Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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Pablo Gargallo.

zieht, steht Gargallos Schaffen zwischen der
Rodin'schen Romantik und dem durch Natur-
beobachtung bereicherten Klassizismus, den
Maillol und Fiori in der besonderen Weise
ihrer verschiedenen Nationalitäten vertreten.

Alles wichtige Schaffen in der heutigen Pla-
stik scheint zu planmäßiger Bekämpfung jenes
Großsprechertums, jenes Archaismus entschlo-
sen, denen ein Bourdelle erlegen ist. Bour-
delle hat der Plastik eine rein literarische Hal-
tung gegeben, die aus antiken Reminiszenzen
besteht. Das Werk eines Lebenden den Lei-
stungen der Vergangenheit unterordnen, heißt
immer einen leeren Abklatsch hervorbringen.

Gargallo kopiert weder Altes noch Neues.

Er nimmt eine Form, gibt ihr seine auf die
möglichste Höhe getriebenen Formqualitäten,
erhöht sie entweder zu einer Schönheit, in der
das Zeitenüberdauernde sich ausspricht, oder
zur Charakteristik einer komischen Maske.
Wenn er einen Violinspieler aufbaut, ist das
ganze Werk Bewegung und Rückkehr der Ge-
sten zum Herzen, dem der Klang der Musik

zu entströmen scheint. Ist es ein Werk reli-
giösen Iahalts, so geht er auf reinste Klar-
heit und auf einen Abglanz des Himmels aus.

Und nie verliert er zwei kategorische Impe-
rative aus dem Gesicht: die Plastik zu behan-
deln als einen Zusammenklang von Formen und
Licht, die Kunst zu behandeln als einen durch
Natur erhöhten schönen Schein.

Die Verwendung des Metalls zu plastischer
Arbeit ist heute selten geworden und scheint
nur zwei Künstler unsrer Zeit zu Vertretern zu
haben. Man kennt die Masken, die Andre
Derain in Granathülsen geschnitten hat. Gar-
gallo zaubert aus Kupferplatten Bildnisse her-
vor, bei denen das Metall die köstlichen Ara-
besken ermöglicht und der Hammerschlag der
Oberfläche eine Körnung gibt, die sie wie eine
vom Licht überspielten Haut erscheinen läßt.

Gargallo liebt die festen Formen, die mus-
kulösen, feurig gesunden Körper. In ihrer Dar-
stellung bewährt er stets das aufmerksame,
zarte Empfinden eines Menschen, der die Ver-
ehrung für die ewige Schönheit kennt, f. fels.

IDEE DER PLASTIK.

Jede Kunst hat eine ihr innewohnende Grund-
idee. Jede Kunst lebt von einer ihr eigenen,
bestimmten Begierde, die ihr geistiger Kern und
Keimpunkt ist. So ist es die Urlust der Ma-
lerei, Raum in die Fläche zu bringen. So lebt
die lyrische Dichtung von dem Trieb, in der
rationalen Sprache das elementare, geschöpf-
liche Singen ertönen zu lassen. So ist es
schließlich die Idee der Plastik, Erde mit dem
Geist zu durchleuchten. Plastik ist im Ursinn
die sich aufwölbende, aufbäumende Erde, die
damit einer gleichsam saugenden Einwirkung
des Geistes gehorcht. Das bedeutet vor allem:
Plastik ist nichts Aufgesetztes oder Hingestell-
tes. Plastik kommt im Ursinn nicht von oben,
nicht vom Geist her; sie ist nicht das „Ge-
machte", bei dem der machende Wille alles ist
und der Stoff nur ein nebensächliches Aus-
drucksmittel. Plastik ist die sich nach dem
Geist sehnende, nach oben aufsprießende Erde.
Ihre Bewegung geht der Hauptsache nach
aus dem Dunkel zum Licht, aus der Tiefe zur
Höhe. Wenn im alten Morgenland Felsen, ja
ganze Berge zu Königs- und Göttergestalten,
zu durchgeformten, reichgeschmückten Tempel-
bauten werden, so spricht sich darin das von un-
ten Kommende, das Angesiedelte und zur Frei-
heit, zur Verklärung Drängende der Plastik sehr
klar aus. Die buchstäbliche „Freizügigkeit" des
plastischen Werkes, die die technischen Künste

des Menschen ermöglicht haben, bildet dazu
keinen Widerspruch: in der Schwerkraft des
Steins, der Bronze, des Tons liegt immer noch
die Verweisung auf die geheimnisvolle Ur-
sprungsregion, liegt noch der Rückblick auf die
Bewegung aus dem Dunkel in den Tag des
Geistes. Die Erde wirbt um den Geist; sie
bietet sich ihm voll Verlangen dar. Das Zweite
ist dann die Ergreifung der Erde durch den
Geist (worunter stets auch die formende Kraft
verstanden ist), damit sie, die Dunkle, von ihm
gestaltet und durchleuchtet werde. Eine uralte
Symbolik, die überall auf der Erde zuhause ist,
meldet sich zum Wort: die Erde vertritt das
weibliche, der Geist das männliche Prinzip. Das
Weibliche bringt den lebendigen Stoff und die
ewige, sehnende, werbende Verführung. Das
Männliche bringt die Ergreifung, die Verklärung,
die Gestalt. Hierin liegt die merkwürdige Tat-
sache begründet, daß fast niemals eine weibliche
Künstlerin zu starker bildbauerischer Leistung
kam. So ergibt sich schließlich: Plastik ist eben-
sowohl die zum Geist gesteigerte Erde wie der
zur Erde getrübte Geist. Von dem Ereignis
dieses Zusammentreffens herhat die große Pla-
stik der Kunstgeschichte das stille, feierliche
Verweilen, das ruhevolle Auskosten der Begeg-
nung. Eine Ruhestunde überglänzt sie; sie hat
die Haltung eines Menschen, der einen Gipfel
erstiegen hat und ins Weite blickt..... o. l.
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