Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 45.1919-1920

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I). PKCHE-
WIEN.

BROSCHE
IN GOLD.

KUNST ALS UMWÄLZUNG.

Es ist das Wesen der politischen Umwäl-
zungen, daß sie leer gewordene Legitimi-
täten von unten her durch neue Legitimitäten
ersetzen, die formal mangelhaft, aber materiell
übervoll von drängendem Lebensinhalt sind.
Revolution ist Wille zu einem neuen Zwang.
Eine negative Vorstufe ist dabei unentbehrlich.
Aber was hier negativ erscheint, was zer-
stört, einreißt, umrodet, das ist nicht barbari-
scher Vernichtungstrieb, sondern die neue,
mächtigere Ordnung.

Man kann das noch allgemeiner sagen und
den Satz aufstellen, daß überhaupt in allem
Streit eine werdende höhere Versöhnung wirk-
sam ist. Große neue Harmonien senden ihrer
Verwirklichung die Zwietracht voraus. Was
vorher steril und künstlich auseinandergehalten
wurde, drängt sich im Streite kämpferisch, aber
befruchtend aneinander, um eins zu werden
und Neues zu erzeugen. Streit ist verhüllte Über-
einstimmung. Als Sonderfälle solches Streites
müssen in erster Linie die politischen Umwäl-
zungen genommen werden. Sie wissen dies oft
selbst nicht. Sie jagen häufig extremen und
entlegenen Sonderzielen nach, die sie für sehr
wesentlich halten. Aber gerade das, was Re-
volutionen bewußt als ihren wesentlichen Inhalt
angeben, wird oft von der göttlich überlegenen
W ertung des Geschichtsgeistes mit Lächeln
fallen gelassen, sobald es ihm gut dünkt. Einmal
erscheint dann, sonnenhaft und rein am Horizont
aufsteigend, das eindeutige Ergebnis aus der

vieldeutigen Verfinsterung des erregten Han-
delns und beglückt ausnahmslos alle, Gerechte
und Ungerechte, die Kämpfer bestätigend, die
Irrtümer wie Nebelschwaden zur Seite jagend.

Viel reiner noch als im Politischen tritt in
der Kunst das Gesetzgebende, das wesent-
lich Schaffende und Erhaltende der Umwäl-
zungen hervor.

Denn Kunst ist ihrer Verwirklichung nach
eine dauernde, ununterbrochene Revolution.
Man sagt zwar mit Recht von ihr, daß sie ewig
ist. Aber das Ewige an ihr ist ein Fließendes:
die innige Angescbmiegtheit aller ihrer Formen
und Sprachen an das meerartig in der Tiefe
wogende Leben.

Es ist sonderbar, daß dieses theoretisch längst
Zugestandene in der Praxis immer wieder be-
stritten wird. Die kunstfremde Menschheit und
leider auch die große Anzahl derjenigen, die sich
geschäftig, genießend, dilettierend in den Vor-
höfen der Kunst umtreibt, will zwar für einzelne
Äußerungsformen des Geistigen dieses Recht
auf Anschluß an die in der Tiefe forteilenden
Lebensströme anerkennen: der Kunst aber ge-
steht sie es nicht zu. Chemie, Physik, Biologie
und Dutzende von anderen Wissenszweigen
haben sich unter unseren Augen in den letzten
Jahrzehnten bis zur Unkenntlichkeit umgewälzt.
Die Begriffe, die wir auf Schulen von diesen
Dingen aufnahmen, führen uns heute keine drei
Schritte mehr ungefährdet in diese Wissens-
gebiete hinein. Nicht nur das Empirisch-For-
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