Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 43.1918-1919

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EMIL LUGO. GEMÄLDE »SCHLUCHSEE« 1890.

BES: DR. J. A. BERINGER—MANNHEIM.

DIE EROTIK DES KÜNSTLERS.

VON JOSEPH AUG. LUX.

Von Rodin ist das Wort: „Der Künstler,
der zusehr dem anderen Geschlecht zuneigt,
ist für die Kunst verloren". Es liegt nahe, den
Sinn umzukehren und zu sagen, daß auch jener
für die Kunst verloren ist, der erotisch allzu
unempfindlich bleibt. Aber eine dritte These
wirft alles wieder über den Haufen mit der
berechtigten Frage, ob das Verhältnis des
Künstlers zum Weibe überhaupt etwas mit seiner
Kunst zu tun hat. Sicher ist nur, daß die Sehn-
sucht ein wertvolles Agens des Künstlers bildet,
ein inneres perpetuum mobile, das ihn weiter-
treibt zu ungeahnten Fernen und Höhen in ihm,
steilan, Sehnsucht, die sich nicht im Leben erfüllt,
sondern in der Kunst noch spirituell ihre Be-
friedigung findet. Von Balzac wird erzählt,
daß er eines Tages verstört klagte, ein Werk
verloren zu haben. Die Liebe zu einer Frau
hat im Leben Erfüllung gefunden, somit war sie
für die Dichtung, für den Roman verloren, den
er aus seiner Liebessehnsucht zu schöpfen ge-
dachte. Rodins Wort würde sich hierin be-
stätigen. Von Beethoven wissen wir, daß er
seiner Sehnsucht nach der unsterblichen Ge-
liebten himmlische Inspirationen verdankte, und
Dante ist überhaupt ohne diese spiritualisierte
Liebe nicht zu denken. Sehnsucht allein macht

zwar noch nicht den Künstler, aber sie ist für
ihn ein notwendiges Seelenelement, das ihn
innerlich zum Erglühen bringt, Leiden schafft
und als Leidenschaft seine schöpferische Kraft
beflügelt. Mancher, der diese Leidenschaft im
Leben vertollte, anstatt sie dem Kunstwillen
zu unterwerfen und also zu beherrschen, wie
der Kentaur, der das wilde Roß unterztigelnd
sich seinem Gedankensprung unterwirft, bleibt
auf der Heerstraße der Kunst ohnmächtig liegen,
unfähig das steile Ziel zu erreichen, die kostbare
psychische Essenz verschüttet, eine der ruhmlos
tragischen Naturen, die den heiligen Pfad säu-
men als Zurückgebliebene und Unterliegende
auf dem Eroberungszug nach Ruhm und Künst-
lergnaden (Stauf fer-Bern unter ihnen), die zahllos
sind, vom Vergessen bedeckt. Wahrscheinlich
aber hat es ihnen zum Größten in der Kunst
innerlich von Haus aus gefehlt, Halbgenie und
Halbtalente, sie flüchteten ins Leben, weil sie
in der Kunst verzweifelten und ihr trauriges
Los war, an beiden zu verzweifeln. Denn es
gab anderseits Kraftnaturen, die an der üppigen
Tafel des Lebens genossen und ungeachtet
reicher Frauenliebe den Gipfel der Kunst er-
stiegen, ja es scheint als ob diesen Meistern
und Lebenskünstlern die Liebe nicht nur kein
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