Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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GESCHMACK UND MODE.

Von Leuten, die an den eigenen Geschmack
glauben, hört man oft eine Ablehnung der
„Mode". „Wozu sich den wechselnden Lau-
nen der Mode fügen, die ihre Wandlungen nicht
nach den Bedürfnissen des Einzelnen richten
kann?" Wer aber inmitten modisch Geklei-
deter einen Eigenbrödler betrachtet, wird nicht
ihm, sondern der Allgemeinheit recht geben.
Mode ist „Gemeinschaftsform des Äuße-
ren". Wie der Einzelne sich der Gemeinschaft
eingliedert, ohne sich selbst aufzugeben, so muß
er sich auch der Mode gegenüber verhalten.
Er fügt sich in den Hauptlinien und wandelt
sie in Kleinigkeiten nach eigenem Bedürfnis.

Es zeugt gerade vom Gegenteil des Ge-
schmacks, aus dem Rahmen der Umgebung zu
fallen. Oskar Wilde behauptet, ein gesellschaft-
lich gut erzogener Mensch müsse sich so zu
kleiden wissen, daß jeder anerkenne, er sei
gut angezogen, aber nach dem Verlassen der
Gesellschaft nicht zu sagen vermöge, wie sein
Anzug gewesen sei. Es ist ein Beweis für den
Mangel an Gemeinschaftssinn, wenn jeder sei-
nem Hut eine besondere Form geben möchte.
So verschieden ist der Inhalt der meisten Köpfe
wirklich nicht, daß man die Verschiedenheit
nach außen so betonen müßte, und echte Son-
derlinge werden immer seltener. Wenn die
Originalität eines Menschen nur durch den
Rock dokumentiert wird, kann die Allgemein-
heit gern auf sie verzichten. Außerdem wird
die Mode von Menschen mit Geschmack ge-
schaffen und richtet sich nach „Typen", welche

die Verkörperung gesetzmäßig bedingter Aus-
drucksformen des Zeit-Charakters darstellen.

Wer die Zeitform negiert, stellt sich also
nicht nur außerhalb der Gemeinschaft, sondern
er stellt sich außerhalb seiner Zeit. Damit wird
er in seiner Lebensform nicht zeitlos, vielmehr
unzeitgemäß. Das gilt auch für die Gestaltung

der Wohnung..........dr- r- corwegh.



Die lächelnde, leichtsinnige Königin Mode
leiht den Einflüsterungen des Zeitge-
schmacks steis ein williges Ohr; während an-
dererseits der Zeitgeschmack sich stets so trägt,
wie ihn die erlauchte Frau am liebsten sieht.
Aber im Grunde handelt es sich um zwei ver-
schiedene Persönlichkeiten, die auch deswegen
oft verschiedenen Amtes walten. Der Zeitge-
schmack hat den männlichen Beruf der ,Grenz-
verteidigung', er sorgt dafür, daß Unschickliches
und Ungemäßes nicht ins Bereich kommt. Die
Mode aber hat das liebliche, frauliche Amt,
zu bestimmen, was an Schicklichem und Ge-
mäßem innerhalb des Reiches gelten soll, und
in welcher Art es zu dieser Geltung komme.
Der Zeitgeschmack wird immer von den nüch-
ternen, notläufigen Bedingungen der Gegenwart
getragen. Die Mode aber hat ihren Thron in
den Wolken, in den lieben, lächelnden, lichten
Wolkenbildungen des Menschengemüts, die die
Lust am ewig-schönen Wechsel, am gelunge-
nen Einfall, am harmonischen Spiel, das
allerartigste Vergnügen am passenden „Was
und Wie" heißen. ..... hansschiebklhdth.

grundriss des landhauses am ammersee (seite 185).
entwurf: prof. rich. riemerschmid.
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