Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 43.1918-1919

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DER KÜNSTLER UND DIE NEUE ZEIT.

VON JOSEPH AUG. LUX.

iLS freie schöpferische Persön-
lichkeit sieht sich der Künstler
! immer und nicht zum Wenig-
! sten gerade heutzutage darauf
I angewiesen, in seinem Streben
, und Wirken der Gegenwart aus-
zuweichen, um die Zukunft zu retten. Die
Gegenwart ist etwas, das fortwährend über-
wunden werden muß. Die Gegenwart von
gestern war der schöpferischen Persönlichkeit
nicht hold. Der Genius erschien nicht nur
dem Staat unbequem, der sich lieber an die
erprobte Mittelmäßigkeit hielt; das Geniale
wurde auch im Wege der Organisation und
Überorganisation niedergehalten und der
Grundsatz galt, das Programm ist schöpferisch,
die Organisation, wogegen die Persönlichkeit,
das eigentlich schöpferische Element, als eine
fast polizeiwidrige Erscheinung angesehen wur-
de. So wurde mit fast selbstmörderischem Hang
von den zusammenwirkenden Lebensmächten
des Staates, der Organisationen, der Gesell-
schaft und der Kritik jede individualistische
Regung verketzert und erstickt, der Genius des
Volkes uniformiert, die Intelligenz mechanisiert,
Geist und Kunst typisiert, organisiert, sterili-
siert — das Zivilisationsideal im Gegensatz zur
wahren Kultur, die ein Persönliches ist, war er-
reicht: unfruchtbare Langeweile. Heute, nach-
dem das deutsche Leid über uns hereingebro-
chen ist, erkennen wir, zu spät, wie arm wir
geworden sind an schöpferischen persönlichen
Kräften — unsere Tragödie! Die subalterne
Intelligenz übertyrannisiert die Tyrannen, selbst
die reaktionärsten Elemente strecken demokra-
tische Spruchbänder zum Halse heraus, ohne
innerlich weniger reaktionär zu sein — an Stelle
der früheren „Herren" herrscht die Masse, nicht
weniger unduldsam gegen die Rechte der Per-
sönlichkeit, als die früheren kompakten Majori-
täten. Der Künstler hat von der heutigen Zeit
nicht mehr zu erwarten als von der überwun-
denen Halbvergangenheit. Nicht von Staats-
wegen — weder in der alten noch in der neuen
Form des Staates — entsteht der schöpferische
Gedanke, nicht von Vereins- oder Organi-
sätionswegen, noch von wegen der Massen-
herrschaft, sondern er entsteht aus dem Indivi-
dualismus des Künstlers, frei von Gebunden-
heit durch Partei, Gemeinde und Staat, in dem
inneren Bezirk des individuellen schöpferischen

Gefühls, in der radikalen Freiheit der Seele,
die die einzige wirkliche Freiheit ist und zu-
gleich die unentbehrliche Lebensluft des schöp-
ferischen Menschen. Der Künstler ist nicht Pro-
letarier, auch wenn er kein Geld hat; er kann
nicht schöpferisch werden durch Organisation,
die immer nur ein Äußerliches, Materielles be-
trifft. Seine Seelenkräfte sind nicht nach außen
gewendet, wie die des Politikers oder Redners
oder Demagogen; sie sind nach innen gewendet,
auf den Kern seines Wesens bezogen, aus dem
er durch Konzentration, Verdichtung seine
Werke schafft. Er ist immer in gewissem Sinne
Autokrat und nicht Organisator. Auch im
sozialen Zeitalter kann diese Grundverfassung
nicht geändert werden. Er war immer Repu-
blikaner im geistigen Sinn, als er als Freier in
einer Überwelt lebte, wo er keinen Höheren
über sich, keinen Vorgesetzten, keine Gewalt-
herrschaft, auch nicht die der Masse anerkennen
konnte außer sein Göttliches, das er ahnend
über sich wußte, sein höheres Selbst, mit den
Sternen, dem Kosmos, den metaphysischen
Schicksalsgewalten verbunden, denen er wie
einer inneren Eingebung gehorchend, in seinen
Gestaltungen symbolischen Ausdruck verlieh.
Es gibt so wenig von Natur aus ein kirchliches
oder bürgerliches Kunstwerk, wie es ein par-
lamentarisches oder soziales Kunstwerk gibt.
Es steht über den Parteien und den jeweiligen
staatlichen oder politischen Doktrinen. Der
Künstler steht gleich weit von der Staatsform,
sowohl der alten, wie der neuen, zu was immer
er sich sonst als bürgerlicher Mensch bekennen
mag. Sozial ist das Kunstwerk nicht der Ursache
nach, sondern bestenfalls der Wirkung nach. So-
zialwirkt es nur insofern, als es die Seelen ergreift
und zur Gläubigkeit aufruft und verbindet als
Menschheitssache wie etwa die Religion oder die
Kirche, die erst dann die wahre seelische Macht
und Größe erreichen könnte, wenn sie den Mut
hätte, der äußeren politischen Macht, dem
Staat zu entsagen. Dann wäre sie beinahe ein
künstlerisches Ereignis. Die Kunst ist das ein-
zige und wahre Mittel einer Kulturgemeinschaft
der Völker, einer Volkswirtschaft der Seele
als Valutaregulierung menschlicher Werte. Der
schöpferische Mensch huldigt darum notwen-
dig einer Weltanschauung, die zwar als indivi-
dualistisch bezeichnet werden kann, obzwar
sie zugleich Menschheitssache ist. Sie bedeutet

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XXII. Min 1919. 3
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