ler
Gcgenwart. Was wird die Zuckunft der Redolution
ffein und wie stellen wir uns zu rhr. wrr, de.en
Mufsassung dre polftiffche uftd wiftschastliche Neuge-
stacktung in allen wesentlichen Punckten wffderspftcht^
Die Beantwoiftung diefsr Frage Lildete den Höhe-
puntt des Vortragss: Keine gewacktffame Gege n-
revolutron. die unter den obwaltenden Ver-
hälltnffffen ern Verbrechen' am Vaterland wäre.
Kritick und Olppositu>n ,wo ffolche vonnöten ist --
und sie ist es beute mehr denn je — aber nicht
ftuchtloffe Negatwn, ffonderu pvacktiffche Mtarbcit
om Wtedovaufbau. wo ftnmer es unffere Grund ätze
ermüglichen; im übftgen absr in Treue zu den al-
ten Idoalen ÄE Gegenrevollutionierung der
Geister,, der zu gegebener Zoit diejenigen staal.
lichen Fovmen erwachffen worden, die dem deutsch
Volke angemessen sind.

Mt geffvannter Ausmorcksamkeit waren die Zu-
HÜrer — darunter auch verschiedene Gogner — ftotz
der ftn Saale herrschenden emvfindlichen Hcröst-
ckälte — bis rum Schllutz den Aussübrungen des
Rcdners gefolgt und gabcn ihve Zufftimmung d ir-b
lebhaften Weifall kund. Nachdcm der Vorsitzenids
dem Verichterfftatter den Danck der Dcrffammil ing
>ausgesvrochen und die Hauvtgedanken des Do:-
trages noch durch manches eigene trieftliche Mort
untevstrichen hatie, ffchlotz er die Verffammlung
mit einom Appell zur Untevstützung unfferes Par.
teiorgans und zur lebendigen TerlnaHme an de,
wcfteren politiffchen Arbeit.

Der Landtag '

wird m dies-er Woche ffeine Arbelten roiedcr aur-
nehmen. Es treten am 16. Ocktober der Haus-
haltsausffchutz und der Verfforgungs-
ausschutz ruffammen. Di-offer tagt vormittags,
jenev nachmittass..

Frei in unendlicher Kraft umfasse der Wille

dasHöchss-. V

Aber zum Nächften zunächft greife bedächtig D
die Tat. iv

Grillfiarzer ^

Zonnenfinsternis

Noman pon Elffe Stieler-Marshall
Oop^riLbt QretkleinLcOo. Q.m.d.ft. fteiprie 1916
(12. Fortsctzung)

Der Nebel tut den Augen nicht wohl, er brennt
so Mzia darin wie Tärnen.

Klingharlt hat ein paar weitausholende Schritte
übcx doii Plain getan, immer bis dorthin, wo der
Vodcn unter seinen Fützen tiefer weicht. Nun
fröstelt ihn und er wendet fich heim. Aber er hat
die falfche Richtung genonmon und ffindet nicht
zum Turme.

Er kehrt um, doch wiederum hält ihn der Rebel
zum Narren . . . er gelangt nicht an fein Haus.

Aber durch die Wolken schwimmt etwas gegen
ihn heran, drohend fast erscheint es. eine riesenh>affte
Gestalt. Doch als sie aus den bräunlichen Schleicrn
srch lifft, wirklich wird und dicht herzuckommt. ist es
die seine Eva Soller.

.Wir habcn Ordnuna in eurer Küche gefchaf-
, fcvgte si» ftoiligemut. „Der Bub ist ganz
schlafrlg worden vom Wern ich hab ihn gft-eißen,
sich em wenig niederzutun. Donn der Abst-ieü bei
dem Wetiter ist nit l-ncht."

Klinghart ncchm des Mädchens Whle feste
Hand.

^ oben bis der Nebeil sich verkrochen hat.

ihr Atordhoftlnder. wir w-rdeu schon alle drei
P'iat; habcn im Turmc. Ich mag evch nicht den ge-
fährlichsn Abstieg unlecnchmen lasscn."

Aber Eva lachte.

„Gcfführlich ist er doch nit, ffür uns nit, Herr.
wir sinds aemöhnt. Aber der Hof ist nit gewöhnt
oihne Grosimagd und Bubcn zu sein. Da möcht ich
Les Baters Zorn sehen, wenn die allzwei aus-
blciben. Deim Ihr inutzi wiffen, ich bin -ie Grok-
maigd drunlen."

Klinghart betrachtete ihre Ha.id, die Lvarm und
haft war, -och von schöner schlankec Fovm.

Sinnend sprach er:

„So -cklso ifft eine Grotzmagdshandi heffchaifffen.
Man merkt ihr an. was ste leifftet und mutz Hoch-
achtuna vor iyr beckommein. Mir ffcheint -er Mord-
hoff lhat eine tüchtige Grotzmagd. Der Mordhoff...
ia, sag doch, Kind, was ists mit -em Ncvmen, ist
es ein GHeimnis -abei oder warum tut man dom
Mten ffo weh, wen man ihn danach fragt?"

Zuckender Spott gina über Evas Gesicht. „Der
Vcfter ist fonst recht gescheit, einen Sparrssn hat er
ha!lt doch. Das ist der Fluch vom MoM>qf. Er
glaubt an Marchen und EespeMer und tut si
damit das Leben schwer machen I.ch will es Eu
erzählen.

Der Urgrotzväter von meines Vaters Urgrotz-
vaüer... versteht Ihr, Herr, wie allt das Märchen
ist? Der Uvgrotzvater von meines Vaters Ur-
srotzvater, der soll fremd zugcreist sein im Ge-
birg. Drunten im Hof am Hochschorn soll er fich als
Knecht eingietan haben. Dann bat or... man er-
zählt -as alles so. Herr... dort die Tochter gehei-
ratet, bie iein einziges Kind war. und so ist d,':x Hoff
an ihn gekommen. Die Schwieger ist ein Mes
Weib gmvesen, hat lang: gelobt und «s hat alles
sein müffen nach ihrevl Wrllen. Der Bauer ist im-
npc-r ihr Knecht gcbliebm. Und wo fie nur gcckonnt
hat, hät sie iyn genarrt und gehöhnt und kleinge-
macht vor dein eigenen Geffiude. und da ist tief in
ihm der rote Zorn angeglüht. Er hat ihn in sich
getragen, hrimlich und untcrdräckt, ist der Alten
aus dem Meg gegangen und hat fie toben lassen.

Zuletzt ist es doch einmal anders gekommen, sje
hat ihn ko sereizt, datz der glimmende Zorn in
hellen roten frcffendc.n Brand aufaing. Da bat
der Bauer sich nit gekännt und nichts mohr ge-
wuht als das eine: ihr MauL soll verstumrnen I
Den Dreschflegel hat er gvad in der Hand gehabt
... und so ists halt geschehcn. Mit zertrümmertem
Haupte hat sie am Boden gelegen. der Vauer hat
nit gcwusst, wie es dazu gekommen ist.

Abcr das Maul hat am längsten gelebt an ihr.
Dcrs hat noch einon Fluch tun ckönnien, eihe es ver-
stummte: E in Kind soll immer nur auff dem Hofe
erroachsen, soviele auch da gebovon werden. Und
wenn das 'Kind zum Bauern worden ist, splls wie-
derum einicn Menschen ersch'oscn...

Sehft Herr, dara'n trägt nun der Vater so

schwer."

„Führ mich, Eva, ich finde mein Haus nicht
mlohr. Der 3!ebel macht mich Llind und duyrm."

»iMr ffeids nit gewwöhnt, Herr."

Srn glngen zusammen und Klinahart ffvagte:

„Hat denn der Fluch sich erfüM?" '

„Wer daran glaubt, sicht auch die ErffüNung.
E i n Kind ist immer nur erwachsen auff dom Hoffe.
Sind sonst immer Duhen gewesen. das -erste Mä-
del bin ich Vor mir sind vier kleine Brüder dage-
weffen, und alle gsstorbcn als Wochenckinder. So-
viel man hört, hat auch ffeder Bauer einmal einen
ALenschen zum Tods gebracht. Einer bftm Rauffen
im Wvrtshans. Ein anderer, da hat die Frau ei-
nen Liebsten gchabt, den hat er crwischt. D:r
Erotzoateer hat -en eigenen Schwager auf der
Iaqld lerschossen, man weitz nit, war es ein Unglnck
oder ein Streit. Sind alte Leute schon gewcsen
und keiner bat mehr an den Fluch gedacht. Es ist
nit immer Zorn aewesen, Herrl..., Und bei uns
heisit mxms ffchon lange don Mordhof."

Klimghart liebte die alten Sagen. dre im Dolke
leben u,ld ffamMelte, die xr erffuhr, !n einem gro-
tzen selbstgeschriebenen Buche. Jetzt erariff ihn selt-
sam was dii: Tochter aus jeneni Hofe von dcm
Derhängnis erzählte, das über ihrem Vaterhaufe
wättete und wundcrbar erschien thm. datz sie, das
Kind der Berge, den Aberglauben der Ihren nicht
teilte.

Das sprach er aus.

„Eine: ist noch wie ich bei uns in den Wald-
bergen", erklärte Eva... und es legte fich wie eine
finstere Wölke auf ibre ffonnige Stirn. Der glaubt
kemen Aberglauben und keinen Christeng! auben.
Eine Aeit lang sind wir viel Manlmenscgangen,
wir z-wei, und da hat cr mir gesagt und bewiesen,
warum das altes sein kann. Aufgeklärt hat er
mich"

„So hafft du auch keinen Ehristenglauben, Eva?"

„Herr, oen wollt ich wöhl baben. wenn nit oft-
nvalls der Zwrifel mich olagen möcht. Warum ist
soviel Unrecht da? Warum iist es so stark und das
Gucke allezeit das Schväch.'re? Und warum kann
man selbst nit gut bleiben, so oern nmNs tät, rveil
da schlechte Mcnschen find. die einen nit laffen?
Und warum, Herr, ists bei uns auff dem Hoff so
Iraurig? Keinen bcfferün Menffchcn kanns nit gc-
ben alls die Mutter einer ist. Nun meint Ihr, aeft,

da mützt fie glücklich ffein, wunders wie? Nit la-
chen hab ich sie gesehen, ffeit ich denken ckann. Zwei
tiefe Gruben auis der Stirn hat ihr der Eram ge-
graben. So glücklich ifft ffie. Herr."

Sie standien nun plötzlich am Turm und tratvn^
ein, schüttelten die Näffe ab. Menffchen und Hund.
Auff dem steinernen Estvich der iKüche lag Peter
und schnaufte Lehaglich ftu tiefen SLl-e^. Leise
breitete Klinghart eine Decke über den Jungen,'
wintte Eva und sie sti-egen zusammen ins Wohn-
znnmer hinauf.

»Unb der Dater?" fragte Klinghart nun, und
Eva fuhr ffort alls sei keine Pause im Gespräch ge-
wescn. Der Vater sei so finster, datz die gol-'ncn
Sonnenstrahlen fich vor ihm fürchteien und lieber
nlcht in seine Nähe kämen.

„Nit weil er Vöses getan hätte. aber weil er
Angst hat, datz er doch einmal Vö es wird tun miff-
sen, drum kann keiner froh atmen auf dem Mord>
hoi:- Nnd da hockt noch drr alt: Knccht. der dcutet
alle Dmge, die gescheh:n unb jedes Wort.-das ei-
ner ,agt, zum Schlimmen und D.unkeln. Ich lach so
gern, werl ich ein du.nmes M'aidel bin Aber alles
Lachen krrogt cine Spitzc, die wehtut und jc-e
Freude wird ffcharf wie ein Messer, wenn man
dort im Hauffi: lnchcu oder fich fveuen will. Wcnn
der Peter nit wär, könnt mans gar nimmer aus-
haltcn.

KlinKart ivar erschüttert von dcn leidvollen
Tonen, die das sungo frische B:rgkind fand.

„Klerne Eoa'. sagte er. «Man hat doch sooiel
rzrcude -auf Erden. wenn man jung ist wic du. Du
mutzt deme t-sreude in Berg unb Wald fuchen und
dann mrt heim nehm,?n ins-Daterhaus. W>r soll
F-rcude mit hineintragen. wenn nicht du? Ich
memc dchzu hat M der Hcrrgott .ftgcns erschiff-
ffen, datz du dem finsteren Vater unb der vergram-
ten Mrftier Freude ins Haus bringst, Ml.'infft du
nicht auch? Vev'uchs nur einma!."

Eva stanid am Fcnster und sab iA den Ncbst
bmaus. sie schwieg in tiefen SinMi Plötzlich
schluchzte fie wild aus und ihre Hände balltm sich
zu Füusten.

„Vielleicht hat mich dcr Hcrr'.ott daffür b:-
stimmt gchabt. Aber er hat -och zugelaffen, dah
,ch dazu verdorben wurde. Ietzt kann ichs ninmq:r.
Ach mütztet Ihr, Hcrr, wie sch'echt ich bin, wie mir
das ganze Herz in einem grotzm Hasse brennt...

(Foftsetzuirg folgl).
 
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