Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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BRUNO
KRAUSKOPF.
»BLUMEN-
STILLEBEN«

CHINESISCHE MAUERN.

VON ERNST V. NIEBELSCHÜTZ.

Mit Ingrimm und doch auch wieder mit heim-
lichem Vergnügen hörte ich, daß die Chi-
nesen im Begriff seien, ihre berühmte, von den
Tschin-Kaisern im 3. vorchristlichen Jahrhun-
dert errichtete, an 3000 km lange Mauer dem
Erdboden gleichzumachen. Mitlagrimm: denn
die Mitteilung zeigt, welche Verirrungen eine
plötzliche Wendung zum modernen Denken
selbst in einem Volke anrichten kann, das die
Überlieferung pietätvoll gepflegt und Großes
in der Kunst geleistet hat.

Vielleicht handelt es sich bei dieser Nach-
richt nur um eine Mystifikation eines ostasia-
tischen Spaßvogels, der an ihrer Wirkung auf
Europa seinen Witz erproben will. Oder ist
sie gar symbolisch aufzufassen? Denn gei-
stige Mauern zu tragen ist bekanntlich ein
über die ganze Erde verbreiteter und auch gar-
nicht einmal so ungern gesehener Brauch. An
ihrer allmählichen Abtragung zu arbeiten, hat

sich deshalb die Menschheit bisher ohne nen-
nenswerten Erfolg bemüht. Kaum gelingt es
der Wissenschaft, hier und da Breschen zu
schießen: sofort sind Aberglauben, Eitelkeit,
Eigensinn bei der Hand, das entstandene Loch
wieder zu verstopfen oder an anderer Stelle
die Mauer nur umso höher zu türmen. So
gleicht mancher Mensch geradezu einer wan-
delnden Festung. Das alles zielt nun keines-
wegs etwa nur auf den unbelehrbaren, weil
lern- und denkfaulen Ultrakonservatismus,
der sich jedem fortschrittlichen Gedanken hals-
starrig entgegenstemmt — was der echte, d. h.
positive Konservatismus nicht tut. Es bezieht
sich genau so auf die Fortschrittler selber.
Ich meine die ungeduldigen Desperados unter
ihnen, die sich keinen Augenblick der Ruhe,
geschweige denn der tief atemholenden Um-
und Rückschau gönnen, vor lauter Angst, im
Wettlauf mit der Zeit auch nur um Haaresbreite
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