Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 45.1919-1920

Page: 236
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1919_1920/0250
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KUNST-UND KULTUR-
STRÖMUNGEN.

VON DR. WALTER GKORGI.

Um ein Kunstwerk zu
verstehen, muß man
sich mit Genauigkeit den
allgemeinen Zustand des
Geistes und der Sitten
derjenigen Zeit vorstellen,
der es angehört. Diesem
Grundsatz, den Hyppoly te
Taine seiner Philosophie
der Kunst voranstellt, ist
die Kunst aller Zeiten ein
überzeugender Eideshel-
fer, einerlei ob man bis
zur Daseinsfreude der
antiken Welt zurückgeht
oder in der Gegenwart
hingerissen oder mißtrau-
isch die Zuckungen des
aus einer chaotischen Wirr-
nis sich emporringenden
expressionistischen Welt-
gefühls verfolgt. Überall
erkennt und fühlt man die
Fäden, die die kulturelle
und politische Entwick-
lung der Völker mit ihrem
künstlerischen Streben
verbinden. — Der ober-
flächliche Beobachter wird
leicht den Einwand erhe-
ben, daß der gegenwär-
tige Drang zu primitiver
Gestaltung in der Kunst
außerhalb unserer an äu-
ßeren Lebenswerten raf-
finiert ausgestatteten Kul-
turepoche stehe. Aber er

sieht dann nicht, daß, in jenem Trieb ver-
borgen, die ersten Anzeichen eines sich vor-
bereitenden Umsturzes ruhen, der zum min-
desten eine Umformung des alten Kulturbaues
beabsichtigt. Die Reaktion auf ein bis zu den
letzten Entwicklungsmöglichkeiten vorange-
schrittenes Zeitalter führt mit unerschütterlicher
Logik vorübergehend zu primitiven Lebens-
und Kulturformen, um auf ihnen ungehindert
den Bau einer neuen Kultur zu beginnen.

Man vergegenwärtige sich die Zeit des Zer-
falls des römischen Weltreiches, die Zeit des
Zusammenbruchs der antiken Kulturwelt. Man
wird in ihr fast ein Ebenbild der Gegenwart
entdecken. Damals trat an die Stelle des im
Staatsbürgertum gebundenen griechisch-römi-

LUDWIG GIES. »KASSETTEDECKEL IX ELFENBEIN

sehen Individualismus der
Gedanke des christlichen
Weltbürgertums. Die Idee
vom „Gottesstaat", der
alle vereinte, spukte in
den Köpfen. Man war be-
reit, auf die Welt mit ihren
Freuden und Genüssen zu
verzichten, um alles für
eine neue jenseitige Welt
hinzugeben. In dieser Zeit
wirft die Kunst die voll-
kommenen Stilformen der
klassischen Epoche wie
ein überdrüssig geworde-
nes Festkleid bei Seite.
An Stelle des antiken
Stils mit dem Ideal kör-
perlicher Schönheit tritt
das Geistige, das Verlan-
gen, das Stoffliche im
Göttlichen zu erlösen. Die
äußere Harmonie der vol-
lendeten Form macht ei-
ner konstruktiven Primiti-
vität Platz, die aus dem
Geist der Zeit gewachsen
ist und sich ihm in ihren
Ausdrucksmöglichkeiten
völlig unterordnet. Die
schlichte Innerlichkeit
christlicherMenschenliebe
hat den antiken Heroen-
kult verdrängt und mit ih-
rem Wesen symbolischen
Ausdruck in der Kunst
gefunden. — Die Gegen-
wart, die mit der Schwere
eines rätselvollen Schick-
sals auf uns lastet, steht
in einer ähnlichen Ent-
wicklung. Unsere heutige Kultur geht mit ihren
Wurzeln auf den Individualismus und den Hu-
manismus der Renaissance zurück. Dieses Zeit-
alter der Wiedergeburt klassischer Weltan-
schauung stellte die harmonische Ausbildung
der menschlichen Eigenschaften des Gemütes
und des Verstandes wieder in den Vordergrund.
Aus dem Weltbürgertum des altchristlichen
Gottesstaates löste sich der Einzelne wieder los
und wurde mit der Gesamtheit durch politische,
wirtschaftliche und geistige Bande ohne jeden
religiös-mystischen Einschlag verknüpft. Kunst
und Kultur erhoben die maßvolle Schönheit des
Gegenständlichen zu ihrem obersten Grundsatz.

Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwick-
lung um die letzte Jahrhundertwende in der voll-
loading ...