Böttiger, Carl August; Sillig, Julius [Editor]
C. A. Böttiger's kleine Schriften archäologischen und antiquarischen Inhalts (Band 3) — Dresden , Leipzig, 1838

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sondern mit slebenundslebzignial sieben Girandolen ausschmücken;
nur wird er seinen Geschmack nicht immer seinem blödäugigen
Nachbar aufdringen und dessen Liebhaberei an einem gemilderten
Lichte, sei es durch eine Vaso von Florentiner Scagliolo, oder
durch eine Lampe von milchfarbenem Beinglase, oder durch ein
woblüerechuetes, aber nicht gerade vDn Vesuvischen Lavaströmen
iibergossenes Transparent, — darum nicht tadeln, weil sie der
Flamme auch einen mildernden Schirm zugesellt.

In Sachen des Geschmacks darf man noch immer, ohne einer
pedantischen Anhänglichkeit an's Allerlhum bezüchtigt zu werden, bei
jeder neuen Veranlassung die Frage anfwerfen: wie hielt es der
alte Grieche und Römer in diesem Falle? Denn dafs sie noch
immer unsere unübertroffenen Lehrmeister in den meisten Artikeln
des geistigen, mit den Künsten verwandten Luxus sind, beweis't
jedem Zweifler der modernste Galanterieladen im Palais Egalite
oder Newbondstreet durch seine kunstreiche Nachahmung der anti-
ken Form in Kleidungsstücken und Gerätbschaften. Man bat mir
mehr als einmal die Pracht der englischen Glasmanufacturen und
den unendlichen Schimmer ihrer geschliffenen Krystallgläser zu den
Spiegeln und Leuchtern als einen Triumph der neueren Verzier-
ungskünste über die alten vorgeführt. Sollte aber der Sieg von
dieser Seite wirklich so entschieden und uubezweifelt sein? Soll-
ten wir uns nicht vielmehr gerade auch hierin, wie iu; so man-
chem anderen hochgepriesenen Artikel des neuen Luxus, bei einer
unparteiischen Vergleichuug mit dem Alterlhume ungefähr in dem-
selben Falle befinden, in welchem sich die durch Glasperlen und
andere Flitterpracht entzückten Küslenbewohncr fremder Weltlheilo
gegen die sie besuchenden und überlistenden Europäer, ehrlichen
lleisebeschreihern zufolge, von jeher befunden haben 1

Bei den sinnreichen Alten entschied wahrer Kuuslwerth mit
Dauer für die beliebtesten Artikel des Luxus. Sie sahen weit we-
niger auf Mosen Schimmer und Farhenscbmelz als auf vollendete,
reine Umrisse in der Form und auf verständige Anwendung der
Bildnerei und Sculptur in ihrem Schmucke und ihreu Geräthschaflen.
Nicht mit blitzenden Juweleu und Edelsteinen, die nur der Glanz
adelt, übersäet, ging die prachtliebende Milesieriu oder Syracusa-
nerin des Alterthums zu ihren Festaufzügen oder Besuchen. Inta-
glios und Cameen von den berühmtesten Edelsteinschneidern, mit
lieblichen Götter- und Geniengeslallen bezeichnet, schmückten als
Ringe ihre Finger, als Haarschmuck, Arm- und Fufsspangen ihre
übrigen Glieder. Die Schmuckkästchen der Damen des Allerthuuis
beschäfliglen den Kunstsinn der Beschauer auf eine ganz andere
Weise als bei uns und sprachen in deutuugsvollen Allegorieen den
wahren Geschmack ihrer schönen Besitzerinnen aus. Wie ärmlich
nehmen sich unsere Schnallen und Knöpfe, und wären sie zwei-
mal in Sheffield und Birmingham brillautirt, gegen die unendlich
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