Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 43.1918-1919

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KUNSTWERKE SAMMELN dient nicht nur
der Befriedigung der Eitelkeit oder eines
mehr oder weniger stark in jeder Seele vor-
handenen Triebes zum Besitz, nicht nur der
Ausspannung und Erholung von allerlei Berufs-
arbeit, der Verwendung überschüssiger, im Be-
ruf nicht beanspruchter Lebensenergie — die
Sammeltätigkeit gehört zu den Grundlagen der
höchsten Form der Bildung, die wir erkennen,
der Bildung im Sinne Goethes. Sie ist die not-
wendige Ergänzung unserer wesentlich auf Wort
und Wissen angelegten Bildung, denn sie führt
zu den Dingen und in die Dinge hinein, sie
weckt und entwickelt Kräfte des Geistes und
des Herzens, die sonst ruhen, sie gewährt Zu-
gang zu dem geheimnisvollen Wesen der Wis-
senschaft und der Kunst und erfüllt mit einem er-
wärmenden,allesdurchdringendenGlücksgefühl,

das sonstnurderForscher und derKünstler kennt.
— Die Erfahrung lehrt, daß, wer auf irgend-
einem Gebiet zu sammeln beginnt, eine Wand-
lung in seiner Seele anheben spürt. Er wird
ein freudiger Mensch, den eine tiefere Teil-
nahme erfüllt, und ein offeneres Verständnis
für die Dinge dieser Welt bewegt seine Seele.

Über sich selbst hinauswirkend hat sich der
Sammler als Hüter nationaler Schätze, als un-
entbehrlichen Untergrund alles künstlerischen
Schaffens und als ein Anregungszentrum be-
wiesen, das die Kraft des Künstlers, die sich in
tausend Kultur- und Wirtschaftswerte umsetzt,
auf das ganze Volk überleiten hilft, a. lichtwark.

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Der Geschmack einer Nation geht dem Genius
niemals vorauf, sondern hinkt ihm beständig
nach....................... HEBBEL.

WILHELM LEHMBRUCK—ZÜRICH. PLASTIK »DER FREUND«
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