Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 43.1918-1919

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WERKBUND-AUSSTELLUNG IN KOPENHAGEN.

VON THEODOR HEUSS - BERLIN.

Irgendwo im Hintergrunde des Gedächtnisses
ruht dies unverloren: ein paar sonnig heitere
Tage, die fast den Krieg vergessen hatten,
Abende am Hafen, da die Musik das schwim-
mende Lichtergewimmel der schweigsamen
Schiffsleiber in das dämmrige Blau begleitete.
Keine schwarzen Kleider und die paar Soldaten
wie Schildwachen aus Andersens Märchen,
viele jungen Männer und Mädchen, die in einer
zwecklosen Geschäftigkeit durchs Dasein radel-
ten. Wir atmen noch die Hafenluft, wir hören
noch das seltsam Aufreizende des pedantischen
Glockenspiels vom Rathausturm über die Dächer
wehen — draußen ist Berliner Spätherbst, Re-
volutionstage liegen hinter uns. Ein Krieg un-
erhörter nationaler Anstrengungen und Opfer
ist verloren, die Rachewut des Feindes, ver-

wirrter Terrorismus im Ionern bedrohen die
Grundlagen des wirtschaftlichen, des geistigen
Neuaufbaus. Welche Zeiträume sind seit jenen
Julitagen verflossen — der Kalender spricht
von ein paar Monaten, aber er irrt. Nicht jeder
Tag hat bloß vierundzwanzig Stunden, nicht
jede Woche nur sieben Tage.

Man muß sich eine Stunde mit Stille um-
bauen, um heute die Seele in das wohlige
Intermezzo der Kopenhagener Reise zurück-
zusenden. Da ist der Rosenborgpark, da die
unvergleichliche Würde von Amalienborg, die
Grachten am Hafen, die Fischerhäuschen (man
denkt an die Augsburger Fuggnei), vielerlei zarte
Profile klassizistischer Architektur. Und eine
unscheinbare Bretterbude, in der ein Stück
bester deutscher Heimat zu Gast war.
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