Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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ZUM FÜHRERWESEN IN DEN KUNST-SAMMLUNGEN.

Unter dem Titel „Die Entweihung der Kunst-
stätten" unternahm Oskar A. H. Schmitz
im Januarheft 1925 der „Deutschen Kunst und
Dekoration" einen Vorstoß gegen die Entartung
des Führerwesens in den Kunstsammlungen.

Schmitz macht dabei den Vorschlag, die Zu-
lassung von herdenweisen Führungen auf be-
stimmte Stunden zu beschränken, darüber hin-
aus, und das ist der Kern der Sache, regt er den
Neuaufbau des Führerwesens überhaupt an.

Was zunächst die Bedürfnisfrage anbelangt,
konstatiert Schmitz, daß die Mehrzahl der Be-
sucher im Museum ohne Führung eigentlich
hilflos ist. Kataloge leisten dem Fachmann, für
den sie in erster Linie bestimmt sind, ausge-
zeichnete Dienste, die Mehrzahl jedoch nimmt
nach einem kurzen Versuch Abstand von deren
Gebrauch, wie auch von dem sonstiger ge-
druckter Führer, Die fortwährende Umstellung
unseres Auges von der Druckschrift auf das
Kunstobjekt wirkt eben in ganz besonderem
Maße ermüdend und verwirrend. Ohne die
Kunst des Sehens gelernt zu haben, ist es eben
unmöglich, zu einem Kunstgenuß zu gelangen.
So sieht man denn das Gros der Besucher bald
dies, bald das begaffend durch das Museum
schlendern. So mancher wäre begierig, in dies
verschlossene Reich einen Blick zu werfen, aber
niemand ist da, der die Augen für die Schön-
heit und die Bedeutung der Kunstwerke öffnen
könnte. Das Museum als solches hat damit in
den meisten Fällen seinen Zweck nicht erfüllt.
Die so notwendige Befruchtung des Besuchers
zum Besten der Kunst und des Künstlers hat
nicht stattgefunden, und doch war dies nie dring-
licher als heute, insbesondere auch in Anbe-
tracht der bekannten großen Vermögensver-
schiebungen der Kriegs- und Nachkriegszeit.
So wird bei uns allmählich der kunstverständige
und kunstkaufende Teil der Bevölkerung infolge
Fehlens eines Nachersatzes sich immer mehr
verringern und damit eine Verflachung auch
auf diesem Gebiet eintreten, ganz im Gegen-
satz zu den Bemühungen und Bestrebungen,
die Amerika heute in Kunstfragen macht, um
das Versäumte nachzuholen.

In Erkenntnis dieser Umstände werden durch
einige unserer Museen hin und wieder Führun-
gen durch Beamte veranstaltet. Da diese Füh-
rungen jedoch schon ein gewisses Kunstver-
ständnis zur Voraussetzung haben und gewöhn-
lich nur für die Ortseinsässigen in Betracht

kommen, sind sie für das Bedürfnis der Mehr-
heit, die nur auf Reisen zum Besuch der Mu-
seen kommt, ohne Bedeutung.

Die wirtschaftliche Regelung des Führer-
wesens ist bisher außerhalb des Museums durch
den Hotelportier erfolgt. So sind denn diese
Hotelführer in den meisten Museen wohlbe-
kannte Gestalten. Wohl haben sie sich die nö-
tige Gewandtheit im Verkehr mit dem Publi-
kum angeeignet, aber irgendwelche positive
Kunstkenntnisse besitzen sie meistens nicht.
Es ist daher nicht zu verwundern, daß heute
eine gewisseAbneigung gegen Führungen über-
haupt besteht, denn wer einmal eine schlechte
Führung über sich ergehen ließ, wird es sich
ein zweitesmal überlegen.

Man kann es daher nur begrüßen, wenn
Schmitz vorschlägt, diesem Zustand ein Ende
zu machen und Leute mit wirklichen Kunst-
kenntnissen als autorisierte Führer zuzulassen.
Damit diese Maßnahme auch tatsächlich wirk-
sam werden kann, ist es unbedingt erforderlich,
daß wilde (ungeprüfte) Führer in den Museen
ausgeschlossen sind. Diese Führungen sollen
in der Regel einen Kreis von höchstens 3—4
Personen umfassen. Die bisherigen herdenwei-
sen Führungen waren ohnehin ohne jeden Nut-
zen für die Geführten selbst und eine große
Belästigung der anderen Besucher. In diesem
kleinen Zirkel ist es dem Führer möglich, in
Fühlung mit seinen Zuhörern zu kommen und
so jene Atmosphäre zu schaffen, die das Inter-
esse für die Kunst weckt, sodaß sich der Be-
such zu einem wirklichen Erlebnis gestaltet.
Die Lösung dieser Aufgabe, im Besucher den
„ersten Schimmer wirklichen Kunstgenusses
zu erwecken", ist nur dem möglich, der sich
tatsächlich mit Kunst schon ganz eingehend
befaßt hat. Diese Aufgabe ist zu verantwor-
tungsvoll, als daß sie den Händen nur kauf-
männisch denkender Leute belassen werden
könnte, und es ist daher die Nachweisung be-
stimmter Kenntnisse unbedingt erforderlich.

Die Aufstellung'von autorisierten Führern
kann allerdings erst zum Erfolg führen, wenn
zu gleicher Zeit auch deren Schutz gegen die
Konkurrenz wilder Führer, wenigstens in den
Museen, durchgeführt wird. Dann wird die
Maßnahme, die für den Schutz einer Minderheit
bestimmt war, in einer Verlebendigung unseres
Kunstbesitzes zum Besten der Kunst und'der
Künstler sich auswirken.....rudolf gamber.
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