Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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Neuere Arbeiten von Richard Langer-Düsseldorf.

gezackte Kontur; sie ist ganz überschlanke Gliedertürmung,
fern aller in sich beruhenden, blockhaft ägyptischen Statuarik.
Sie ist ganz außer sich, entmaterialisierte Leiblichkeit; kaum
mehr Kern; oder doch nur so viel Kern wie nötig ist, daß
ein plastisches Gebilde sichtbar wird. Aber an diesem Ge-
bilde, das eben noch Plastik ist, wird dann, sollten es die Jahr-
hunderte zertrümmern, jedes Stückchen kostbare Plastik sein,
jedes Teilchen das Ganze vertreten, nach des Künstlers Wunsch
vielleicht das Ganze sein. Solche besessene Liebe zur liestal-
tuDg, zur Form — sie ist es nun wieder, die das vulkanische
Auseinanderrasen der Teile zu beruhigterer Haltung heranholt,
bändigt, bildet. Diese Figuren beharren in einer unheimlichen
Spannung — unheimlich, weil in ihnen der furchtbare Kampf
Ereignis ist, den unbegrenzter Geist mit begrenzter Materie
auszukämpfen hat. Plastik ist Umgrenzung, ist Begrenzung
gegen das Grenzenlose. Willentlich zusammengerissene Körper
werden fühlbar — aber eine Hand, die Hand streckt sich,
zuckt, deutet ins Grenzenlose. In diesen empfindsamen,
schmieg- und biegsamen, bis ins äußerste Glied durchgefühl-
ten Aristokratenhänden — nicht in den immer etwas keusch-
blöden Gesichtern — gipfelt letzter Sinn und Ausdruck; von
hier aus empfängt das Übrige, das Begrenzte Nötigung, Gesetz.
In ihrer nachdrücklichen Geste sind es immer Prophetenhände,
sehnsüchtige Gottsucher, Gottkünder. Nicht die Erfüllung
siod sie, nicht selig-griechische Linienschönheit Lehmbruck-
scher Prägung. Immer sind sie ungestillte Sehnsucht, immer
donatelleske Täuferhände. Und wie diese härenen Söhne der
Wüste straff und gespannt aus heißem, sandigen Boden wach-
sen, im Vollbewußtsein ihrer Vorläufer-Mission, da überkommt
sie eine große Stille. Von innen leuchten sie auf, wie Sterne
aus der Dunkelheit. Ohne an Kraft des seelischen Ausdrucks
zu verlieren, ebnen sie sich ein und unter den langen wallenden
Rhythmen, in die — so scheint es — das Ganze der aufge-
schreckten Tiefenkunst unserer Tage einzumünden Bestim-
mung ist........................k—s w—.

Ä

DIE SPRACHE DER SEELE.

Alle Kunst geht aus der Einheit der Seele hervor, und so
l~\ wird sie dort, wo sie Eingang findet, auch wieder zur
Einheit der Seele sprechen.

Daß der Künstler ein Suchender ist, um den passenden
Ausdruck für sein Seelenbild zu finden, und daß ein Suchender
auch irren kann, das müssen wir unserer Menschlichkeit schon
zugestehen, und es soll schon vorgekommen sein, daß ein
Künstler etwas ganz anderes gesucht und sogar auch gefunden
hat, als was das kunstsinnige Publikum von ihm verlangt hat,
— Denn die Wege des Lebens sind gar wunderbarlich.

Die schönen Künste bringen uns einen der edelsten geistigen
Genüsse und machen unsere Seelen weit, zur Aufnahme des
ganzen Reichtums der Schönheit der Welt.....hans teoma.

PROFESSOR RICHARD LANGER. »PFEILERSCHMUCK« HAUS A. K".-DARMSTADT.
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