Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 43.1918-1919

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DER HAMSTER UND DIE KUNST.

Es gibt Meister und Stümper auch beim Ham-
stern. Der eine kauft in kleinen Dosen
und ohne Weitblick. Aber das Genie hamstert
alles: Schmalz, Pfeffer, Tee, Zwirn, Sauerkraut,
Briefpapier, Bleistifte, es kauft auch Bilder.

Neben Schinken und Eiern werden sie im
Keller oder in der Bodenkammer verstaut.

Wie erhebend muß es für den Künstler sein,
sein Werk in festen kapitalkräftigen Händen
zu wissen und in Nachbarschaft mit so geschätz-
ten Werten! Du bist der Mühe überhoben, das
Bild Jahr für Jahr für die Ausstellungen zu ver-
packen und zu versenden. Alles wird gekauft.
Und wie schön, daß es dann so spurlos ver-
schwindet. Du hast keine Verantwortung weiter,
weder die Wirkung auf das Volk, auf die Mu-
seumsbesucher, braucht dich zu beunruhigen,
noch die auf die heranwachsende Jugend. Wie
fatal war es für einen Künstler, sein schwaches
Jugendwerk immer und immer wieder im Mu-
seum sehen zu müssen. Wer malt heute noch
für die Allgemeinheit, für das Volk? Man malt,
um sich für den Erlös das nötige Fett und
Fleisch kaufen zu können. Wäre es nicht ein-
facher, den Preis überhaupt in Naturalien aus-
zudrücken? Etwa das Bild kostet zehn Kilo
Speck, jenes ist für eine Mastgans zu haben.

Der Hamster hat der Kunst einen neuen Auf-
schwung gebracht. Oder wenigstens dem Geld-
beutel der Künstler. Man müßte den Tipp für
die Zukunft festhalten. Akademien zu gründen
oder Stiftungen für staatliche Ankäufe auf Aus-
stellungen, das ist nicht der richtige Weg, der
jungen Kunst zu helfen. Man drohe mit einer
neuen Steuer auf Kapitalzuwachs, auf Wert-
papiere oder ähnliches, und es wird ein Wett-
bieten um die Bilder einsetzen. Selbst wenn
die Preise vorübergehend steigen, was hat der
Hamster dabei zu riskieren? Zahlt er das Kunst-
werk mitNahrungsmitteln, so ist dasBild ebenso
viel wert wie zehn Kilo Speck. Wer will da,
wenn der Preis der Fette wieder sinkt, einen
Vermögenszuwachs nachrechnen?

Ich finde diese Hamsterei gar nicht so übel,
jedenfalls der Kunst und dem Künstler nicht
abträglicher als der frühere Zustand, da der
Maler seine Bilder in seinem eigenen Atelier
aufspeichern mußte, ein unfreiwilliger Hamster
mit eigenen Erzeugnissen. . . . anton jaumann.

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"IV Joch immer sind Besirj und Kultur getrennte Gü-
1>I ter. Der Besitj ohne Kultur jagt dem Vergäng-
lichsten im Leben und in der Kunst nach. Wie sieht
es in den Seelen und deshalb in den Wohnungen
unserer Wohlhabenden aus? . . . ALFRED LICHTWARK.

JULIUS HÜTHER—MÜNCHEN. KLEINE ÖLSKIZZE »ABENDRUHE« Privatbesitz.
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