Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 43.1918-1919

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EDUARD BICK—HALENSEE. HOLZPLASTIK.

ERKÜNDIGUNG. Also sprach um 12 Uhr
nachts der Kunstdiktator im Kaifeehaus:

„ „Der moderne Künstler wird nicht geboren.
Ihn erzieht die Partei! Es entscheidet nicht das
Können und nicht die natürliche Veranlagung.
Hast du unser Programm gewählt, so bestimmt
das Programm wie du malst! Niemand wertet
die Leistung. Sondern du hast entweder das
richtige Programm oder nicht. Darnach werden
deine Werke eingeschätzt und gekauft.

Hüte dich vor der Natur! Sie könnte dich
beeinflussen mit ihrer kitschigen Gesundheit.
Das wahre Kunstwerk wird von den Nerven
hervorgebracht, wenn sie überreizt sind. Die
Reizmittel sind das eigentliche Kunstgeheimnis.
Da die andern nicht verraten werden, welchen
Mitteln sie ihre schöpferischen Erregungen ver-
danken, so sei auch du verschwiegen! Und
wechsle mit den Reizen I Du wirst dadurch viel-
seitiger auch in deiner Kunst.

Wiederhole lieber andere als dich selbst!
Sie werden sich halbtot ärgern über jeden über-
nommenen Strich und Ton, und das ist für dich
ein erhebendes Bewußtsein.

Die solide Schule war eine Einrichtung für
die Künstler der alten Generation. Sie kommen
nun von der „richtigen" Form der Gegenstände,
die sich ihnen durch Übung eingeprägt hat,
nicht mehr los. „Richtig" ist die Natur, die
Wirklichkeit. Wenn sie uns genügten, gäbe es
keine Kunst. Was willst du also in der Schule
lernen? Die Lehrer würden ja doch nur ver-
suchen, ihre Rückständigkeit an dir zu rächen!

Nichts ist für den Künstler gefährlicher, als
eine schöne Handschrift oder sonst eine An-
lage zum „Schönen". Es macht doppelte Mühe,
diese Anlage wieder abzugewöhnen. Unsere
größte Errungenschaft ist die Überwindung des
Schönen. Aus unserm Kodex ist dieses Wort
gestrichen. Und wehe, wenn der ahnungslose
Bürger deine Arbeiten schön findet! Das wäre
gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Wenn
er sie aber für verrückt erklärt, für wüst, krank-
haft, abscheulich — dann ist Hoffnung !

Starke Kunst kann nicht gefallen! Was
dir den Gaumen beizt, schmeckt notwendig
weniger süß als Limonade. Die frühere Kunst
— wenn man diese Schönfärberei so nennen
will — hat sämtliche Sorten von Zartheit, Ge-
fälligkeit und Schönheit erschöpft. Wir opfern
andern Göttern. Aus bitterm Gift brauen wir
berauschende Tränke, uns locken die ge-
steigerten Reize, die jenseits der gesunden, ver-
nünftigen Mittellinie liegen.

Die Kunst tanzt heute auf einem Drahtseil
über Abgründe. Sie kann nur Desperados
brauchen." ".............anton jaumann.
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