Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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ÜBER PLASTIK.

Haben wir Heutigen wirklich eine wache
Empfindung für diese Kunst. Geben wir
uqs keinen Täuschungen hin! Wohl erfreuen
wir uns an schönen Ausstellungen plastischer,
d. h. bildaauerischer Werke. Wohl hat die
Kunst der Bildhauerei selbst gerade in den
letzten Jahrzehnten sich auf ihr eigentliches
Wesen besonnen und schönste Leistungen her-
vorgebracht. Trotzdem: das Publikum steht
dieser uns ferner gerückten Kunst recht hilflos
gegenüber. Ja, es weiß nicht einmal, mit welchem
Sinn es Skulpturen eigentlich zu erfassen habe.

Die meisten Betrachter freuen sich an Linie
und Kontur, schwelgen in der Weichheit oder
in der Herbe einer Form — und würdigen
das Bildwerk also letztlich doch rein mit dem
Auge. Und mißverstandene Theorien großer
Künstler und Theoretiker haben zu dieser Ein-
stellung noch ein übriges getan. Es ist aber frag-
lich, ob es denn überhaupt das Auge ist, was
durch dieBildhauerei angeregt werden soll. Oder
— fragen wir vom Standpunkt des Schaffenden
aus, — der ja doch mit dem Standpunkt des
Betrachtenden sich decken muß —: Schafft
denn das Auge die Skulptur? Oder ist da ein
ganz anderer Sinn am Werke? Eben ein Sinn,
den wir Heutigen kaum mehr zu gebrauchen
verstehn, — woher denn auch die Hilflosigkeit
gegenüber Bildwerken der Plastik stammt.

Es ist interessant — und immer wieder nütz-
lich —, was Herder über diesen Gegenstand
sagt. In seinem Aufsatz: Plastik (im 3. Band
seiner gesammelten Schriften) packt er wie alles,
was er anfaßt, auch das Problem des Plastischen
an seiner Wurzel. Er beginnt, wie folgt: „Jener
Blindgeborene, den Diderot bemerkte, stellte
sich den Sinn des Gesichts wie ein Organ vor,
auf das die Luft etwa den Eindruck mache wie
ihm ein Stab auf die fühlende Hand. Ein Spiegel
dünkte ihm eine Maschine, Körper im Relief
außer sich zu werfen, wobei er nicht begriff,
wie dieses Relief sich nicht fühlen lasse, und
glaubte, daß ein Mittel, eine zweite Maschine,
möglich sein müsse, den Betrug der ersten zu
zeigen. Sein feines, richtiges Gefühl ersetzte
ihm in seiner Meinung das Gesicht völlig. Er
unterschied bei der Härte und Glätte eines
Körpers nicht minder fein als beim Ton einer
Stimme, oder wir Sehenden bei den Farben,
Er beneidete uns also auch unser Gesicht, von
dem er keine Vorstellung hatte, nicht; wars ihm
j a um eine Vermehrung seiner Sinne zu tun, so
wünschte er sich etwas längere Arme, um in

den Mond gewisser und sicherer zu fühlen als
wir hineinsehen."

Man lese selbst jene lapidare Einleitungs-
stelle weiter. Herder erzählt dann von Blind-
geborenen, denen der Star gestochen wurde:
Sie wissen nicht zu sehen. Nachdem sie erst
gelernt haben, das Flächig-Gesehene körperlich
auszudeuten, fällt alles körperlich auf sie herein
usw. Was Herder bringt, war damals schon
nichts Neues und ist es heute noch viel weniger.
Daß er es aber in den Kern seiner Untersuchung
über Plastik rückt, das ist das Bedeutsame, das
wir uns auch heute wieder vorhalten müssen.

Denn was erhellt aus diesen Bemerkungen.
Daß unsere Augenerkenntnis eine durchaus ab-
geleitete Erkenntnis der körperlichen Welt ist.
Daß der Gefühlssinn es ist, der das Volumen-
haft-Wirkliche der Welt abtastet und es dann
dem Auge zu wissen gibt. Daß also, wo Kör-
perliches als Stoff des künstlerischen Schaffens
und Betrachtens entgegentritt, der Gefühlssinn
es sein muß, der hier zu erkennen hat, und daß
von ihm die Kriterien abgeleitet werden müssen,
die zum Verständnis plastischer Kunst aus-
schlaggebend sind. Was wir sehen, müssen wir
zuerst erfühlt, ertastet haben. Und daran eben
krankt unsere Zeit. Wir haben uns gewöhnt,
auch die körperliche Welt aufzunehmen auf
dem intellektuellen Umweg über das Auge.
Erst wo sich der Körper selbst wieder hinein-
zuversetzen versteht in die zu bildende Masse,
erst wo wir räumliches Verstehen zurückge-
wonnen haben, da beginnt ein wirkliches Er-
fassen plastischer Bildungen. Von dieser Stufe
aus erst mag es weitergehen in das Erlebnis
jener Spannung zwischen Masse und Umraum,
einem Kampf gleichsam, der im Grenzgebiet
der plastischen Oberfläche zum Austrag kommt.
Weiter zum Erfühlen jener Gewichtsverteilun-
gen, und letztlich zum Auskosten einer prik-
kelnd und materialgerecht behandelten Ober-
fläche, auf der schon malerische Wirkungen
zu spielen beginnen. Rodin und Maillol, das
sind in unserer Moderne die beiden Pole pla-
stischer Gestaltung, in deren Vergleich und
Wertung ein j eder sein plastisches Erleben nach-
prüfen mag auf seine Echtheit. Wer Rodin
sieht, ohne Maillol zu begreifen, der ist
eben noch in visueller Erfassung einer Kunst
befangen, die mit dem Visuellen erst in zweiter
oder gar dritter Linie zu tun hat, in der es zu-
erst und zutiefst um körperlich zu erfühlende
Sinnenwerte geht......dr. oskar schürer.
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