Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 43.1918-1919

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DER VERZICHT AUF DEN NATURALISMUS.

VON AUGUST HIRSCH1NG (IM FELDE).

Es kann natürlich nicht Zweck dieser Zeilen
sein, gegen den Naturalismus, wie er im
vergangenen Jahrhundert eine Zeitlang Mode-
richtung war, Sturm zu laufen. Dieser ist als
solche längst erledigt. Mit Naturalismus möchte
ich heute die Gepflogenheit eines immer noch
sehr großen Teils unseres gebildeten Publi-
kums bezeichnen, alle Kunstbewertung, speziell
auf dem Gebiet der bildenden Künste, durch
die Brille des „Natürlichen" zu sehen. Und
zwar sind das sehr oft Leute, die sich auf ihren
Kunstsinn, ja ihr Kunstverständnis etwas zu

gute halten und die in ihrer persönlichen Ehre
sich gekränkt fühlten, wollte man ihnen die
Unrichtigkeit ihres Standpunkts klarlegen. „Wie
natürlich!" oder „Ganz Natur!" gilt bei ihnen
als das höchste Lob für ein Kunstwerk.

„Meine Herrn, die Kunst hat mit der Natur
nichts zu tun!" Mit diesen kühnen Worten
hörte ich vor Jahren einmal einen Stuttgarter
Privatgelehrten einen übrigens sehr interessan-
ten und geistreichen Vortrag beginnen. Das
heißt nun natürlich das andere Prinzip auf die
Spitze stellen, und ich möchte diesen Satz, so

XXII. Nov.-Dez. 1918. 4
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