Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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Feiice Casorati.

Goldenes Fleisch, leuchtendes, fast blutloses
Fleisch, Hülle geistigen Lebens in einer bestän-
digen Klarheit der plastischen Materie: das ist
das von Casorati gefundene Mittel, das ihm
sofort den Weg eröffnete, das ihm die Sicher-
heit seiner selbst und persönliches Gleichge-
wicht gegeben hat: ein Mittel, ein Fund, um
den ihn viele beneiden werden.

Der Künstler hat sich absichtlich von der
Materie des menschlichen Körpers entfernen
wollen; er ist dabei aber in seinen Malereien
zu einer gekünstelten, porzellanartigen Materie
gekommen, welche die Auswirkung der erstreb-
ten vollkommenen Harmonien behindert. Aller-
dings verlangen seine Bilder nach glänzender
Farbe; denn wo die Farbe sich trübt, oder ihr
Feuer noch nicht entzündet ist, kommt auch
die Form nicht zur Wirkung.

Casorati ist kein eigentlicher Porträtmaler,
weil er nach dem idealen Ausdruck strebt und
nicht nach einem durchdringenden Erfassen der
einzelnen Persönlichkeit. Und doch hat bisher
sein ungestümes Ringen nach Stil, wobei die
Gestalten in einer inneren Bindung der Ele-
mente gegeben werden, hauptsächlich bei Bild-
nissen einen vollkommenen und überraschen-
den Erfolg gezeitigt.

Das hier wiedergegebene weibliche Bildnis
aus dem Besitz des Malers, ist eines seiner
anziehendsten Werke, frei von Hemmungen,
klar und rein. Hier ist der Stil zum spontanen
Werkzeug geworden. Die bestimmt gezeich-
nete Form ist von dem Leben der Farbe mit
Bewegung erfüllt.

Casoratis Kompositionen, das heißt die Ge-
bilde seiner Phantasie, zeigen sein ernstes Be-
mühen, sein wahres Streben. Das „Konzeit",
sein letztes Werk, ist das Beste von diesen; es
offenbart mehr als alle anderen die Einheit-
lichkeit und den wesentlichen Kern der Schöp-

fung, die Casorati aus seiner eigenen Sensibili-
tät herausgegeben hat und noch geben wird.
Im „Konzert" ist viel Schwung, auch wenn die
Formen keinen vollendeten Akkord ergeben,
wenn auch ein Gegensatz zwischen der Farben-
kälte der Körper und der harmonischen Be-
wegung der Gruppe, die ein Mitzittern voraus-
setzt, besteht. Es triumphiert doch die Musika-
lität der nackten Körper, die sich loslösen im
gleichzeitigen Erklingen durchdringender und
zarter Noten. Farbe und Form ergeben nicht
immer eine Einheit; wo es aber geschieht, auch
in Fragmenten, entsteht das höhere Werk. Das
helle Himmelblau des Hintergrunds, die Weite
über dem Figuren-Bild, ist das Entzücken, das
die ganze Schöpfung freudig aufatmen läßt und,
wie eine zauberreiche Fata Morgana, die Ma-
lerei in eine Einheit zusammenfließen läßt; es ist
das höchste und reinste Wort: der Himmel über
der Erde, die Gemütsbelebung, die die ein
wenig kühle und preziöse Komposition ergänzt.

Die Gestalten des Hintergrunds waren in den
anderen Kompositionen, wie zum Beispiel in
der „Mutter", überflüssig; und so überhäufte
eine Fülle von hinzugefügten, harten und ver-
kürzten Gestalten, den Alten nachgebildet,
das Bild, und ließen eine Schöpfung, die rein,
einig und ungetrübt hätte sein sollen, beinahe
schmerzlich werden.

Jedes durchgearbeitet e Werk ist eine Etappe,
welche viele Versuche verbraucht und in sich
erschöpft; das ganze beständige Streben nach
einer Erneuerung zielt darauf, den Organismus
der Bilder zu vereinfachen und zu reinigen.
Alles muß zu jener Klarheit emporsteigen, mit
der die Falten des rosigen Vorhangs sowie der
Mantel auf dem Knabenbildnis dargestellt sind;
die ganze Materie scheint für den Künstler glatt
und funkelnagelneu sein zu müssen, in der Rein-
heit der Farbentöne. . guido lodovico luzzatto.

DIE INNEREN KRÄFTE.

Es ist zu unterscheiden zwischen Begriffen,
die eine vorhandene Wirklichkeit gedank-
lich zu beherrschen gestatten, — und Begriffen,
die Unwirkliches zu verwirklichen trachten,
Vorgestelltes herauszustellen strebeD, im
Inneren Gesichtetes zu betätigen wünschen.
Jeder Vorstellung wohnt als solcher von Haus
aus eine Tendenz inne, sich in Wirklichkeit um-
zusetzen. Die griechische Philosophie hatte auf
ihrer Höhe den wundervollen Begriff des „logos
spermatiko s " ge sch äffen, aber die Folgezeit hatte

nicht erfaßt, was damit gemeint sei.......

Der analytischen Psychologie, mehr vielleicht
noch der „synthetischen" ist es in vollem Maß

gelungen, nach allen Richtungen der Seelen-
kunde hin an tausend überraschenden Erfahr-
ungen zu erhärten, was es heiße, das unsere
Gefühle, Vorstellungen, Gedanken und schöp-
ferischen Begriffe ebensoviele Kräfte sind,
die aus dem Zustand dynamisch-energetischer

Latenz mächtig hinausdrängen.........

Gedanken, Bilder, Vorstellungen, die wir im
Bewußtsein oder Unbewußtsein nähren, sind
in Wahrheit schwängernde und keimende Welt-
kräfte der lebendigen Erscheinung, sind innere
Wachstums- und Ausbreitungs-Reize, die den
Strom urtümlicher Triebe je nach Wahl und
nach Absicht ablenken können, leopold ziegler.

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