Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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ARCH. BREUHAUS Sc ROSSKOTTEN.

»WARTERAUM, II. OBERGESCHOSS«

DER MENSCHLICHE WERT.

VON HANS SCHIEBELHUTH.

In Piatos Staat steht ein Satz, der allen Ästhe-
ten reinen Fahrwassers, allen Hedonisten,
allen Nur-Genießern ein Dorn im Auge ist. Ich
meine jene berühmte Stelle, in der davon ge-
handelt wird, daß in dem idealen utopistischen
Zukunftsstaate nur Dichter (sinnentsprecbend
für heute nur Künstler) zugelassen sein sollen,
deren Werke die Menschen zu edlen Gedanken
und zu hohen Taten begeistern und befähigen.
Lassen wir heute die Frage dahingestellt, ob
sich ein solches politisches Gebilde jemals wahr-
machen lassen wird, und begnügen uns mit der
Feststellung, daß schon der klarste und ausge-
wogenste Denker des Altertums als höchstes
Kriterium für ein Kunstgebilde das erkannte,
was auch heute noch geheischt und gefordert
werden muß, den menschlichen Wert. Moral-
politische Grundeinstellung ist also eine uralte
Sache Kunstwerken gegenüber, sie kann sich
der besten Tradition rühmen. Allenther aus
dem Zug der Zeiten hat sich ein Chor der besten
und erhabensten Stimmen um diese Wahrheit
geschart; alle Zweige der KunstübuDg haben

sie als gültig für sich in ihren vornehmsten Ver-
tretern anerkannt, selbst für die Musik, die
gemeinhin als die unkonkreteste, mit Gedanken-
gut am wenigsten beladbare Kunst gilt, ist hier
zugepflichtet worden. Selbstverständlich, was
wäre die Tonkunst — mag sie immerhin für
den Sachbetrachter als Klangversinnlichung
freier Kosmoskräfte bestehen — wenn ihren
Zeugnissen nicht menschliche Wertigkeiten inne-
wohnen? Wer nach einem Bach'schen Konzert
nicht als ein besserer Mensch, als ein Reprä-
sentant gehobenen und erhabenen Menschen-
tums, nach Hause geht, der ist sicher, glauben
wir, für die Kunst und nicht nur für die Kunst
verloren. — Für den schaffenden Künstler ist
in dieser Wahrheit eine andere, intimere ver-
borgen. Es wird wohl niemand zu glauben ge-
neigt sein, daß man sich der Formen, Gehalte
und Inhalte, wie sie zu edlen Taten und hohen
Gedanken begeistern und befähigen, mit tat-
sächlichem Erfolg von außen her bemächtigen
kann. Die alte Lehre „Was Du nicht innen
bist, kannst Du nicht aus Dir sein" ist so wahr,
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