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Badische Post: Heidelberger Zeitung (gegr. 1858) u. Handelsblatt (61) — 1919 (September bis Dezember)

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https://doi.org/10.11588/diglit.3728#0563
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IlM. Wcder wlrd' irver Lem .htlndrrcleilk wie sonst der Puls aefühlt.
„och ta,m der Arzt mit dmr Hörrohr den Herzlchlaa lestitellen. Und
dennoch .qrb. es ciniae untriialiche phrisimoailche und phpstlalliche
Mit.cl. um einwandüei fcstzuitellen. od es sich um Tod oder um Cchem-
tod liandelt. So stellcn sich die soaenannten Totenilecle. blaurote
Mrbunaen. die durch Vlutansammlunaen an den Stellen liervorae-
rusen wer^.m. an denen d.r Lciche auflieai. nur bei wirklich Toten
ein. Neben der Auacnprobe. bei der eiir Reflcx der Hornhau: auf be-
. i mm.rnc- !c.'eben verrai. wi'.d auch
?st die Siegellackreaktion anacwandt. um über die stsraae: Tod odcc
^cheintod zu cntscheiden. Tropft nran brennenden Sieaellack auf die
Haut eines Schcintmen. so rötet sie sich in-dcr Umnebuna dcr aetrof-
fenen Stelle lebhast. wäö.rcnd fie bei dcm Toten unveründert bleibt/
Ler Sicacllackreal'lion r:5wandt ist die Probe mittels eincr Acüpaste.
die bei To,en eincn aclben, durchsichtiaan. bei Echeintoten aber einen
schwarzröllichcn. undurchsichtiaen Echorf erzeuat. Ferner ist die To-
tenstarre, die meist inncrhalb eines Zeitraums von 12 Stunden nach
crfolatem Tods cintritt und der Vrrwesuna voranacht. ein chanallle-
cistisches Zeichen des tatsächlichen Todes. Noch bestimmter Lann man
bei Anwenduna des e.eltrischen Stromes zwrschcn Tod und Scheintod
uni erscheiden. da im letsten Fall die Muskulatur durch Zuüunaen wie
beim Lebenden rcaaiert. Schliesilich kann man dcn Scheintod aucki
stuoro-cem erleniren. das dann die Schleim-
tzäute intenstv aelb färbt.

Immerhin ist die beklaacnswerte Tatsache. -das? ärstlicherseits
jene Sclbstmörderin für tot a hal' en woiden ist. nicht aus der Wslt
zu schanen. Aber es must berücksichtiat werden. dast es sich kier a>ar-
nicht um eine endaültiae. amtliche Tolenschau. sondern nur um ekns
vorläufiae Feststellunq aehandelt hat. Die starke Dosis Morpliium.
die die Lebensmüde neben dem Veronal aenommen hat. muk>e sie
nicht nur vollständia betäuben. sondern — es ist das eine spsstfische
Eiaenschaft des Morphiums — auch lähmend aus die Zentren des Be-
wusitseins und der willkürlichen Beweaunaen i,n Ecchirn einwirken,
Weiterhin hat das Morphium die Eiaentümlichkeit. die Körperwärnro
stark herabzusehen. und da hierM noch die äusiere Einwirkrma des
kalten Spätherbstwetters und des Reaens qetreten war. so machte der
r.qunaslose Körper den Eindrtlck der Leichenstarre wie der Leichen-
kälte. Infolae der hocharadiaen Morphiumveraiftuna blieb auch die
Hornhautprobe. die der Arzt noch cmaestellt hatte. neaativ. während
die Sieaellackprobe infolae der völliaen Auskühluna des erstarrten
Körtzers versaate. Troh alledem crscheint. der Fall nicht aeeianet. die
verbreitete Anast vor dem Scheintod sachlich z;u bearünden. Eine an-
dere Fraae ist freilich. ob bei einem weniaer widcrstandsfähiaen Or-
aanismus das äl-zrliche Versehen nicht zu einer fabrlässiaen Töbuna
hätte führen können. Denn das fünkehnstündiae Lieqen im Scrrae,
in nassen Kleidern und in einer eiskalten Leichenhalle hcr.ste sehr
wohl die n^r Scheintote wirklich vom Leben zum Tode befördern
können.

Aus Anl'ittz dieses anaeblichen Falles von Sche^ntod brinat ein
Stockholmer Blatt die Schilderuna eines wirklichen Falles von Scheül-
tod, dex den verstorbenen Reichsraasabaeordneten Per Truedsson 'm
Haaenäs betraf. Der Bericht ist nach dem Diktat des seinerzeit
Scheinto ien selbst aufaezeichnet. Truedsson enählte:

Im Spätwinter 1855 hatre ich einiar Zeit an schwerer Lun-
aenentzünduna krank aelcaen und meine Hausleute crwarteten irden
Äuaenblick meinen Tod. Dicser trat dann auch. nach menschlichem
Urteil. eines Abends um 9 Uhr ein. Meme Frau und meine Schwie-
aermu:ter. die später dai;u kam. wacen ausier sich vor Kummer. Diese
schlua vor. man solle Lie Leichs rasieren. waschen und in einen bcson-
dcren Raum rraqen. aber meine Fvau ertlärte: ..Per und ick> sind
einmal übeveinaekommeu. dasi der von uns. der zuerst stirbt. 24 Stun-
den in Ruhe lieaen soll. ehe man ihn hinausträat." Wir hanen
nämlich einmal von einem aufreaenden Fall von Schointod aelesen
Bei dev Bestimnnma meiner Frcm blteb es auch. und man liesi mich
dte Nacht über im Vett lieaen. Fndessen kümmerte man sich um die
Vorberei ünaen zum B-'aräk'n's und beriet. wer dazu .qeladen werden
sollte. Es war das Schrecklichste, was ich jemals qehörk habe.
In möinem Zustand konnte ich nämlich jodcs Wort hören. konnte
aber keinen Fmqer rühren und aiuch nicht die Lippen öffnen. So
kam der Nachmittaa des nächsten Taaes. Man hatte das Leichenstm-
mer in O dnuna aebracht. und alles war brreit. mich dorthin zu
schaffen. Da lirat ein Ereianis em. das deutlich zeiqte. dasi mich Eott
nicht aus den Aucen verloren batte und dasi ich noch vtsle Iahre
leben sollte. Eanz plötzlich erschien näm'.ich d:r Provinstalrat Dr.
Sjöberq aus Brobn Man chatte in den lehten Tasten meiner Krank-
heit nach ihm qeschickt. absr er war nach Destra Eöinae aefabren und
konnte daher nicht kommen. Nun war er indessen auf der Heimsahrtt
An der Weakreu?una in Trvqoröd. wv der Wea nach Haaanäs abqeht
saqte er aanz plöhlich zum^utscher: ..Fch qlaube. wir fabrsn einmul
zu Truedsson hinauf. Ich habe aehört. dasi er schwer krank ist."

Das qeschah. und als der Doktor ins Zimmer kam. empfincr ihn
meine Frau sosort mit dem Ausruf: ..Mein Mann ist bereits tot."
Eleichzei nq zeiqte ste ihm. wo ich laq. Er kam heran und fühlle mir
den Puls. ..5>a. er ist tot." erklärte er rmd saqte einiqe tröstende
Worte 'u meiner Fran. die dauernd weinte und aain Quster sich war.

Dann kam der Arst aber nochm-als m mir und betrachtete mich.
..Setzt einen Topf warmes Wasser auf!" rief er vlöhl-ich.und beaann.
memen Körper auf das sorafältiaste m betassten. Meine Frau liesi
stch das nich> zweimal saqen. Vielleicht aab es noch eine Möqlichkeit.
Bald war das Wasser qekocht und hereinqebracht Inzwischsn hatte
der Dokior Maniel und Rock ausaezo--en. Mit einem m dcrs Wasser
«etauchien Handtuch heaann er aus allen Krästen. mir den Körper

zu reiben. Er arbeitete. dak ihm der Schweisi herunterlief. und als
er selbst nicht mchr konnte. rvurden die Knechte hereinaerufen. rm:
rmter seiner Leitunq fortMfahren. Zwischendurch fühlte dcr Dottor
den Puls. lauschte anr Herzen. Nach einer Weile.rref er trrunMie-
rend aus: „Nuu hat er wiedsr Leben bekonrmen! Mrt trefer Be-
wequnq stellte auch merne Frau fest. dasi Puls und Herz wieder b>>
.qonncn hatten, zu arbeiten. Mar noch schwac^- aber je mehr man mrch
mi'! den warmen Tüchern bearbeitete. desto ichneller wiurde der Blut-
kreislauf. Dann nahm der Doltor eine Zmrae mit spihen Dacken
und brach mir den Mund auf. sodasi ich wicder atmen konnte. Als rch
indessen wieder jsu atnron versuchte. spannte sich ieder Nerv^ sodau
rch qlaube. 4ch habe weder vor- noch nachher jemals solchen Schmevi
qefühlt. Man sehte die Vcsiandluna wrt. rmd wieder nach einer
ÄZeile qelanq es mir. lanqsam die Lippen M bewegen.

..Nun köimen Sie Ihren Mann wiederbe!ommen. Muiter
Trucdsson!" rief der Doktor. Und meine arme Frau, roar so froh.
dasi sie vor Freude we'mte. Sie dankie laut Eott, und als der Dok-
tor fortqesahren war. konnte sie mit mir plaudern. wenn clnch me'me
Sprache noch schwer !iu verstcheu war. Am nächsteu Taqc kam dee
Doktor wieöer. Da aina es mir besi'er. And er stellte sest. dasi. wäh-
rcnd ich „iot lag", die Lunqen qehe'lt waren. Dier.iehn Taqo später
war ick, wieder auf dcn Veinen und hubL seitden. mit Evt>,es Hilfe
viele Iahre qesund qelebt. . .

Gedanken und Lprüche

Man -qlaubte zu sehen. was man w^nschie und dcutete poli-
tische I,deen und schön klinaendo Worte für Eesehe und Taten ....
Die Revolution ward nun em aesräsiiqes Unaehcuer. welches huna-
cia sich selbst vcrschlana. bis es im Würqsn ermactete. Die besseren
Köpse. die edleren Herzen waren .'.erstört, dcr elende Ausschus; aller
Parteien war übria. eiir mittclmäsiiae» Cklavenaeschlechr. das we-
der zu beaeistern noch M herrschen wusite. E. M. A 'rndt

Selbst der srüher so oft wisderholte und eiaentlrch aus der
Sache selbst sliesiende Sah: das; die Revolutionen arosie Männer an
den Taa bringen. har unser Armutszeugnis besiegrlt und unier-
schricben. ^ Erillparzer, ...

Wir nennen Frieden. was doch nur Lsthargie vor dem Tode ist.
und ich fürchte. wir erwachen nuv Zu unserm Ende. 2. E. Se um e.

Oben brennt das Haus. unten ists rmterminiert und in der
Müte schlagen sie sich um den Desih. Fr. Hebbel

. Ich schätze mich alücklich. ein Deutscher zu sein. solanae iL blvk;
iils Auge fasse. wozu die Deutschen von Natur bestimmt und erschafseu
sind; aber mrt dem. was die Deutschen aus sich selbst gemacht haben,
Lann ich mich nicht ebenso Mfrieden aebcn. P. A. Pfizer

Man lebt jetst von der Kunst. den Taler aus.maeben. den der
Nachbar- in der Tasche trägt. ^ Fr. HebL >. k

^Ich höre <eht überall Tanstnusik. Das mus; von den frem-
den Tarantelbissen kommen. wonn es nicht alter Värentanl isr. Wie
cin Deutscher bei dem Iammer und dem Sklavenjoch serner Nation
ausier dem Zähnttnrrschen noch einen Ton finden kanm ist mir un-
beareiflich. ^ I. G. Seume.

Seid doch lieber unglücklich mit Würde. mit Wahrheit. als
init Lüge und Kuechtssinn der euch eure lehten Wafsen aegen -öen
Feind raubt. E. M Arndt

Es ist vi-el von ministerieller VerantwortNchkeit die Rede.
aber ich habe nie gehört vielleicht wird es der Zukunft vorbehalten.
solche Eesetze einüuführen. das; auch Abgeordne'-e wel'che an Be-
schlüssen teilnehmen. welche ihr Land ins Ungliick bringcn. einer Ver-
antwortlichkeit dasirr vor dem Richter unterliegtti. Bismarck.

Wann em Land oder aewall-iae Stadt unr Einen vortreffüche
wunderaeichickken Mann hätte. so gincen alle Natschläge besser for
wo ober keiner ist. da aeht alles hinter sich wie ein Krebs kriech
ob lhrer woyl viele srnd die regieren und raten. Luther

Wer räl^s?

17.

Das Wort. Lekannt ist es als Mak.

Ist nichf aus Eisen. nicht aus Elas.

Füast du ein Zstchen hinten an

gibts ein Stück der HimmelsbÄhu.

Nun füa' noch einen Kopf hinzu

Und Herbstesb^uncen findest du.

Lösuna des Rätsels Nr. 16: Cuba. Acht. Niai. Liu
Harl — Z ta.

Richtiae- Lösunasn sandten ein: K. N. F.. Heidelbera' L
Rohrbacherstrasie: L. Freund. Freibura: M. Len-r. Vaden-Badc
Verantwortlicher Schristleiter: Iulius Kraemer in Heidelberl



Z * Fs- O-F .







zur


1. Iahrgang, Nr. 13

12. Dezember 1919

Vom Tode / T. F. Gellert

Meine Lebenszeit verstreicht.
Stündlich eil ich zu dem Erabe:
Und was ist's, düs ich vielleicht.
Das ich noch zu leben haöe?
Denk. o Mensch! an deincn Tod.
Eäume nicht. denn eins ist not.

Lebe. wie du. wenn du stirbst. '
Wünschen wirst. aeleb- zu haben.
Eüter. die du hier erwirbst.
Würdeu^die dir Menschen aaben:
Nichts wird dich im Tod crfreun'
Diese Giiter sinh nicht dein.

Nur ein Serz. das Eutes liebt.
Nur ein ruhiges Cewisien.

Das vor Eott dir Zeuanis aibt.
Wird dir deinen Tod versüsien.
Dieses Herz. von Eott erneut.
Zst des Todes Freudiakeit.

Wenn in deiner lehten Not
Freunde hilflos um dich beben:
Dann wird über Welt und Tod
Dich dies reine Herz erh.den:
Dann erschreckt dich kein Eericht:
Eott ist deine Zuversicht.

Das; du dieses Herz erwirbst.

Fürchte Gott. und bet und wache.
Sorge nicht. wie früh du stirbst:
Deine Z-it ist Eottes Sache.

Lern nicht nur. den Tod nicht scheun.
Lern auch seiner dich erfreun.


Der deutsche Ticero

Zur 150. Wiederkehr von Gellerts Tc>destaae>am 13. Dezeinber
^ Von Kurt Droeae

Kauln hatte am 13. Dezember des Iahres 1769 ein milder Tod
dre schweren. von einer steten Hypochondrie bealeiteten Leiden des
austerordenllichcn Professors der Philosophie zu Leipzia. Christian
Fürchteaott Eeller!s. bcendet. als sicki durch die -eutschen Landr auch
bereits eine Hochflut der beaeistersten G>denkschriften und, Lobpreisun-
aen eraosi. die dom Hinaeschiedenen als dem Lehrer der Iuaend und
dem Tröster des Al ers immer neue Ruhmcstränze weihtsn. Ieder
Zwiespalt der Verfasier dieser Schriften im literarkritischen und phi-
losophischen Urteil üb.r dcn schon mit 54 Icthren ins Grab aesunkenen
Dichter und Mokalisten klana in eine sanfte Harmon'e aus. weil in
ckllen unauslöschlich jenes Bild von Eellert lebte. dak auch Goethe
erfMt hat: „Die schöne Seele. der reine Wille. die ed^e Teilnahme
rm unser aller Wohl." Eewis; ist Gellert Pedant aewesen. doch mehr
noch ein Iünaer der Wahrheit und des aus ihr. aeborenen Pflicht-
gebots: aewist haben ihm aroste Schwächen anaehaftet. doch unvermin-
dert lcuchtet auch heute noch der Adel seines inneren Menschen. der
ihn befähiate. seiner Zeit ein Führer zu einer HSHeren Sittllchkeit, zu
sein und der ihm so den Lh-rentitel des „deutschen Clcero etnartrL-
gen hat.

Doch nicht Firdusi aleich. der in derselben Stunde. wo ihn der
erste Lohn für seine unsterbliche Poeste nach einem Leben in Not und
Elend erreichen sollte. zu Erabe «etraaen wurde. aeschah es Eellert.
vielmehr roaren ihm sthori ru aüen Lebenszeiten von Iuna und Sllt.

von Arm und Reich ausrichtiae Anerkennuna und aus tieistem Herzcn
daraebrachter Dank beschieden aewesen. wie kaum wieder eimm deut-
schen Manne. Fürsten und Eensräls haben aeaenüber dem so sehr
beschsidenen Professor in Lobsprüchen aewetieifert. der alte Frit;. der
so wenia von deutscher Sprache wissen wollte und wusite. hat den
Fabeldichter „den Vernünftiaston unter den deuischen Eelehrten" ae-
iiannt. dcr Kurfürst von Sachsen hat ihm wieder und wieder Bsweise
seiner Huld und seines Stolzss auf ihn aeaeben. und um Eellerts
willen wurden. um Leipzia zu schonen. nicht nur strateaische Pläne um-
aeändert. sondern soaar seiner Vaterstadt Hainichen ein aroker Teil
der Krieasiasten aöaenommen. Und wcr kannte andererseits nicht- die
Eeschichte von jenem Bäuerlein. das dem Dichter mit einer Fuhre Holz
für die ihm und seinen Kindern bereitete Freude dankt und ihn bitret.
noch mehr solch schöne Bücher zu schreiben. oder die Erzähluna von
der Postmeistermrrqd die sich zu dcm Eelehrten dränat. ihm die Zand
küstt: „Ach. ist er der Mann. der dis schönen Bücher aeschrieben hat?"
Der preukische Feldwebel. der nach 33 Iahren Dienstzeit auf denr
Wege in die Heimat fünf Meilen umaeht. um Eellert danken zu dür-
fen. der Leurnant. der sieche Student. sie alls und Hunderte. Tausende
ihrer Zeitaenosien sind sich einia aewescir in ienem iraturaewalhiaen
Drana einmal im Leben Aua' in. Aua' dem Manne asaenüberstehen
zu können. der ihr Leben veicher. ihre Schmcrzen linder und ihre
Freude zwiefältia aemacht hatte und immer noch machte.

Was nun war es. das diesen Sohn einer armen Pcrstorenfamilie.
der am 4. Iuli 1715 als füsiftes von dreizehn Kindern zu HainiLen
das Licht der Wrlt erblickt hatte. dec in mehr als bescheidenen Ver-
hältnisien aufacwachsen war und sich vom Kan.didai«n der Eottesae-
lahrtheit aus Miktrauen aeaen seine Beherrschuna der freien Rede
zum Lehrer der Moral und Philosophie entwickelt hatte. und den sein
grösiter Schüler Eoethe uns als „nicht arok von Eestalt: ziemlich. av -
nicht hager, mit sanf:-en. aber rraurigen Augen. einer schr schöncn
Stirn und einer nicht übrrtriebenen Habichtnase mit einem fein- '
Mund und einem gefälliac-n Ooal des Eesichts" beschrieben hat: welckie
innere Kraft von Eellerts Persönlichkeit war es. die ihm im Herzen
aller Zeitgenossen Deutschlands und dss Auslandes — wie hat^ Boi
l'.'au zum Preise Esllerts zu sinaen aewukt! — einen so aefestiaten
Ehrenplah anwies? Denn was sind dcr modernen Welt noch die Eel-
lertschen Fabeln qemessen an den Lossinaschen oder Lafontainschen -
— mögen ste einstmals auch in fast alle lebenden Kultursvrachen. selbst
ins Lateinische und Hebräische übersetst worden sein — was bedeuten
ihr erst recht seine nur noch dem Literaturhistoriker bekannten Lust-
spiele oder sein einziger Roman: „Die schwedische Eräfin"? Wie virl.:
seiivrr geistlichen Lieder. von denen allerdinas sechs die Krönuna
Beethooenscher Komposttion erfuhren. sind der Veraesienheit anhein:
gefallen. Und nie sinds auch seine Werke an stch aewesen. die -ein
deutschen Cicero in so aewaltmer Fülle dankerfüllte Verehruna zu-
trugen. sondern! das weite aütiae Herz war es. das aus jedem seiner
Worte sprach und das ihn. seiner Mitwelt auf einen heimlichen Thron
erhob. Dies von einem unbeirrbaren Elauben an Eo:-t und an die
Bknschheit geläuterte Herz machte seinen Träaer zu einem Arzt. dec
die Seele jenes Mitmenschen hüllenlos freilegen und. was eben Eellerts
Eröks ausmacht. sie auch heilen konnte. Mit der ckcknzen Macht iener
seltenen.ihrer selbst sicheren. Persönlichkcit hat. der Mitbearünder des
Leipziaer Dichtervereins die Herzen. die da litten und unselia waren.
an stch heranaezoaen. um alles Trübe und Fleckiae hinweazunehmen.
sodak seine Freunde. SLüler und Bewunderer alle einia waren in
dem Zeuqnis: „Lr hat unser Herz acbesiert."

Wsnn aber Gellerts Beliebtheit und sein Nuhm. umaekehrt
wie bei den meisten anderen Eroken. irckch seinem Tode aerinaer ae-
worden stnd. als zu seinen Lebzeiten. — so wenia auch ie dicses
Poeten Stelle in der Entwicklunasaeschichte des deutschen Eeistes
fortaedacht werden kann — so spricht zwsverlei mit. Der aukerordent-
liche Profesior der Beredsamkeit. zu bescheiden. die ihm anaebotene
Stelle eines ordentlichen Profesiors anzunehmen. die er bei seiner ac-
brechlichen Gesundheit nicht ausfüllen zu können alaubte. war auch
so bescheiden. dak er nur für seine Zeit und in dieser vornehmlick,
für den einpachsten Mann leben wollte. Seine Aufaabe sah er da-
rin dem. der nicht viel Verstand bestht. die Wabrheit durch em Bild

zu saäen und nicbts kann charakteristischer für Eellert sekn als seine

sofortige Beveitroiüiakeit. sein aeiüliches Licd:
 
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